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Montag, 28. September 2020

verschleiert

(Kurze Zug-Schreib-Maßnahme als Gedanken-Ordnungs-Strategie)


Die Welt besteht aus so vielen Missverständnissen. 
Viele davon verschleiern die Realitäten. 
Zum Beispiel; Unsere Freiheit beruht auf anderer Ausbeutung. 
Oder; Das Recht was hier gilt, beruht auf anderen Ungerechtigkeiten.

Alles kriselt und kreist sich doch in unseren Köpfen ist es neblig. 

Wir denken; wir haben das Recht, es anderen zu verwehren. 
Wir meinen damit; wir sind mehr wert als andere.
Wir haben vergessen, dass alles ein großes Irrtum ist. 
Zufall wo wir herkommen, Zufall wo wir hingehen. 
Wir sagen; wir haben das Richtige und ihr das Falsche. 
Wir dürfen mit dem Finger auf "euch" zeigen und "ihr" schreien. 
Wir dürfen das.

Alle ängsteln, niemand weiß Bescheid. 

Viele trauen sich nicht. 
Viele sehen sich intensiv an.
Viele vergessen sich und werden mit der Zeit unsichtbar.
Viele vergessen die, die unsichtbar geworden sind.  

Menschen gehen nicht mehr als fünf Meter Sichtweite und fürchten sich vor der Ungewissheit auf der vermeintlich anderen Seite. 

Dabei ist die Welt rund und keine Scheibe. 
Dabei ist das Komplizierte viel einfacher, wenn man es mit Abstand betrachtet.

Und am Ende bleibt nicht viel, wenn alles geht. 
Sich alles dreht und einiges verloren geht.
Und wir, wir überleben garantiert nicht.

Freitag, 25. September 2020

Das leise Knistern

 
Du denkst es ist ganz einfach. Klamotten aus und rein. Pellst langsam deine Socken von deinen Füßen, die schon glühen und es nicht länger ertragen Können eingepfercht zu sein. Streifst deine Hose ab, wie ein Gewand nur sperriger, zerrender. Dann deinen Pullover, der das T-shirt direkt mitnimmt und du ein verknotetes Etwas um deinen Hals baumeln hast und dich um ein Haar selbst strangulierst. Dann stehst du immerhin schon mal da. Fast nackt. In Unterwäsche, nicht die glanzvollste, aber immerhin schwarz. Es hätte also schlimmer kommen können. Dann die Brüste befreien. Der Verschluss springt wider Erwarten einfach auf und sie sind frei und nackt, genau so wie es sein sollte. Der Slip zuletzt, schnell und dennoch bleibst du kurz hängen mit dem einen Bein und stolperst fast. Nun hast du es geschafft und stehst da. Ein Fuß berührt das Wasser. Es ist so kalt wie du es in Erinnerung hattest. Auch dein Körper erinnert sich. Arschkalt also. Ein erstes Zögern macht sich breit. Aber du bist ja schon nackt. Du kannst dich nicht schubsen, du kannst es nur durchstehen und musst mental stark sein. Aber du bist verbundbarbar. Fühlst dich wie ein rohes Ei oder wie ein Kind oder wie jemand der Angst hat, der nicht hart und kalt sondern weich und warm ist. Du fühlst dich auch ein wenig verlassen und so als ständest du vor etwas was du nicht ganz einschätzen kannst, aber von dem du vermutest es könnte etwas Großes werden. Du denkst dass alles in Sekunden, aber du frierst und dein Zeh zuckt. Irgendwann stehst du bis zum Bauch drinne und merkst den kritischen Punkt, den du bereits überschritten hast. Trotzdem; Du hattest dir das Alles anderes vorgestellt. Einfacher. Geschmeidiger. Du bist an Land gekrochen. Vor viel zu langer Zeit. Deine Schwimmhäute sind verklebt, dein Atmen ist viel zu kurz geworden. Und du fragst dich jetzt; Wie solllst du das schaffen? Doch du lässt dich ein, fällst und sinkst zugleicht. Spürst wie du leicht wirst und aufgehoben bist. Zwischen dir und dem Boden nichts, also genau wie fliegen, nur anders herum. Deine Arme zappeln und deine Beine strampeln und am Ende tust du das was zu am Besten kannst. Unter dir knistert es ganz leise und du fühlst dich irgendwie Zuhause. Über dir summen die Wellen. Deine Haare stehen zu Berge und deine Flossen fangen langsam wieder an zu wachsen. Und du schwimmst im Meer. 



