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Montag, 28. September 2020

verschleiert

(Kurze Zug-Schreib-Maßnahme als Gedanken-Ordnungs-Strategie)


Die Welt besteht aus so vielen Missverständnissen. 
Viele davon verschleiern die Realitäten. 
Zum Beispiel; Unsere Freiheit beruht auf anderer Ausbeutung. 
Oder; Das Recht was hier gilt, beruht auf anderen Ungerechtigkeiten.

Alles kriselt und kreist sich doch in unseren Köpfen ist es neblig. 

Wir denken; wir haben das Recht, es anderen zu verwehren. 
Wir meinen damit; wir sind mehr wert als andere.
Wir haben vergessen, dass alles ein großes Irrtum ist. 
Zufall wo wir herkommen, Zufall wo wir hingehen. 
Wir sagen; wir haben das Richtige und ihr das Falsche. 
Wir dürfen mit dem Finger auf "euch" zeigen und "ihr" schreien. 
Wir dürfen das.

Alle ängsteln, niemand weiß Bescheid. 

Viele trauen sich nicht. 
Viele sehen sich intensiv an.
Viele vergessen sich und werden mit der Zeit unsichtbar.
Viele vergessen die, die unsichtbar geworden sind.  

Menschen gehen nicht mehr als fünf Meter Sichtweite und fürchten sich vor der Ungewissheit auf der vermeintlich anderen Seite. 

Dabei ist die Welt rund und keine Scheibe. 
Dabei ist das Komplizierte viel einfacher, wenn man es mit Abstand betrachtet.

Und am Ende bleibt nicht viel, wenn alles geht. 
Sich alles dreht und einiges verloren geht.
Und wir, wir überleben garantiert nicht.

Dienstag, 19. Februar 2019

crazy little thing called Feierabend.


Ich warte auf etwas, auf was ich niemals warten wollte. Mein Nacken ist verspannt und eine Handbreite unter meiner linken Schulter wird der Daumengroße Knubbel langsam hart wie Stein.  Meine Finger tippen müde auf dem Stück Plastik vor mir herum. Machen klick, klack, klack. Ich summe dazu ein bisschen, popele in der Nase, gähne. Die einzige Pflanze in diesem Raum ist inzwischen ganz blass geworden. Sie ist nicht mal mehr grün, sondern eher fad. So eine Pflanze, die langsam ihre Farbe verliert, habe ich noch nie gesehen. Ich frage mich, ob sie irgendwann weiß wird, oder ob sie vorher stirbt. Sie ist meine Metapher-Pflanze, ich nenne sie 'Über-Ich'. 

Durch die Tür kommt eine Person. Frida. Sie sagt 'naaa bald so weit?'. Ich sage 'ja bald', lächele sie an, eher fad und stelle mir indes vor, ich würde meine Tagesgespräche codieren. Ich überlege mir kurz einige Kategorien: Abkürzungen, Codes, Zeit, Gemüt. Dann schließe ich die Excel-Tabelle und überlege was als nächstes zu tun ist. Meine To-Do-Liste ist genauso lang wie meine imaginäre Ikea-Einkaufsliste. Und ebenso urgent. Frida kommt wieder. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und schreibe deshalb nur Blödsinn auf meinen Notizzettel. Z.B. Gedanken-reißen. Das passiert mir häufiger. Ich versuche mich auf ein kurzes Gespräch mit diversen Abkürzungen und Codes zum Thema Zeit und Gemüt zu konzentrieren.
'Alles ok?' Ich verziehe den Mund zu einem langen Schlitz und lächele mild. Da ich nicht lügen kann, mache ich stattdessen interpretierbare Grimassen. 'ohje'- Schiefer Blick. 'hast du schon das neue Formular ausgefüllt?' 'welches?' 'na das zur Verhinderung von Spaß am Arbeitsplatz!' Frida lacht laut und ich starre in den PC. Ich rolle ironisch mit den Augen und sage 'ha ha'. Über-ich schaut mich traurig an, Frida geht.

