Samstag, 14. Dezember 2013

Nächstenliebe



Wir entstammen einer kaputten Organisation sozialen Gedankens. Wir sind das, was man im Allgemeinen als verwirrt betrachtet und im spezifischen als verrückt erkennt. Jeder hat sein eigens Paket dabei, alle fangen es an auszupacken. Es passt irgendwie zur besinnlichen Stimmung, aber es ruiniert sie gleichzeitig. Geräuschvoll verreißen wir, im Stillen verdauen wir, sind erstaunt oder verstört. Wir finden es irgendwie interessant, aber auch irgendwie schockierend. Wir wollen uns erklären, aber starren alle nur auf unser eigenes halb geöffnetes Paket und schweigen. Was soll man auch sagen, wenn man auf etwas starrt was man selbst nicht versteht. Enttäuscht von unserer eigenen Generation sitzen wir betrunken vor weltbewegenden Problemen die wir meist als nur unserer eigenes betrachten, aber grundsätzlich nicht von dem Gedanken abkommen können, dass dies gesellschaftliche Ursachen haben könnten die uns alle betreffen. Der Gedanke, dass es uns allen irgendwie so geht beruhigt und schürt gleichzeitig Panik. Unser Problem ist so eigen, dass es niemand anders als die Gesellschaft selbst betrifft, jeden von uns, jeder der es nicht verstehen wird weil er in seinem eigenen sozialen Gedanken versinkt. Wir sitzen zusammen, aber sind alle auch irgendwie alle allein. Wir verstehen warum das so ist, wir verstehen die Gruppendynamik auf allen Ebenen, aber wir können nichts damit anfangen. Wir haben Theorien zu jedem wirklich relevanten Problem, aber daraus folgt nicht viel, außer vielleicht allgemeines Verständnis, allgemeine Schlauheit und allgemeines Durchschauen. Aber nichts Spezifisches, nichts was uns weiter helfen könnte. Wir entstammen einem sozialen Gedanken, einer kaputten Organisation. Manchmal wünschen wir uns nicht sehnlicher als dumm und desinteressiert zu sein. Manchmal halten wir uns für ganz schon herablassend und arrogant. Fokussiert, Verfahren. Wir wollen uns helfen, aber wir enttäuschen uns ständig. Halten eigene für andere und andere für eigene Probleme. Reden über alle, aber nicht über uns selbst. Haben Lösungen für die Gesellschaft, aber nicht für uns. Für uns, die hier sitzen, eingelullt und zerzaust, hilflos und auch irgendwie süß. Enttäuscht von der realen Welt, verwirrt von sich selbst. Wir halten uns an die, die uns am Nächsten sind, halten uns an die, die auch nicht weiter wissen. Sitzen Nachts zusammen und stammeln nach einer Erklärung.


Montag, 9. Dezember 2013

Montags ist nicht nur Mensa-, sondern auch noch Post-Tag

Achso. 



Ganz neue Sitten hier, seid dem ich die Header-Überschrift in ein hippiges "Vollkorn" geändert habe. Vor allem aber habe ich meinen Alter-Ego Blog von 2005 (bis 2009) besucht. Das war fast zu krass! Also dachte ich mir, es wird mal wieder Zeit ein bisschen persönlicher, witziger, niveauloser und vor allem mehr zu schreiben. Außerdem soll natürlich die Marbosch-Love-Hate-Relationship literarisch weiter verarbeitet werden. Erfahrungsgemäß hält dieser, leicht euphorisierter Zustand knapp einen Monat an, aber Hey das Timing - bestehend aus etwas verkommenem Restjahr und zerrinnender Bachi-Vorhölle - könnte nicht besser sein. 



"Das Leben ist blos (sic) eine einzige Zeitangabe und man blickt verständnislos und kopfschüttelnd, auf das was man ein Jahr, einen Monat, eine einzige Sekunde nennt, zurück." -  (Lotte: 2005) 

Mit sechszehn ist man schätzungsweise weiser denn je. 