Donnerstag, 2. April 2020

Überprüfen Sie Ihren Einkauf und gehen Sie zur Kasse

Ein nervöses Zucken in meinem linken Auge. 
Vielleicht liegt es daran, dass ich seit Ewigkeiten in meinen Laptop starre. Ich habe viel in meinen Einkaufswagen gepackt, einiges wieder gelöscht und ein paar neue Sachen hinein gelegt. Eine Joggpants und ein fucking Morgenmantel sind auch dabei. Alte! Vielleicht liegt es aber am Wetter - also das nervöse Augen zucken (Umschwung? helles Licht und kalte Luft? warme dann wieder kalte Luft? zu viel Drinne und zu wenig Draußen? oder einfach zu wenig Abwechslung, oder doch zuviel? oder es ist einfach zu krass alles? ja... am Ende ist eh alles zu krass)? Oder doch Corona? Von Augen zucken stand da eigentlich nichts. Nirgendwo. Nicht mal auf den fraglichen Seiten. Aber wer weiß? Vielleicht ein unentdecktes Symtom? Oder das Symtom der Symptome? Und trauen kann ich am Ende ja eh niemanden, außer mir selbst. Und mir selbst traue ich sowieso schon lange nicht mehr. 
Meine Hände sind auch kalt. Und das schon seit Tagen. Und irgendwie werden sie auch nicht mehr warm. Weil; ist ja Kontaktsperre und wer will da schon freiwillig Hände wärmen. Seit Tagen sitze ich auf meinem blauen Sofa mit dem blauen Meer im Hintergrund und lasse mich jeden Abend pünklich um halb 8 (dann Zeitumstellung: schon halb sieben!) die Planzen ans Gesicht projektieren. Das sieht so schön aus (denke ich), dass ich einige Selfies mache (sieht gar nicht soo schön aus) und dann starre ich wieder in meinen Laptop der in einem perfekten 45 Grad Winkel auf meinen Knien trohnt.
Im Hintergrund läuft abwechselend Dire Strait "Sultans of Swing" und The Zombies "Time of the Season". Extra laut und so dass es mit Sicherheit sehr ungesund ist. Wahrscheinlich habe ich spätestens wenn die Sache vorbei ist einen Hörschaden. "Die Sache" ist wie alles was man nicht mehr beim Namen nennt mysteriös und gefährlich. Also wirklich! Vielleicht ist die Sache aber auch nie nie vorbei und ich habe trotzdem einen Hörschaden. 
Immer wenn "what your name? who's your daddy... is the rich like me?" kommt, singe ich sehr laut mit. Das selbe gilt natürlich für "And Harry doesn't mind, if he doesn't, make the scene" Mehr kann ich nicht, obwohl ich quasi nichts anderes mache. Ich weiß nicht mal um was es in den Songs geht. Und ich werde es auch garantiert nicht nach gucken. 
Und die Sonne geht unter. Und klar, ich habe es schon mit anderen Songs versucht. Aber es geht nicht. Es scheint so, als hätte mein Gehirn noch Platz für diese beiden Stücke vollendeter Musikgeschichte. In den letzten Wochen habe ich so viel Zeit und wenig Erkenntnisse gehabt. Es ist so als würde mein Gehirn auf Stormsparmodus laufen. Auch mit den Wörtern klappt es nur noch so 50/50 und es passiert häufiger, dass ich die falschen Artikel benutze, wenn ich mit meinen Planzen oder mit mir selbst rede. "Ok ihr Lieben, es wird mal wieder Zeit den Planzen zu duschen" und solche Sachen kommen dabei raus. 
Dafür träume ich wild, sehr realistisch und wache jeden Morgen äußert gestresst auf. Es ist so, als hätten sich Tag und Nacht verschoben. In meinen Träumen fahre ich in schwarz lackierten SUVs durch die Straßen, wundere mich mal wieder, dass niemand checkt, dass ich keinen Führerschein habe und treffe mich mit all meinen Freunden und Nicht-Freunden. Ich verreise und verpasse andauernd Züge. Dann wache ich auf und schlafe quasi den ganzen Tag. Außer dass ich eben wach bin. Und andauernd drifte ich ab und befinde mich dann Jahre wo anderes. Zum Beispiel auf Klassenfahrt oder im Club oder am Strand. Und dann bin ich wieder hier und plötzlich ist es schon dunkel und ich habe noch nichts gegessen und bin ganz durstig. 
Manchmal verwechsele ich schon völlig die Uhrzeiten und mache mir Porridge als Abendbrot (WTF?), manchmal haue ich mir auch einen Gin-Tonic zum Frühstück rein (WTF? aber stört ja keinen) und klicke mich dann wieder durch meine ganzen Einkaufswagen.
Gerade liegen darin: eine Gesichtscreme mit Lichtschutzfaktor 50 und eine Menstruationstasse. WTF!! Als ob ich jemals das Haus verlassen werde und mein Körper ist sowieso viel zu gestresst um bluten zu können. Deshalb klicke ich nicht auf "zur Kasse gehen" sondern lösche die Artikel lieber wieder und lege stattdessen einen super soften BH und anthroposophische Augentropfen hinein. You never know. Auf Instagramm empfehlen sie alle Everyday Workouts und lesen jeden Tag fünf Bücher (was sagt das über unsere Gesellschaft aus?). Auf Netflix schauen sie alle Tiger-Dokus, Freud Verschnitt-Serien und "Unorthodox". Ich dagegen habe mit "Breaking Bad" begonnen. Was die Sache nicht besser macht (Natürlich nicht. Natürlich macht gar nichts die Sache besser.)
Mein Handy blinkt und mein Vater gibt mir Youtube Tipps. Außerdem werde ich daran erinnert mehr Wasser zutrinken und endlich das Live-Workout (was jetzt nicht mehr live ist) mit zu machen. Und meine Arbeitskolleginnen rufen an und erinneren mich dass ja morgen Telefonkonferenz ist. 
Stimmt, eigentlich bin ich ja im Home-Office. Aber ist nicht morgen eh Ostern? 
Mein Lieblingsfeiertag, wie traurig.
Der Himmel hat sich jetzt hellrot verfärbt und ich sitze im stockdunklen. Mein Handyakku geht leer und deshalb hört auch "Sultans of Swings" abruppt auf. Ich höre ein leises Fluchen im Nebenzimmer, den Staubsauger eine Etage tiefer und die Nähmaschine nebenan rattern und erinnere mich, während mein Auge nervös und leidenschaflich weiter vor sich hin zuckt; ich bin nicht alleine.


Wahrheit und Fiktion liegen ja bekanntlich nahe beieinander.
Everybody: Freak, but stay strong!

Dienstag, 20. August 2019

Zwangshandlung

Ich versuche mich im Schreiben als innere Zwangshandlung. Forciert und künstlich erzeugt, im Feierabend-Modus und auf dem Sofa hängend. Ein Bein in der Luft, ein Arm bereits im Halbschlaf. Mein Kopf schwirrend, mein Bauch knurrend. Die Gedanken: erst Essen und dann Yoga oder anders herum oder doch lieber gleich Netflix?
Nein, vorher noch ein Text. Über Migräne und am Liebsten würde ich dazu eine ganze Ausstellung machen: mit Texten, die keinen Sinn ergeben, crazy Räumen, die erst quitsch gelb und aggressiv und dann schwarz und eng sind. Oder gleich ein tiefes Becken zum tauchen. Dazu Bilder von zertrümmerten Dingen, die aber poetisch und gar nicht furchtbar aussehen.