All dieses Potenial das hier rumliegt. In Scheiben und ordentlich sortiert. Ich schreibe auf meinen Merkzettel: positive Einstellungen infiltrieren. Sonst bekomme ich noch den Preis für die grummeligste Person, die hier jemals gearbeitet hat, die ständig flucht und blass wird, wenn sie einen elektrischen Schlag von der Türklinke bekommt. Ich arbeite weiter und hart an mir. Ich sehe, dass der Himmel wieder blau wird. Fülle Formulare aus und schreibe Protokolle und Pressemitteilungen. Ich schreibe bis meine Finger wund werden und mein Po dazu. Dann stehe ich auf, lasse mir einen letzten Schlag geben, schaue bei Frida rein, sage ihr Tschüss, wünsche einen schönen Tag, hebe die Hand für einen letzten Gruß und verlasse mit gesenktem Blick das gläserne Gebäude. Die Frau am Empfang schaut kurz hoch, als ich an ihr vorbei gehe und sagt mit einem strahlenden Lächeln, das ebenso schief in ihrem pausbäckigen Gesicht hängt: 'schönen Feierabend'. Ihre Bluse ist wie der Subtext Alarm-rot.

Montag, 30. Juli 2018

political bodies


Ich weiß nicht wieso ich auf meinem Blog selten politisch werde (vielleicht weil ich mich nicht traue? weil ich mich damit angreifbarer mache? was sollen die Leute denken?), obwohl im realen Leben häufig etwas Kritisches zu sagen habe. Und hier eine Plattform wäre um seinen (bzw. meinen) Senf ein bisschen gesellschaftkritischer um die Wurst zu schmieren. Ich habe lange überlegt (und bin zu keinem Ergebnis gekommen), aber jetzt passiert es. Es fängt auch erstmal ganz harmlos an und natürlich, es geht um Körper. 

Your Body is a wonderland...

Das schöne an einem Körper ist zunächst, dass jede/r einen hat. Das alle wissen worum es geht (ist das so?). Kurzer Reality-Check (einmal kneifen); ja das ist er. Körper sind nicht nur deshalb schön, weil alle einen haben, weil sie uns Form und Halt geben: ein Aussehen sogar. Sie sind auch wegen anderen Dingen toll: sie sind (unter anderem) gestalt-, modifizier- und verletztbar, sie haben Flecken, Punkte, Haare, Öffnungen und Wunden und die besonders geniale Fähigkeit uns am Leben zu halten. Wow (sollte man meinen). Gerade ist der Körper aktueller (war er jemals nicht aktuell?) denn je. Überall sind sie und in all ihren denkbaren Formen sowieso und überall werden sie kommentiert. Ein einzelner Körper hat die Möglichkeit eine Vielzahl von Betitelungen und Urteile zu bestehen oder daran zu scheitern (kann ein Körper scheitern?). Selbst- sowie Fremd fabrizierte Bewertungen sind überall da wo auch unsere Körper gerade sind. Ein Körper wird außerdem zur Verkörperung der inneren Umstände. An ihm zeichnet sich nicht nur das individuelle Innere, sondern auch das gesellschaftliche Äußere ab. Starke Emotionen und Stress verursachen eine Verformung des Körpers, ebenso wie Hunger, Durst und Sport. Auch das Wetter nimmt Einfluss. Man könnte also meinen Körper sind ein Ding in dem wir stecken und das wir nicht nur gestalten können, sondern sollten. Dass wir hegen und pflegen und bloß nicht verkommen lassen sollten. Denn meist hat jeder nur einen und meist wurde er sich nicht mal selbst ausgesucht. Also warum nicht: ran an den Körper, also mach das Beste daraus!