Freitag, 4. Oktober 2013

the world at it's worst




Was die Welt nicht hören will hört sie nicht. Sie macht dann alle Schotten dicht, klappt den Bürgersteig hoch und stopft sich zur Sicherheit noch ein paar Oropax rein. Was sie nicht hört kann sie nicht sehen, denn sie ist blind. Ihren Blindenausweis hat sie irgendwann verloren, ihr Hund ist ausgerissen, also tappt sie hilflos durch die Gegend und rennt gegen jeden Pfosten der ihr im Weg steht. Die hat Beulen, Flecken und Kratzer, aber auch das was sie spürt ist nicht mehr viel. Manchmal vergießt sie ein paar lächerliche Tränen, aber sie Selbst hält sie nur für Regen. Sie spannt dann ihren Schirm auf und alle denken die Welt sei nun endgültig verrückt geworden. Ihre Augen brennen, aber sie denkt dass die Sonne scheint. Doch die Sonne scheint schon lange nicht mehr. Es ist mehr Himmel, ohne das man ihn wahrnehmen kann. Wolken die für einen Hungerlohn verkauft wurden so dass das Blau dann irgendwann einfach die Lust an seiner Arbeit verlor. Würde die Welt noch den Wind hören, würde sie merken, dass auch er nur noch frustriert ist. Seine letzten Aggressionen lässt er dabei an spärlichen Bäumchen aus. Die Welt ist müde, aber sie traut sich auch nicht aufzuhören, sie fürchtet sich zu sehr vor möglichen Sanktionen und Embargos. Manchmal denkt sie ein Suizid könnte die Lösung aller Probleme sein, aber tief drinnen weiß sie dass der Verlust wohlmöglich alles verschlimmern und die psychischen Störungen der anderen erhöhen könnte. Sie schleppt sich also von A nach B, sitzt stumm in der U-Bahn und versucht sich mit Coldplay Songs bei Laune zu halten. Die Menschen kommen immer wieder zu ihr, lachen sie aus und quälen sie mit Fragen dessen Bedeutung sie vergessen hat. Sie hat keine Antwort, sie will es nicht hören, stopft ihre Kopfhörer ein und lächelt eisern, wenn sie Chris Martin singen hört „when you try your best, but you don’t succeed“.

Montag, 23. September 2013

sometimes, you just see nothing.












Sommer (Teil 1) 

3 x Marbosch-Love


Mehr aus der (grenzwertig dümmlichen) Serie - Taste the imaginary love!
(ich sagte ja, grenzwertig) 



Aufzugstorys

Ich komme in den schon übervollen Aufzug gerannt und rieche schon von weitem, dass seine Insassen nicht mehr ganz so nüchtern sind. Die Insassen starren mich belustigt an, ich quetsche mich hechelnd zwischen sie. Mein Rücken tut weh, weil ich so was wie einen Schulranzen mit tonnenschweren Büchern mit mir herum trage, mein Bauch tut weh, weil man durch Snickers und Cappucinobrühe noch lange keinen Hunger vertreibt. Das Licht macht einen noch hässlicher und müder als man eh schon ist, der Pony mal wieder strähnig und schlecht geschnitten. Blinzelnd und beschämt schaue ich auf den Boden, so wie man es immer tut wenn man sich hässlich fühlt und im Aufzug steht. Die Besoffskis lallen und stinken, scheinen aber immerhin mehr Spaß im Aufzug zu haben als ich. Der eine, groß mit den rießigen Augen hinter der dicken Brille, starrt mich durchdringlich an. Ich schenke ihm ein müdes Lächeln. „Ey“ lallt er, „ich kenne hier alle...“. Es ist kurz nach neun, dumpf hört man irgendwo noch irgendeine Kirche läuten. Nach einer kurzen aber dramatischen Pause fügrt er grinsend hinzu „außer die!“. Seine Finger zeigen auf mich, die Betrunkskis haben anscheinend meinen strähnigen Pony bemerkt und ein Opfer auserkoren. Die Fahrt scheint heute endlos, meine Beine schmerzen seit genau vier Sekunden. Seit selbiger Zeit lachen die Kerle, erst leise, dann artet es aus. Während die zwei Mädchen es sich noch zu verkneifen versuchen und vermutlich peinlich berührt sind, höre ich sie schon „ein Diss im Fahrstuhl...“ grölen. Grinse in mich hinein. „Fahrstuhl-Mobbing, „Fahrstuhl Mobbing“. Sie singen es im Chor, laut, besoffen, völlig losgelöst und wunderschön. Ein Lachflash zwischen Unter- und Oberstadt. Nach sechs Stunden Bib eine freudige Abwechslung. Prustend vor Lachen steige ich aus dem Fahrstuhl, der mit den großen Augen winkt mir zum Abschied hinterher. 