Der Kopf ist ein Instrument, das man nicht immer zu benutzen weiß. Jetzt gerade ist es irgendwas zwischen Buena Vista Social Club und einem Sophie Hunger Song. Leicht und rhythmisch und gleichzeitig so schön wirr und schmerzhaft. Schön ist auch, das Nichts da ist und sich in einem leeren Raum aus glattem Zement hin und her wälzt. Oder tanzt? Es ist bereits ein Wimmern zu spüren, direkt links unterem Auge und es zieht langsam bis in die erste Stirnfalte. Die Abspaltung zwischen Kopf und Körper geschieht langsam und mit diversen Vorzeichen. Ich kenne Sie zu genüge und manchmal habe ich das Gefühl, ich könne sogar den Zeitpunkt kontrollieren, wann es geschehen kann. Es ist so, als würde ich die kontrolliert die Kontrolle abgeben können. 
Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht auch eher eine philosophische Frage. 
Aber das Wimmern wird zu einem Hupen. Ja, ein ziemlich lautes Hupen. Zwei Hupen, links hinterm Auge und rechts hinten über der dem Nacken. Vielleicht ist es eine Kommunikation zwischen zwei Nerven. Jedenfalls nervt es ganz schrecklich und ist mehr wie so ein Song der nicht aufhört und gleichzeitig an einer Stelle springt. Man denkt, ok jetzt geht es endlich weiter, aber nein. Wieder von vorne. Hupende Autos im Stau und es ist es stickig. 
Das ist dann der offizielle Anfang. Von nun an reagieren andere, aber nicht ich. Ich liege nur und eine schwarze angenehme Decke aus Schmerz legt sich über meinen Kopf. So als würde man tauchen tut sich eine andere Welt auf, die auch schön, aber nicht sehr lebenswert ist. 
Neue Gänge voller Meer und Tiefe werden aufgewühlt, aber ich bin nicht bereit sie zu gehen. Ich friere, denn unter Wasser friert man eben irgendwann. 
Dann wieder Nichts, außer Zeit die vergeht, wie ein Windhauch von weitem. 
Dann wieder Nichts. 
Dann Nichts und auch die Tiefe geht. Langsam auftauchen. 
Dann auftauchen und in einen Berg voll Watte springen. 
Dann in der Watte liegen. Regunglos.
Der Körper ist darin verpackt und die Musik dudelt nur noch Dumpf. 
Hunger und Kälte. Dann Hitze und immer noch großer Hunger. Am Besten fettig und fleischig. 
Ich habe das Gefühl eine lange und anstrengende Reise gemacht zu haben, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Wenn ich aufstehe zieht es von den Füßen bis in den Haaransatz, aber der Hunger überwiegt. Licht ist trotzdem schädlich, also esse ich im Dunkeln und mit Sonnenbrille auf der Nase so viel wie ich nur kann, schaufele und stöhne vor Erleichterung. Dann falle ich zurück in die Watte, die mich auffängt wie es ein Wundermittel nur kann, mich bescheuert und redselig werden lässt, plappernd, kindisch, wirr. 
Mein Kopf ist ein Instrument, das ich nicht immer zu nutzen weiß, das sich manchmal wie verquirltes Leben anfühlt. So unsortiert und abgedreht, dass es hin und wieder einfach überhitzt und die Sicherung springt. Zur Sicherheit, aus komplizierten Gründen. 


Zur akustischen Untermalung: Natürlich das oder das!

Samstag, 28. Juli 2018

der Sommer so lang wie ein Maxikleid

Der Sommer hört nicht auf. Jeden Morgen ist er wieder da und ich kann in Schlafshorts auf dem Balkon sitzen. Jeden Morgen cyan-blauer Himmel und sattes grün als Umrandung. Während der Schlafsand in meinen Augen ganz krustig wird und anfängt zu jucken, haben andere bereits Verhandlungen geführt, ernsthafte Worte gesagt, einen Roman geschrieben oder sind zumindest einen Halbmarathon gelaufen. Alles um mich herum surrt vor Geschäftigkeit, während ich mich im inneren Strukturien übe. Konkret heißt das: wach werden und Bewerbungen schreiben. Oder: Bauchmuskeln produzieren und Duschen. Während andere ihre zweite Mittagspause machen, umarmt der Sommer mich auch noch um halb eins, wenn ich mal das Haus verlasse und wie eine Katze im Kietz herum streunere. Sie empfängt mich mit einer Wucht, die mich fast umhaut, aber gleichzeitig meine Gedanken auf eine angenehme weise plättet. Gibt man mir etwas Zeit, so werde ich immer besser im Anpassen und Akzeptieren der gesamten Situation, die Menschen im allgemeinen 'Übergangsphase' nennen. Umso länger der Sommer anhält, umso mehr weiß ich um den Luxus dieser Zeit. Umso mehr weiß ich auch um meine Anpassungsfähigkeit, die ich mir sonst so häufig abspreche. 


Abends, wenn ein lauer Wind über meine Arme streift, wenn mir im T-shirt fast zu kalt, aber im Pulli eindeutig zu warm ist, gibt es mal wieder so einen Erkenntnismoment. Einen, wo man plötzlich weiß warum und wieso das alles. Ich stehe aufrecht und halbwegs stabil und wenn man mich um schmeißen wollte, würde man das natürlich schaffen, aber vielleicht nicht so leicht wie sonst. Meine Beinen scheinen verwurzelter und weniger runzliger. Einen Moment sehen sie fast glatt aus. Während ich mich noch wundere und von leichten Gedanken wie weggezogen werde, fängt es an zu regnen. Fast hätte ich vergessen was das ist. 

Mein Momente-Speicher ist randvoll und ich frage mich wieviele ich davon bald vergessen habe, wann meine Beine wieder zu jucken anfangen und mein Gleichgewichtssinn wieder schwindet. Für was meine Kompetenzen und Fähigkeiten ausreichen werden oder wieviel man mir so zutraut. Und natürlich wieviel ich mir selbst zutraue. Wenn ich daran denke, kribbeln meine Organe und mir wird noch wärmer als sowieso schon. Auch mein Hals kratzt wieder und ein leichtes Jucken wandert über den Oberarm. Dann erinnere ich mich an einen Satz, der bei mir Wirkung hinterlassen hat und fange an zu tanzen. In meinem Kopf und in der Realität, zwischen den Welten. (Und es funktionierte.)