Der Körper als Objekt der Möglichkeiten

Das kann heißen: Vorsicht bei Sonne (immer schön einschmieren), Kälte (lieber ne Jacke mitnehmen) und Wind (und ein Schal am besten auch)! Das kann aber auch bedeuten: Ich esse heute nichts (oder nie mehr), ich schlafe viel (oder gar nicht), ich rede wenig (oder immer nur noch ungefragt). Oder: ich tattowiere mir ein Pferd auf den Hintern oder pierce mir einen Nasenring oder ich zwicke mich solange in den Oberschenkel, bis ich einen blauen Fleck habe. Das alles kann auch bedeuten den Körper mit Sport,  Hormonen oder Operationen zu verändern. Ihm eine neue Form geben. Alles ist, oder scheint zumindest möglich in dieser Welt. Bei all diesen Wundermöglichkeiten (die ja gar nicht per se schlecht sind), werden allerdings häufig einige Aspekte außer Acht gelassen. Zum Beispiel:

Körper und Privilegien 

Körper sind nicht nur alle unterschiedlich, unterschiedliche Körper haben auch unterschiedliche Möglichkeiten. Und das ist völlig random: je nach dem wo ein Mensch geboren wird, unter welche Voraussetzungen jemand aufwächst und aussieht hat einen großen Einfluss auf das restliche Leben. Ein Körper wird durch sein Aussehen und seine Form, seine innere und äußere Verfassung, sein Alter und seine Gesundheit zu einem Ort der Macht. Dort gibt es Privilegien, aber auch eine große Anzahl Benachteiligungen. All diese sind gesellschaftlich konstruiert und haben rein gar nichts mit den Menschen zu tun, die rein zufällig in den Körpern stecken. Weiße, schlanke Körper haben es einfacher als schwarze, dicke, kranke oder kaputte Körper in dieser Welt. Und da können sie sich noch so anstrengen, sich noch soviel selbst lieben und noch soviel kneifen. Das heißt nicht dass weiße, schlanke Menschen keine Probleme haben. Dennoch haben sie (ich auch) viele Privilegien und werden nicht nur seltener für ihr Aussehen bewertet, sondern auch bevorzugt mit positiven Charaktereigenschaften verknüpft. Und das ist ziemlich ungerecht.


Schön-Sein

Im ganzen Körperzirkus ist 'schön-sein' (whatever that means) ein hohes - wenn nicht das höhste - Gut. Schön sein, bedeutet aktuell für Frauen beispielsweise sportlich-schlank zu sein (nicht zu dünn!), glatte, haarlose leicht gebräunte Haut zu haben und saubere Kleidung zu tragen, nicht zu grell, nicht zu auffällig, aber auf keinen Fall nichtssagend und unscheinbar. Diese Schönheitsvorstellungen verändern sich zudem alle paar Meter und Jahre. Die Erfüllung der Ideale spricht deshalb auch dafür, dass ich es schaffe mitzuhalten, dass ich aufmerksam den Zeitgeist kenne und mitverfolge. Ein derzeitiger Trend geht nicht nur da hin, dass andere uns lieben, weil wir schön sind, sondern auch das wi uns selbst lieben, weil wir schön sind (am besten: so wie wir sind). Das Ganze heißt dann: Self-Love. An Selbstliebe ist sicher nichts verkehrt, es sei denn; du musst. Es sei denn: schön-sein ist wichtiger als 'Sein'.


Körper als Orte der Scham

Bist du nicht schön, schämst du dich schnell. Warum? Wegen deines Körpers. Er ist nicht so wie er seien soll und selbst wenn; er könnte besser sein. Selbst wenn er perfekt funktioniert, Gründe um sich zu schämen sind dennoch zahlreich vorhanden. Zum Beispiel: er blutet (Frauen sind davon besonders 'betroffen'). Zum Beispiel: er stinkt, er kratzt oder macht komische Laute. Scham ist kein rein weibliches Phänomen und doch werden besonders Frauen von Körperscham heimgesucht. Warum? Vielleicht weil sie häufig besonders auf ihre Körper reduziert werden, vielleicht weil sie gelernt haben nicht okay zu sein, vielleicht weil sie es einfach nicht besser wissen. Scham ist eine seltsame Emotion und braucht eigentlich immer ein vorgestelltes Gegenüber. Wer könnte das sein? Ein Mann? Die Eltern? Freunde? Warum sollten die urteilen? Weil es alle tun. Weil sie sich selbst nicht mögen. Weil es andere nicht tun. Ein klassischer Teufelskreis. 