Wer kann am Längsten? - Nachts am Markplatz

Der Hahn kräht. Zum zehnten Mal nach gefühlten zehn Minuten. Wahrscheinlich ist eher, wir sitzen hier schon länger. Wahrscheinlich ist auch; der Hahn kräht öfter, als nur jede Stunde. Ein bisschen verschwommen sieht es hier aus, zwischen der traumhaften Kulisse mit seinen traumhaften Klangerlebnissen. Wahrscheinlich liegt es nicht nur daran. Vor gefühlten Minuten sagte ich, ich sei so müde, dass ich auf dem Tresen schlafen könnte, jetzt sitze ich hier und warte ab was so passiert. In der Regel ist das nie besonders viel, aber man kann ja nie wissen. Es gibt Zeiten, da sieht es hier ganz anders aus. Sonntags ist es manchmal so voll, dass man sich praktisch durch die ganzen Touri-Massen, Burschis und Schöckelschuhen durchkämpfen muss. Jetzt ist hier niemand, außer ein paar LKWs die angeblich irgendwelche Läden beliefern und angeblich ein bisschen Sperrmüll. Ein traumhaftes Sofa, das ich am Liebsten sofort mitnehmen möchte. Ich bin in einer schwammigen Laune und stelle einfach alles in Frage, weil ich denke, dass ist der richtige Ort dafür. Meine Augen fallen jeden Moment zu, aber ich versuche durchzuhalten. Ein paar Menschen trotten an uns vorbei, jeder von ihnen könnte theoretisch interessant sein und guten Stoff für eine gute Story liefern. Nur sind sie gerade nicht relevant, sondern gehören einfach nur zum Gesamtbild. Dieses fügt sich langsam zusammen. So wie alles. Gigantisch. Würde ich können, würde ich die Szene aufnehmen und auf den Rathausturm projizieren, würde mich jede Nacht mit einem Eis davor setzen und auf den Moment warten in dem der Hahn kräht. Es passiert so oft und trotzdem ist es jedes Mal wieder einzigartig, denke ich, während meine Augen langsam wie ein Vorhang zuklappen. 


Die Waschbären-Familie

Irgendwann morgens, nach vier. Ich bahne mir einen Weg durch die Oberstadt. Vielmehr, ich versuche irgendwie geradeaus zu gehen und möglichst wenig stehen zu bleiben. Es fühlt sich an als würde ich einen Dschungel durchqueren. Die Mühe erscheint mir gleich groß. Auch sonst scheint mir alles potentiell interessanter als sowieso schon. Schade, dass außer mir niemand mehr unterwegs zu sein scheint um dies zu würdigen. Schade, dass ich inzwischen doch schon fast zuhause bin. Gefühlte paar Meter. Ich seufze laut, dann, in einem Zustand des schönsten Diliriums, in dem ich kaum mehr zwischen Straße und Häusern unterscheiden kann, starren mich plötzlich fünf Waschbären an. Sie grinsen frech. Ich grinse frech zurück. Langsam und gemütlich bewegen sie sich von ihrem grünen Versteck, etwas oberhalb von mir auf einer wildbewachsenen Mauer (Urwald!), langsam auf die Straße herunter. Schauen nach links, dann nach rechts und fragen sich vermutlich irgendwas. Zum Beispiel – ich schweife ab. Alles was mein Kopf sagt ist „cool!“. Alles passiert in Zeitlupe und dann kommt da noch „Mach ein Foto man!“. Die Waschbären sind inzwischen gemütlich weiter getigert, getanzt, gerobbt. Ich befürchte niemand wird mir diesen Spaß am nächsten Morgen noch abkaufen. Ich werde Recht behalten. Drei mal Blitz ins Leere, ein mal mit zwei dieser Objekte; leicht verschwommen, völlig überblitzt aber deutlich sind zwei (von fünf!) der Mitglieder aus der Waschbären-Familie von und zu Barfuß zu erkennen. Der eine grinst sogar in die Kamera.  