Donnerstag, 26. Juli 2018

Birnensaft mit Botschaft



Überdrehte Gedanken und überdehnte Haut und ein klassischer Fall von Übernächtigung, Überhitzung und Überdruss. Ich liege wach und es ist halb fünf, draußen fiepen ein paar Vögel, ansonsten ist nicht viel Aktion, außer in meinem Kopf natürlich. Eine organische Masse aus Masterarbeit, anderer Arbeit, Hitze und Zukunftsangst wabert durch meinen Körper wie ein Schloßgespenst. Da es so schnell in meiner Magengegend herumwirbelt, wird mir nach ein paar Minuten schlecht. Gerade träumte ich noch man wolle mich umbringen, davor von Auslandsaufenthalten in Bratislava und dem klassischen Zugverpassen, jetzt wälze ich meinen aufgedunsenen Körper von einer zu anderen Seite und frage mich ob ich besser aufstehen, oder es noch mal versuchen sollte. Ob ich mich noch mal richtig anstrengen und bemühen sollte. Dieser Gedanke ist um halb 5 keineswegs so abwegig als wenn man ihn ausgeschlafen am Nachmittag aufschreibt, vor allem wenn man in eineinhalb Stunden aufstehen und Bücher sortieren muss. Also strenge ich mich extra an und denke völlig verkrampft an eine Stunde Tiefschlaf und wie er über mir einbricht wie eine Welle. 

Wenn ich früher als Kind nicht einschlafen konnte, was durchaus häufiger passierte, erklärte ich mir das damit, dass mein persönlicher Schlaf-Hersteller selbst eingeschlafen war und deshalb nicht für meinen Schlaf sorgen konnte. Der Schlaf-Hersteller, das war eine Mond-ähnliche Gestalt der in meinem linken Gehörgang wohnte. Er hauste dort mit seiner Assistentin, mit der jeden Abend ein seltsames Gebräu aus Tiefschlaf herstellte. Also fast immer, es sei denn er war vorher selbst eingeschlafen. Wer für ihn Schlaf herstellte war ungewiss, aber ich nahm an, dass auch er jemanden im Gehörgang sitzen hatte. Um den Schlaf herzustellen war es von besonderer Wichtigkeit ein ausgewogenes Verhältnis von Müdigkeit und Schlaf im richtigen Zeitpunkt herzustellen. Das Ganze wurde in einer Sanduhr hergestellt und ein paar Mal hin und her geschüttelt. Dann wurde die Sanduhr gekippt und es konnte nur noch Minuten dauern bis man sich schon mitten im Schlaf befand. Natürlich waren die beiden Schlaf-Hersteller nicht frei von Fehlern und es passierte, dass der Schlaf nicht lang genug geschüttelt wurde oder eine zu schwache Ausführung war. Deshalb lagen manche Menschen stundenlang wach oder hatten Schwierigkeiten einzuschlafen. Manchmal gab es auch technische Schwierigkeiten mit der Sanduhr (Verstopfungen oder Brüche), im schlimmsten Fall starb einer der beiden. Nachschub zu besorgen konnte dauern, denn Schlaf-Hersteller waren schwer zu kriegen, besonders die Guten natürlich. Manchmal redete ich mit meinem Schlaf-Hersteller, versuchte ihn aufzuwachen oder ihm zu erklären, dass es okay sei erschöpft zu sein. Manchmal half das.

Vielleicht war mein Schlaf-Hersteller einfach alt geworden. Alt und tattrig, dachte ich, mein 28 Jähriges Ich, völlig überhitzt im Kopf, um kurz vor fünf. Durch einen Spalt am Vorhang konnte ich die ersten Sonnenstrahlen sehen, wie sie bereits über die Dächer lugten. Mein Haar klebte an meiner Stirn und mein Bauch blubberte vor Aufregung. Ich hatte jetzt schon Angst vor dem nächsten Einschlafen, da ich wusste, dass es ein echter Fluch sein konnte. "Einmal schlecht schlafen, immer schlecht schlafen" und plötzlich wollte ich nur aufstehen, aber ich hatte das Gefühl, die Decke sei Eins mit mir. Ich hatte das Gefühl, dass im Laufe der nächsten Minuten alles auseinander brechen könnte. Dass ein Stück Gehirn in meinen Körper flutschen und sich dort mit anderen Organen gegen mich verschwören könnte. Ich lege mich mit meiner Stirn gegen die halbwegs kühle Zimmerwand und murmelte vor mich hin. Eigentlich konnte es nur Besser werden. Alles ist besser als mit Schlaf-Herstellern zu disktutieren, vor allem wenn man nicht mehr an seine Existenz glaubt. Wenn man weiß, es sind Wellen, die vom inneren Meer herangespült werden, die aus dem Bauch kommen und von der Leib-Beaufragten und dem Sicherheitsdienst zusammen beantragt werden. Normalerweise. Jetzt liegen sie gerade in ihre Zentralbüro, hinter dem rechten Ohr und schlafen ihren Rausch aus. 

Es ist kurz nach 5 und ich stehe auf, ziehe mich an. In der Küche trinke ich ein Glas Birnensaft. Der soll kühlen und den Magen beruhigen. Und gut für die Nerven sein. Dann gehe ich raus und verlasse diese Welt. Zum Bücher sortieren.

Mittwoch, 4. Juli 2018

klassisch, schnörkellos, fadenscheinig.

 
Wie schlecht ich im los lassen bin. Einzigartig. 