Geschlechtskörper 

Ein Körper ist auch deswegen politisch, weil er in unserer Gesellschaft angibt welches Geschlecht wir haben. Meist wird hier nur zwischen weiblich und männlich unterschieden. Dieser Unterschied ist wahrscheinlich überhaupt nicht nötig, geht aber auch wiederum mit einer Vielzahl von weiteren gesellschaftlichen Unterschieden und  Zuschreibungen einher. Je nach dem welches Geschlecht unser Körper anzeigt (oder auch nicht), gibt Auskunft darüber, welche Vorstellungen und Erwartungen damit in vielen Köpfen stecken. Ein Junge im rosa Glitzerkleid? Eine Frau als EZB Fifa Vorsitzende? Ein Mensch der nicht als Frau oder Mann gesehen werden will, sondern sich einfach als Mensch fühlt? Für viele Menschen unvorstellbar. Warum? Wahrscheinlich weil Schubladen und Kategorien die Welt ordentlicher und berechenbarer aussehen lässt. Aber die Welt ist genauso kompliziert wie wir und deshalb sind Geschlechterkörper ebenfalls politisch. Sie reproduzieren Machtverhältnisse auf diverse Weise.

Ich bin: mein Körper. 

Bei all den vielen Inszenierungen vergessen wir häufig (ich auch), dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern gleichzeitig auch eben genau dieser sind. Mein Körper ist ich, ich ist mein Körper. Eine Trennung von dem was wir als Ich bezeichnen und dem, was wir Körper nennen ist zwar sprachlich möglich, nicht aber real trennbar. Es sei denn wir sind tot natürlich. Dann war da mal Ich und doch ist da noch ein Körper. Fest steht für mich auch, nur weil ich weiß, dass ich all diesen gesellschaftlichen Vorstellungen von Körper und Körper-Sein ausgesetzt bin, heißt dies noch lange nicht, dass ich von all diesen Konstrukten frei bin. Im Klartext: ich urteile, ich bewerte Körper, meinen und andere, andauernd. Auch ich will eigentlich fit sein, am Besten muskulös, aber schlank, leicht gebräunt und auffällig genug gekleidet, aber nicht zu auffallend. Und ich schäme mich wenn ich faul bin, wenn mein Körper dellig, wellig und unstraff erscheint. Schöne Scheiße also.

Wieso also dieser Text?
Ich plädiere natürlich auch dafür, weniger zu urteilen und Körper-Menschen 'sein' zu lassen. Sich bewusst zu machen, welche Auswirkungen es hat und haben könnte, aber auch welche Einflüsse auf mich selbst einwirken. Wie so häufig geht es um Awareness und Selbstrefektion und um das Ausprechen von Gedanken. Vielleicht ist es möglich so (oder so ähnlich) Dinge zu verändern (maybe, maybe not). 

Montag, 21. August 2017

How to get lost ...in your head!

Aufpassen und durchatmen, denn Achtung: übertriebenes Grumpy Cat in the house! 