Donnerstag, 15. August 2013

we come too far to give up


Es gibt verschiedene Arten einen Weg zu bestreiten, Entscheidungen zu treffen, Angebote anzunehmen. Bei mir ist es eher ein Aufwachen und Auftauen. Guten Morgen! Auf einmal habe ich ein paar Jahre Leben geplant ohne einmal mit den Wimpern geschlagen zu haben. Aber die hab ich mir ja auch aus Versehen beim Pony schneiden abgesäbelt. Genau wie ich mich aus Versehen für ein neue Studium eingeschrieben und einen neuen Job bekommen habe. Ein Bachelorthema - eine Absegnung. So das es am Ende aus Versehen zwei Jobs, eine Bachelorarbeit und ein Studium zuviel sind. Das Versehen stellt möglicherweise das Resultat einer eher kopflosen; träumenden, statt wachen, Episode dar. Vielleicht aber auch eine von zu viel Pessimismus. Die Erwartungen jetzt sind groß, der Mut und die (Vor-)Freunde da, aber auch ein Berg. Den gilt es nun zu erklimmen. Mit müden Beinen und Kopfschmerzen. Vielleicht lohnt es sich trotzdem weiter zu laufen, mit Pausen und viel Pausenbrot, denn am Ende wird die Aussicht möglicherweise atmenberaubend sein.


Wenn nicht, folgt (aus Versehen) Plan B.



Oberstadt-Blues


Teil 1 meiner neuen Serie - Liebeserklärungen an Marburg - Lokalpatriotismus sollte man natürlich immer ernst nehmen! 


Dinge geschehen in der Oberstadt, die sonst nirgends passieren. Zumindest in keiner anderen Oberstadt. Dinge wie spontane Aktionscamps für Platz und gegen Fleisch, zwischen Zentnern von gelben Plastiksäcken begrabene Hexen die mit ihrem Strickbeutel zwischen schmalen Häuserwänden kauern, Kerle die einem „High Five“ rufend entgegen kommen und du gar nichts anderes tun kannst, als müde deine Hand zu heben. Verwirrte, Grinsende, Torkelnde. Kotzend, weinend, entgleist. Aller Nationalitäten, aller Verbindungen. Mit Schirm, mit Charme, mit vollen Einkauftüten, Bagpacks und Koffern die ein enorm lautes Rattergeräusch hinterlassen. Laute Töne der Lust, so laut und so leidenschaftlich, dass sie einmal durch sie von Haus zu Haus schallen und die draußen Verbliebenen zu einem beschämten Lächeln zwingen. Touristen vs. Studenten. Belagerungen in den Cafés, so als wäre man im südlichsten Süden, manchmal auch bei Minustemperaturen. Überall gibt es Essen, überall Postkarten und Brillen. Dazwischen Fairtrade- und Bücher-Läden, teure Boutiquen, Frisöre und Läden von denen keiner weiß welchem Zweck sie erfüllen und die trotzdem jeder als wichtige Institution anerkennt. Den Geschenkpapierladen, den Besenladen, den Trashladen. Alle haben sie irgendwie ihren Platz. Sie haben es sich hart erkämpft, denn die anderen Läden wechseln den Besitzer sobald man sich nur kurz umdreht. Einen Laden in der Oberstadt zu halten ist so schwer wie einer Kuh ins Horn zu petzten. Die Marburger wollen nichts Neues akzeptieren und den Touris ist sowie so alles egal solange es Essen gibt. Dann verziehen sie sich notfalls auch mal nach drinnen, in den Kneipen trifft man sie jedoch nur selten an. Die sind wie selbstverständlich von Studenten belagert. Sie wohnen praktisch dort, sie akzeptieren es wenn es um drei Uhr nachts lauter ist als um zwölf Uhr mittags. Man liebt seine Instutionen, man weiß was man trinkt. Und trotzdem ist man immer auf der Suche nach Ungesehenem. Nach unentdeckten Grafittis und Zeichen, nach verlorenen Gassen, liegen gebliebenen Sachen, nach echt brauchbarem Sperrmüll, dem richtigen Weg nach Hause. Doch sie bringt einen meist gut dort hin, weist einem mit all den leuchtenden Schaufenstern und offenen Fenstern hinter denen Fernseher dudeln oder ein rauschendes Fest gefeiert wird, den Weg. Manchmal hört man ein verzücktes Lachen, mal einen tiefen Seufzer. Am Ende kann es nur eine Oberstadt geben.