Es ist die klassische End-Zeit-Phase. Ich reagiere wie immer und im Bilderbuch-Style. Ich meine damit: alles, einfach alles. Es fühlt sich an als würde ich innerlich zum Siedepunkt kommen und dann äußerlich einfach übersprudeln. Aber ich lege extra viel Rouge und Lippenstift auf, damit alle denken ich hätte mein Leben im Griff. Denkt und dachte wahrscheinlich noch nie irgendwer, aber ein bisschen möchte ich den (inneren) Schein (?) wahren. Während ich für die ganzen Schichten (vermeintliches) Selbstbewusstsein dann auch locker ne halbe Stunde länger als sonst brauche, laufe ich Zuhause herum wie ein überhitzter, verkohlter Kochtopf, oder wie ein verschrecktes Huhn oder ein ausgesetzter Hund (das Sinnbild könnt ihr euch aussuchen).
Panik ist so ähnlich wie Migräne, es wird nicht unbedingt besser, wenn man weiß was passiert, aber es wird vielleicht erträglicher, wenn man beachtet, dass man bisher immer überlebt hat (was natürlich nie eine Garantie ist, dass man es beim nächsten Mal auch tut). 
Und wie sollte man eine Kack-Übergangs-End-Phase besser nutzen als mit übelen und verachtenswerten Nichts-Tun, Schlafen und Rumeieren? Der Traum einer jeden Perfektionistin, sag ich ja. Wenn es gut läuft schaffe ich es manchmal physisch abzutauchen (im Chlorwasser), wenn es schlecht läuft, vergesse ich auch mal zu duschen. Und dazwischen: feiere ich (manchmal) meine letzten Studienmeter als wäre es 2011 (oder so) und schreibe einen Text* darüber. 

* Mein Körper ist ich und ich bin mein Körper und trotzdem tanzen wir getrennt von einander. Die sandigen Füße und die klebrige Haut spüren den Bass, dehnen und bewegen sich. Nehmen den sonderbaren Raum aus Beton, Sand und Gras ein. Lichter vermischen sich mit anderen schwammigen Konturen. Wenn ich mich umsehe leuchten mir wilde Augen entgegen. Sie sehen mich an, wenden sich wieder ab, verschwinden in der Dunkelheit. Ich suche nach Halt in mir, aber da ist nicht viel. 
Ich weiß nicht ob es 2011 oder 2018 ist, denn dazwischen existiert zwar eine ganze Welt, aber manchmal auch nur ein Stück Papier. Manchmal falle ich zurück und kann nicht sagen wohin. Ich existiere dann in einer Art Zwischenwelt, selbst gebaut, gemütlich eingerichtet. Es ist wie Unterwasser, still und gedämpft. Ich kenne das, ich war schon oft hier. Das Außen kann nicht mit dem Innen kommunizieren. Wenn man redet kommen nur Luftblasen zum Vorschein. Das ist schön, aber gleichzeitig hinderlich, wenn man eigentlich etwas zu sagen hätte.
Der Blick ist versetzt, wenn man einen Blick so nennen kann. Ganz nah, aber doch nicht da. So was irritiert mich, aber gleichzeitig lässt es mich Auftauchen. Hallo, hier bin ich wieder. Ein paar Sätze ohne Bedeutung. Tief durchatmen und dann wieder versinken. Manchmal dauert es Ewigkeiten, manchmal Sekunden. Dann bitzelt es auf meinem Gaumen und kitzelt in meinem Bauch. Dann zieht es mich in die Tiefe und ich habe Angst dass ich nie wieder Luft bekomme.
Meine Kehle schnürt sich zusammen, mein Herz rast. Panik in allen Körperteilen. Zappelnde Füße und Hände. Ein Teil von mir will gerettet werden, ein anderer einfach verschwinden. 
Bevor alles Dunkel wird vergeht so viel Zeit. So viel wie ich will. Als meine Ohren schon rauschen finde ich den Weg wieder und spüre einen kleinen spitzen Stein zwischen meinen Fußzehen. Aua. Dann bin ich wieder eins, da, lege mich auf einer sandigen, zersetzten Matratze ab und träume vielleicht doch nicht. Es ist 2018, ich ziehe an der Zigarette in meinen Händen, starre in die Nacht, auf das ganze Beton über mir. Dumpf hört man ein leises Sausen und Zischen. Es sind die Autos, die über mir her rasen, oder der Wind. 

Mittwoch, 17. Januar 2018

walking on raufaser.


Geschichten zu erzählen ist eine Kunst, weshalb ich auf Raufaser laufe und Dinge extra unscharf lasse. Das Buch was ich lese sagt, ich solle mich öffnen und all den Kram rein- und dann wieder rauslassen, jedenfalls interpretiere ich das so für mich. Ich versuche also an mich und mein Kunst-Schaffen zu glauben ohne dabei furchtbar künstlich zu sein. Einfache Ideen kreieren und dann los lassen. Und einfach mal auf die Technik scheißen. Aber was dabei transportieren. Einen Sinn im Schaffen finden und an Dingen scheitern und lernen. Aha, interessant!


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"In eurem Kopf gibt es eine Insel, ganz hinten links, hinterm Dings" sagt sie und schaut uns erwartungsvoll an. Sie starrt uns regelrecht an. Vielleicht möchte sie uns auch auffressen. Viele nicken, ich starre zurück, aber auch irgendwie auch durch sie durch. Ihre Hand fährt nervös über ihren Rock, der viel zu billig wirkt für eine Veranstaltung wie diese. Ich notiere es in meinem bereits ausgefledderten College-Block. Sie hatte sich wahrscheinlich mehr Interesse für ihren seltsamen Vortrag erhofft. Also sage ich etwas lauter "hinterem Dings, aha, was bedeutet das?" Jetzt lächelt sie wieder, sammelt sich und fährt dann mit ihrer ungeheuerlichen Art fort. Alles was sie sagt ist blanker Unsinn, dass ist allen in diesem Raum klar. Niemand will noch länger zuhören und auch ich fange wieder an blaue Jeans zu zählen. Dann Brillen. Dann Tattoos. Letzteres wird ein eher schwieriges Unterfangen und alles was ich finde ist ein Finger mit einem Halbmond drauf. Hinterste Reihe, ganz links. Person mit kurzen roten Haaren. Ich gratuliere mir zu meinen Adleraugen, aber es ist klar, das jetzt, wo ich mich ausgiebig umgeschaut habe, alle noch nervöser werden. Sie schieben ihre Hintern hin und her, wippen mit den Beinen und einige gähnen bereits. Arme Insel-Frau. 