Ich spiele mit dem Feuer, während mein linker Fuß aufgeregt zuckt. Ich spüre schon ein Brennen, aber aufhören will ich auch nicht. Wieso sollte Selbstzerstörung nicht ein genussvoller Zeitvertreib sein? Warum sollte ich – kurz vorm Verglühen – einfach aufhören? Ich rauche eine Zigarette um mich vom langsam überrollenden Schmerz abzulenken, aber nichts könnte das Nichts betäuben. Versunken in alten Kisten und Kammern meiner Seele suche ich nach Antworten auf die ich keine Fragen habe, suche ich nach Sinn und vor allem nach Halt. Als würde man so was im Staub finden! Mein Kopf rattert und scannt Erlebnis für Erlebnis wie Barcodes ab. Immer wieder ploppen Fenster auf und ich merke, dass mein Adblock bereits aufgegeben hat. Ich werde voll gespamt und kann nichts anderes tun, als mich voll und ganz drauf ein zu lassen. Irgendwann werde ich unter einem riesigen Berg Müll aufwachen und auch nicht mehr wissen. Dieser Müll ist nicht mal sortiert, er stinkt und erinnert mich daran wie wichtig Umweltschutz ist. Aber was ist schon wichtig, wenn jeder Zeit alles explodieren könnte? Und ich spreche jetzt nicht nur von dem Chaos und Wirrwarr in meinem Kopf, von den viel zu warmen und den viel zu kalten Tagen, vom Gefühl überrannt und übermannt zu werden. Nein, ich spreche jetzt von realitätsnahen Szenarios.

1. Ich schreibe hundertausend Wörter leeren Inhalt, beherrsche zwar inzwischen ein bisschen Kommasetzung, aber das war's dann auch schon. Meine hundemüden Finger tippen monotone Gedanken in Worddokumente, die alle paar Minuten abstürzen, während die "Life sucks" Playlist nicht mal mehr laden will. 

2. Wenn ich Glück habe und bald Seitenweise produzierte und abermals reproduzierte Inhalte gespeichert, ausgedruckt und eingereicht habe, steht meinem Abenteuer Masterabschluss nicht mehr viel im Wege. Außer der Masterarbeit ansich natürlich. Dieses - bisher unangetaste Werk - wird niemals das wiederspiegeln was ich Jahrelang gemacht habe (was ich alles an gefährlichem Halbwissen angehäuft habe!) Nein, es wird nicht mal wiederspiegeln was ich das letzte Jahr gemacht habe! Dafür müsste ich viel eher mein Tagebuch publizieren, was allerdings ebenfalls lückenhaft und wahrscheinlich eine ebenso bekloppte Idee wäre. Aber, ich wäre endlich fertig

3. Zack, ich wäre fertig und hey, das Leben läge mir natürlich zu Füßen. Mir würde nicht mehr viel bleiben, als darauf rum zu tanzen, zu trampeln und hier und da ein bisschen ein bisschen zu hüpfen. Natürlich, ich würde erst einmal ne ordentliche Post-Master-Krise entwickeln, so wie sich das gehört. Und dann doch lieber noch ein bisschen eingeschrieben bleiben, denn was ich mit Soziologie, Kulturwissenschaft und all dem anderen Kram  - außerhalb von gefährlichen Diskussionen - anfangen soll, konnte mir bisher noch niemand erklären. Aber, ich könnte endlich, endlich mal Bestseller-Autorin werden. Denn hey, davon wurde ich ja bisher - pausenlos - abgehalten. 

4. Bisher habe ich mir nur meinen dramatischen Mikrokosmos angesehen und all das wirkliche Leid völlig ausgeblendet. Denn worüber man sich sonst noch so aufregen oder wirklich Gedanken machen kann ist offensichtlich. Offensichtlich leben wir in einer sich selbstzerstörenden Welt, wie passend. Alle erzählen dir zwar immer, du sollst du dich auf das Positive konzentrieren und dein Hirn anstrengen damit DU DEIN LEBEN wenigstens ein bisschen schön gestaltest, aber eigentlich heißt das auch zu vergessen wieviel Scheiße um dich herum passiert. Und eigentlich meint das auch, dass du dich permanent ändern sollst und eigentlich bedeutet das auch, dass jede und jeder seines Glückes Schmied ist. Im Umkehrschluss: Du bist selbst Schuld, wenn dir nicht das Glück aus dem Arsch strahlt. Denn mit ein bisschen mehr positiven Afirmationen, kreativen Mind-Sets, ein bisschen Charken-Öffnung und Glauben wäre die Welt ein wunderbarer Ort. Zumindest für dich. Klar, in die Falle tappe ich auch andauernd. Aber gesellschaftliche Partizipation und Weltveränderung passiert so logischerweise auch nicht

5. Und ich tappe in die Falle. Konzentriere mich wieder nur auf mein Kopfkino, dass nichts mit all dem zu tun hat. Und sich dennoch im Kosmos verliert wie ein kleiner Funke, der vom loderenden Feuer weg springt. Durch das Aufschreiben zerstört sich die Selbstverstörung und die Müllberge werden langsam den Standards entsprechend sortiert und recycelt

Der linke Fuß zappelt nicht mehr und ist inzwischen wieder taub geworden, von der Zigarette ist nur noch die Glut ürbig geblieben, kein Schmerz, kein Feuer. Versunken liege ich zwischen riesigen Bergen Büchern, Post-its und kaltem Kaffee und stelle fest, dass ich noch immer auf einen Bildschirm voll Nichts starre





Dienstag, 10. Januar 2017

Ausnahmezustand im Primatengehege?


Nach langer Abwesenheit starte ich meinen Blog ins neue Jahr auf gewohnt überfordernde Art und Weise, mit genauso vielen Rechtschreibfehlern wie sonst (aber in Arial) und natürliche einer großen Portion viraler Hartnäckigkeit und leicht pessimistischer Verstimmung. Meine heutige gesellschaftskritische Überlegung/ Frage: sind wir* ein Haufen seelenloser Primaten gefangen in einem Zoo aus Möglichkeiten? So weit so leicht beantwortbar (aha). Natürlich brauchen wir (unbedingt) erst einmal ein kleinen Abriss mit eingespickten Gesellschaftsdiagnosen. Denn ohne die genauen sowie generellen Umstände kann wohl niemand zu einem Urteil kommen (ha, what?). 
Zum einen haben wir Handlungsspielraum en masse. Haben die Möglichkeit unser Selbst in Anlehnung an unsere perfektionistischen und Konsum-orientierten Vorstellungen zu modifizieren. Angepasst an ein Ideal, das eine grenzenlose Optimierung des eigenen Kapitals verspricht. Ganz nach dem Motto: alles was ne Macke hat, wird direkt umgetauscht. Der Anschiss dafür geht auch direkt an den Produzenten; die vietnamesische Näherin, die gerade einen Lungenentzündung verschmerzen muss und deshalb unachtsam war, nicht an die Komsumierende, deren BH ein Loch ins Fünf Euro T-Shirt gerissen hat. Umso länger die Produktionskette umso länger die Liste der Verantwortlichen umso länger die Möglichkeiten der Ausbeutung. Wir sind gierige, verwirrte Seelen, die in einem T-Shirt eine mögliche Bedürfnisbefriedigung sehen, in einem gutes Essen, aber so etwas wie einen potentiellen Feind. Es könnte das T-Shirt sprengen und wir wären verantwortlich. Überhaupt, wir sind ungern verantwortlich.
Wir haben weitere Objekte mit denen wir uns viel beschäftigen, die eigentlich wir selbst sind. Wir sind Körper besessen bei gleichzeitiger Körperlosigkeit.  Oft haben wir das Gefühl, es existiere nur noch Geist in einer theoretischen Hülle, die funktionieren muss. Nämlich alles abwehrt was krank macht und alles rein lässt was gut ist. Uns weiter arbeiten lässt, uns schöner macht, weniger sterben lässt. Klar, wir wissen alle, sterben werden wir so oder so, aber die Chance es besonders richtig oder falsch zu treffen, zeichnet sich in allen Lebenslagen deutlich ab. Auch das Sterben an sich sollte wohl geplant und überlegt sein. Alles ausschöpfen, alles mitnehmen, aber nur das Wichtige. Scheitern, langweilen, einfach so da sein, irritiert da nur. Natürlich haben wir Momente der Selbsterkenntnis und sehen plötzlich alles ganz klar, aber wir wollen auch auf nichts verzichten, wollen nicht einsam, sondern geliebt werden. Ob von Großkonzernen, Versicherungen oder der Heilpraktikerin. Wir möchten am Ende doch nur verstanden werden. Wir möchten gestreichelt werden und gesagt bekommen, dass wir natürlich alles richtig gemacht haben. Wir möchten hören, dass es ok ist, freiwillig in einem Käfig zu sitzen und per Lieferdienst alles ins Gehege geschmissen zu bekommen. Der Käfig ist ja voller Sachen! Voller ähnlicher Versprechen. Du wirst nicht krank! Du wirst schön! Du wirst ein bisschen perfekter, schlauer und tüchtiger. Vielleicht wirst du sogar eine Arbeit bekommen, reich oder zumindest keiner von denen, die es am Ende nicht geschafft haben und die sind, die du unter den Brücken liegen siehst. In jedem Versprechen schwingt eine leichte Drohung. Mit jeder Drohung wirst du dir sicherer, dass alles richtig ist. Das die Welt auch aus einem Käfig aus betrachtet wunderschön sein kann.
Wir als Arbeits-Primaten sind von Produktion und Leistung fasziniert und finden, dass alle die hier drin hocken auch bitteschön mit machen sollen. Das alle die unzufrieden sind, ja auch bitte gehen können. Überhaupt, was soll die Diskussion; wer hier leben will, der muss arbeiten. Wer hier arbeiten will, soll sich benehmen. Und wehe wenn nicht. Ja das kennen wir schon, dann kommt ganz schnell wieder die Brücken-Drohung. Oder die Harz4-Angst oder die Angst vor dem Tod oder alles vermischt. Die Angst vor der Angst ist sowieso gern dabei.