Nach dem Vortrag gehe ich nach vorne und bedanke mich. "Danke, dass sie ihr Dings mit uns geteilt haben". Alle Jaulen und trappeln mit den Füßen fast lautlos auf dem dünnen Linoleum, nur die Insel-Frau zupft sich nervös an ihrem zu kurzem Pony herum. Sie findet nicht witzig, dass sie alle für eine Lachnummer halten und doch steht sie noch immer hier und lächelt falsch. Diese Situation müssen wir später genauer analysieren, aber jetzt bleibt nicht mehr viel Zeit. "Gibt es noch Fragen?" Ich schaue in leere Gesichter, warte ein paar Sekunden und sehe dann den Finger der Person mit dem Halbmond-Tattoo. "Hier!" "ja bitte." "woher haben sie den Rock?" "interessante Frage" stelle ich fest und gebe das Wort mit einer großen Geste an die Insel-Person weiter. Die verzieht keine Miene und sagt "H&M, Schlussverkauf." "Wunderbare Wahl" schließe ich das kurze Frage-Antwort-Spiel ab. Wobei "eine Frage habe auch ich noch", sage ich und stelle mich nun direkt vor die Person, die mir gerade zwanzig Minuten meiner kostbaren Zeit gestohlen hatte. "Wer sind sie eigentlich?" Alle grölen und auch ich lache mir ein bisschen ins Fäustchen. Wie schnell die Situation hier eskaliert war war beispielhaft. Ich hatte mir vorher keine großen Gedanken zum heutigen sozialen Experiment gemacht und war eher unvorbereitet ins Seminar gekommen, aber jetzt lief es einfach. Just let it flow! Das war auch mein Motto für dieses Jahr. Und es hatte ja gerade erst angefangen. Aber Schluss jetzt. Mit einer Hand packe ich schwungvoll ihren Arm und streckt ihn zu einer Art Sieges-Pose in die Höhe. "Das war Misses Insel und ihr sinnloses Gelaber" schreie ich in die Menge, so als wäre es eine Zirkusnummer. War es ja irgendwie auch. Dann sehe ich der Insel-Frau kalt in die Augen - ich hatte das unzählige Male vor dem Spiegel geübt - und endlich, endlich fing sie an zu weinen. 

Sobald jemand weinte, hörte ich auf. Das war meine eiserne Regel. Und irgendwann weinten sie alle. Also gehe ich von der Bühne, hole ihr ein Glas Wasser und bitte sie, sich kurz zu setzen. Den anderen befehle ich, augenblicklich aus ihren Rollen zu schlüpfen und sich wieder ihrem analytischen Verstand zu bedienen. Kein einfaches Unterfangen denn die Rollen verschwimmen jedes Mal aufs Neue. Erst jetzt schaue ich auf meine Uhr. Sie hatte Ganze 45 Minuten gebraucht. Ich reiche ihr ein Taschentuch und zeige ihr dann das Gif einer friedlich schlafenden Katze. Die Idee war von einer studentischen Hilfkraft gekommen die selbst mitgemacht hatte. Also bekamen es alle zur Beruhigung. Und 45€ Aufwandsentschädigung. "Danke, du darfst jetzt gehen" sage ich der Frau mit dem kurzem Pony, die immer noch schluchzt. Lustig, dass ich nicht mal ihren Namen weiß. 

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2018 startet wie unsere Raketen in Holland, mühsam und dann quer zum Boden, aber doch voller Funken. AHJA. 


Freitag, 10. November 2017

11


Heute: Novemberblues trifft manisches Produktionswesen und zeugt ein abgedrehtes Kind mit ihr. Hoppla.


Ein gefundenes Fressen, ein Rollenspiel bei dem die Rollen unklar verteilt sind. Eine unklare Struktur, in gut organisierten Haushalten, so wie meinem. Wo immer alles aufgeräumt ist weil ich mal gelesen habe, dass sich der äußere Umstand auch auf das Innere überträgt. Weil ich immer wissen will wo ich was finden kann. Ich suche einen Schneebesen, ich weiß wo er zu finden ist. Ich suche einen Konflikt, dann eine Lösung, ich weiß wo beides zu finden ist. Normalerweise. Heute befürchte ich, nicht mehr zu wissen wo meine Socken sind. Es herrscht Chaos und ich bin kurz davor die Kontrolle zu verlieren. Es ist so wie kurz vor einem Sturm, still und leise und irgendwie surreal. Also mache ich das was ich immer tue wenn ich das Gefühl habe ich verliere die Kontrolle: ich schlafe. Ich verschlafe den halben Tag, die halbe Woche, gefühlt den ganzen November. Davon sehe ich ganz müde und zerzaust aus – irgendwie auch harmlos und wie ein kleines Mädchen -, aber in Wirklichkeit sind das die ersten Anzeichen akuter Chaos-Symptome. Dass ich fange Dinge zu verlieren und Verabredungen vergesse auch. Ich weiß nicht mehr welches Datum heute ist und morgen sein wird. Welcher Wochentag und ob ich einkaufen gehen kann. Dann stehe ich im Flur und weiß nicht warum. Dieser Zustand kann wie Milch jeder Zeit kippen. Ein gefundenes Fressen für alle meine Hater, denke ich und meine damit hauptsächlich mich. Ich denke, so will ich das nicht und dennoch, so ist es. Ein Rollenspiel, dass zwar reflektiert und einstudiert ist, aber ich vergessen habe, welche Rolle noch mal meine war. Ob jetzt lachen oder weinen sollte, ob ich jetzt sagen sollte „ja genau darauf habe ich gewartet“ oder ob es war „stopp, so nicht mit mir“. Und plötzlich wirkt mein Haushalt so wie der von anderen: von Außen irgendwie aufgeräumt, von innen aber wie bei Hempels unterm Sofa.