Eine andere Baustelle ist die Angst davor, andere könnten einem was wegnehmen. Denn wer weiß, irgendwann sind die Sachen im Käfig alle in Besitz. Und irgendwann hat der Käfig ja schließlich auch seine Enden, denn sonst wäre es ja kein Käfig. Platz ist nur so lange für alle da, so lange alle nach dem gleichen Heilsversprechen streben. Reicht es einigen Primaten einfach einen Platz zu haben, reicht das nicht der Primaten-Gemeinschaft. Ausfälle können kostenspielig werden und das System stürzen. Das System, davon wird geredet als sei es Voldemort. So, als dürfte man seinen Namen nicht nennen und als würde dieses suspekte Subjekt dennoch genügend Macht ausstrahlen um alle voranzutreiben. Ein Systemfehler könnte man auf Meta-Ebene spekulieren. Das System selbst habe sich dissoziiert, depersonalisiert und dann gespalten. In ein neu geschaffenes Subjekt, mit dem niemand was zu tun haben will, aber dennoch über allem steht. „Hallo, wir sind das System.“ Niemand will das hören! Stattdessen; Verdrängung, Verschiebung und Somatisierung wo hin man nur blickt. Natürlich, ist auch gut so, denn sonst würden ja alle ausrasten.

Und was wäre dann los? Ein Primaten-Theater ohne Frage. Das Gehege würde möglicherweise nieder gestampft, die Wassergräben überwunden. Vielleicht gäbe es auch Kriege mit anderen wildgewordenen Spezies. Mit neuen Feindbildern und Optionen, die diesmal keine Grenzen kennen. Vielleicht wäre dann alles anders, vielleicht würden sich aber auch alle bloß ein neues Gehege suchen. Mit mehr Auslauf und schöneren Pflanzen, aber den gleichen Mauern.


Soviel zu meinem Neujahrsabriss, der sich aus der Vorahnung, 2017 könnte anstrengend werden und dem Gefühl, es könnte sich einiges verändern, zusammen setzt und einiges durcheinander und zusammen wirft. Aber egal, ich fange dort an wo ich stehe und schreibe es mir vom Leib durch die Seele. Was man eben so an langweiligen Abenden im Käfig macht. 


*Mit wir als generalisiertes Gesellschaftsgefühl gemeint, ist klar ne. Aus einem Ich-Gefühl wird hier also schnell ein Wir-Gefühl und alle fühlen sich spontan angesprochen.