Und dann immer dieses Durchschauen. Ist anstrengend und kostest mehr Kraft als ein paar lächerliche Sit-Ups. Und immer diese Aufmerksamkeit. Geschenkt und Beansprucht. Ebenso zweifel- wie zwanghaft. Und immer dieses Reflektieren. So als müsste ich zu einem Point of Erkenntnis gelangen wo ein kleiner Schatz auf mich wartet, der mir dann zu meiner Großspurigkeit gratuliert. „Herzlichen Glückwunsch“ und „von hier geht’s nur noch abwärts“. Oder „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben endlich mal ihr Tagespensum geschafft“. Einmal. „Jetzt heißt es weiter ranklotzen und nur nicht aufgeben“. „Immer schön weiter in den Kopf verziehen“. Wahrscheinlich würde der Schatz mir dann freundlich auf die Schulter klopfen und auf den Weg der Erkenntnis zeigen. Der so steil nach oben geht dass mir schwindelig und ich kotzen würde. Und zack, hätte der Schatz kein Bock mehr auf Schatz-sein und würde fortan nur noch Fehlinformationen liefern und wilde Spekulationen. 
Also doch lieber umdrehen, weiterschlafen und den November gezielt ignorieren.  Mit seinen traurig-nassen Nebelschwaden, seinen fadenscheinig leeren Argumentations-und aneinandergereiten Symtomketten sollte der lieber draußen bleiben und nicht meinen Kopf ukupieren. Denn alles was dann entsteht ist ein abgdrehtes Kind. Eins das Chaos macht! "Aber ich fürchte dafür ist es jetzt zuspät". Sagt jemand, der gerade etwas zu fressen fand.

Montag, 21. August 2017

How to get lost ...in your head!

Aufpassen und durchatmen, denn Achtung: übertriebenes Grumpy Cat in the house! 



Ich spiele mit dem Feuer, während mein linker Fuß aufgeregt zuckt. Ich spüre schon ein Brennen, aber aufhören will ich auch nicht. Wieso sollte Selbstzerstörung nicht ein genussvoller Zeitvertreib sein? Warum sollte ich – kurz vorm Verglühen – einfach aufhören? Ich rauche eine Zigarette um mich vom langsam überrollenden Schmerz abzulenken, aber nichts könnte das Nichts betäuben. Versunken in alten Kisten und Kammern meiner Seele suche ich nach Antworten auf die ich keine Fragen habe, suche ich nach Sinn und vor allem nach Halt. Als würde man so was im Staub finden! Mein Kopf rattert und scannt Erlebnis für Erlebnis wie Barcodes ab. Immer wieder ploppen Fenster auf und ich merke, dass mein Adblock bereits aufgegeben hat. Ich werde voll gespamt und kann nichts anderes tun, als mich voll und ganz drauf ein zu lassen. Irgendwann werde ich unter einem riesigen Berg Müll aufwachen und auch nicht mehr wissen. Dieser Müll ist nicht mal sortiert, er stinkt und erinnert mich daran wie wichtig Umweltschutz ist. Aber was ist schon wichtig, wenn jeder Zeit alles explodieren könnte? Und ich spreche jetzt nicht nur von dem Chaos und Wirrwarr in meinem Kopf, von den viel zu warmen und den viel zu kalten Tagen, vom Gefühl überrannt und übermannt zu werden. Nein, ich spreche jetzt von realitätsnahen Szenarios.

1. Ich schreibe hundertausend Wörter leeren Inhalt, beherrsche zwar inzwischen ein bisschen Kommasetzung, aber das war's dann auch schon. Meine hundemüden Finger tippen monotone Gedanken in Worddokumente, die alle paar Minuten abstürzen, während die "Life sucks" Playlist nicht mal mehr laden will. 

2. Wenn ich Glück habe und bald Seitenweise produzierte und abermals reproduzierte Inhalte gespeichert, ausgedruckt und eingereicht habe, steht meinem Abenteuer Masterabschluss nicht mehr viel im Wege. Außer der Masterarbeit ansich natürlich. Dieses - bisher unangetaste Werk - wird niemals das wiederspiegeln was ich Jahrelang gemacht habe (was ich alles an gefährlichem Halbwissen angehäuft habe!) Nein, es wird nicht mal wiederspiegeln was ich das letzte Jahr gemacht habe! Dafür müsste ich viel eher mein Tagebuch publizieren, was allerdings ebenfalls lückenhaft und wahrscheinlich eine ebenso bekloppte Idee wäre. Aber, ich wäre endlich fertig. 

3. Zack, ich wäre fertig und hey, das Leben läge mir natürlich zu Füßen. Mir würde nicht mehr viel bleiben, als darauf rum zu tanzen, zu trampeln und hier und da ein bisschen ein bisschen zu hüpfen. Natürlich, ich würde erst einmal ne ordentliche Post-Master-Krise entwickeln, so wie sich das gehört. Und dann doch lieber noch ein bisschen eingeschrieben bleiben, denn was ich mit Soziologie, Kulturwissenschaft und all dem anderen Kram  - außerhalb von gefährlichen Diskussionen - anfangen soll, konnte mir bisher noch niemand erklären. Aber, ich könnte endlich, endlich mal Bestseller-Autorin werden. Denn hey, davon wurde ich ja bisher - pausenlos - abgehalten. 

4. Bisher habe ich mir nur meinen dramatischen Mikrokosmos angesehen und all das wirkliche Leid völlig ausgeblendet. Denn worüber man sich sonst noch so aufregen oder wirklich Gedanken machen kann ist offensichtlich. Offensichtlich leben wir in einer sich selbstzerstörenden Welt, wie passend. Alle erzählen dir zwar immer, du sollst du dich auf das Positive konzentrieren und dein Hirn anstrengen damit DU DEIN LEBEN wenigstens ein bisschen schön gestaltest, aber eigentlich heißt das auch zu vergessen wieviel Scheiße um dich herum passiert. Und eigentlich meint das auch, dass du dich permanent ändern sollst und eigentlich bedeutet das auch, dass jede und jeder seines Glückes Schmied ist. Im Umkehrschluss: Du bist selbst Schuld, wenn dir nicht das Glück aus dem Arsch strahlt. Denn mit ein bisschen mehr positiven Afirmationen, kreativen Mind-Sets, ein bisschen Charken-Öffnung und Glauben wäre die Welt ein wunderbarer Ort. Zumindest für dich. Klar, in die Falle tappe ich auch andauernd. Aber gesellschaftliche Partizipation und Weltveränderung passiert so logischerweise auch nicht. 

5. Und ich tappe in die Falle. Konzentriere mich wieder nur auf mein Kopfkino, dass nichts mit all dem zu tun hat. Und sich dennoch im Kosmos verliert wie ein kleiner Funke, der vom loderenden Feuer weg springt. Durch das Aufschreiben zerstört sich die Selbstverstörung und die Müllberge werden langsam den Standards entsprechend sortiert und recycelt. 

Der linke Fuß zappelt nicht mehr und ist inzwischen wieder taub geworden, von der Zigarette ist nur noch die Glut ürbig geblieben, kein Schmerz, kein Feuer. Versunken liege ich zwischen riesigen Bergen Büchern, Post-its und kaltem Kaffee und stelle fest, dass ich noch immer auf einen Bildschirm voll Nichts starre. 





Montag, 27. Februar 2017

Don't mess with me or my Jutebeutel!


Du spürst diese unbeschreibbare Wut im Bauch, von der du bisher nur vom Hörensagen gehört hattest. Du schüttelst zwar immer wieder deinen Körper, so als könntest du die Plage noch von dir weisen, aber du bist eben kein verfickter Neoprenanzug. Du bist auch kein Roboter oder eine grummelige Katze, die mal eben abhaut wenn ihr alles zuviel wird und erst dann wieder auftaucht wenn sie hungrig ist. Dein Bauch knurrt bereits und du bist auch nur jemand, der an der Ampel steht und angestarrt wird. Die Wut kriecht dir am Kinn hoch, direkt in deine Stirnfalten hinein. Sie hat keinen Namen, kein Gesicht, sie taucht auf wie ein kleiner Orkan und kribbelt ein wenig im linken Knie. Neben dir lehnt eine Frau auf einem schwarzen Fahrrad und verzieht das Gesicht. Was ist los? Denkst du. Du bist auf Krawall gebürstet. Du denkst, heute ist der Tag, an dem dir Mayonnaise auf der Nasenspitze hängt und niemand dir davon auch nur ein Sterbenswörtchen berichten wird. Du denkst, heute wirst du für deine bloße Existenz angemacht. Entscheidungen werden sich zu Fehlschlägen entwickeln, die dir noch dein ganzes Leben nachhängen werden. Der wild gewordene Orkan wirbelt dir durchs Haar und lässt dich – wie ganz aus versehen – eine Haarsträhnen inhalieren, so dass du denkst, du könntest ersticken. Du hustet kurz. Die Frau starrt dich weiter an. Was zum Teufel ist los? Du drehst dich etwas weg, nur um dich umso schneller wieder umzudrehen und diese Erscheinung ebenfalls abfällig zu mustern. Sie sieht weder alkoholisiert, noch verwahrlost, noch irgendwie besonders aus, außer vielleicht, dass sie eine übertrieben sportlich wirkende Sonnenbrille -bei fast bis gar keiner Sonneneinstrahlung- trägt. Sie schaut genauso herablassend wie du sie kennen gelernt hast und murmelt kaum hörbar und doch deutlich „Ich glaube nicht, dass DU weißt, was Surrealismus bedeutet“. WAS IST LOS? Du schnappst hörbar –viel zu laut- nach Luft. Presst deinen neu erstandenen Surrealism-Dali-Beutel wie ein Schutzschild vor allem Bösen an deinen Körper und hältst ihn ganz fest. Das Ding hatte 5,99€ gekostet. Dali ist dort -ein bisschen verfremdet -und mit einem überdimensionalen Phallussymbol als Nase ausgestattet abgebildet. Jedenfalls hatte dein Prof. dich direkt daraufhin gewiesen. Er hatte dich deshalb extra wieder in die Bar zurück zitiert. Schon damals beschlich dich das ungute Gefühl, hier wolle dir jemand deinen Beutel schlecht machen, aber du hattest dich, nach einem kurzen Moment der Empörung, wieder besonnen. Jeder Mensch brauch mal einen Jutebeutel, hattest du dir gesagt. Und noch einen und noch einen. Still und heimlich und nach mehrmaligen herum schleichen hattest du dich im Reina Sofia dafür entschieden. Du magst ja auch manche Dali-Werke und Surrealismus ist immerhin kein Fremdwort für dich, hattest du dir eingeredet. Auch wenn du kurz überlegt hattest lieber den Picasso oder Frida Kahlo Beutel zu nehmen. Oder alle. Aber dann fandest du die Dali-Darstellung irgendwie am Lustigsten. Und jetzt blätterte die ganze Fassade! Wildfremde Menschen beleidigten dich an Ampeln, hielten dich für unkultiviert, dumm und unüberlegt. Du bist zu einer Salzsäule erstarrt und der Orkan tobt einmal durch deine Eingeweide, während die Frau um die Fünfzig dir eine dämliche Grimasse hinhält, die vermutlich so etwas wie „Ätsch“ ausdrücken soll. Vielleicht kommt sie gerade vom Fasching, hoffst du. Oder es liegt an deiner Spange im Haar und weil du aussiehst wie zwölf. Dein Auge zuckt nervös, aber du bist unfähig etwas zu sagen. Du kannst es nicht fassen, aber die Dame im Radio hatte es bereits heute morgen angekündigt. „Skorpion: Überlegen sie gut ob sie heute vor die Tür gehen und wenn, machen sie sich auf Einiges gefasst.“ Hatte sie völlig lustlos nach der Waage getönt und du hattest nur mit den Augen gerollt. 



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Post-Exkursions-Traumata haben es in sich.