Mittwoch, 20. Mai 2015

Der Freiheit zum Trotz



Meine Knie wippen im Takt, meine Arme hängen auf drei Uhr. Ich atme und rotze zugleich und höre dem wummernden Singsang der Menge nach. Es hört sich so an, als würden sich die Stimmen verdoppeln, es hört sich so an, als würde ich langsam verrückt. Der Sound der Extase, von Wut, Trauer und Verzweiflung mischt sich im Raum zu einer Suppe die niemand mehr auslöffeln könnte ohne dabei zu kotzen. Die Dynamik die sich entfalten soll wird in einem zehn Minuten Takt auf Band vorgegeben. Die meditative Phase erfolgt in einer krampfhaften Erstarrung. „Stop“ schreit mir jemand entgegen, ich stelle mir vor, es ist ein kleiner Bhagwan-Heinz in Orange der Stress-Managementseminare bei BMW leitet. Nach zwei Minuten tut mir alles weh. Ich nehme die Hände runter und verändere still und heimlich meine Position. „Lasst euch drauf ein!“ Höre ich in meinem Kopf geistern. Ich will aber nicht. Mein Widerstand fokussiert sich vor allem auf Acharya Rajneesh, Bhagwan Shree Rajneesh und Osho, welche alle drei den gleichen verqueren, spirituellen Guru meinen. Die Abneigung gegen einzelne Halb-Götter hatte mir meine Mutter vermutlich bereits in der pränatalen Phase introduziert. Dazu die eindeutige Haltung, dass ein „Nein, will ich nicht“ eine durchaus legitime Position ist. Abwehrmechanismen als Ressource sowieso.  

Zur Erholung liege ich in meinem abgedunkelten Zimmer und höre Walgesänge aus meinen High-Quality Boxen. Wenn ich die Augen schließe ist es kaum mehr abwegig sich in ein rießen Aquarium zu dissoziieren. Ich schwimme solange, bis ich irgendwo an Glas dotze. Dann schwimme ich wieder zurück. Mein Goldfisch-Leben ist zwar ruhig, aber auch ziemlich stumpf und einengend. 

Später aalen wir uns in Matsch und werfen mit bunten Bauklötzen. Dazu hören wir Kinderlieder und werden vom universitären Machtmännern in Jogginghosen beobachtet. Meine Hände stecken tief in der Scheiße und auch der Rest von mir möchte lieber wieder Erwachsen sein und gehen. Der Mann in der roten Jogginghose mahnt uns zum Abschluss der Massenzurückführung den kindlichen Trotz und die spielerische Freiheit nicht zu verlieren. Er gibt uns eindringlich zu verstehen, dass man nicht immer der Leistungs- und Disziplinargesellschaft hinterher rennen solle. Meine Konsequenz ist, auf meinem fünf Minuten Heimweg schon wieder darüber nachzudenken nie wieder diese Turnhallen-Spielhölle zu betreten. Mein Trotz und meine Freiheit, die sogar ausgeprägt  existieren, sehen sich genau durch diese Gruppen inszenierte Doppelmoral beschränkt. Der Mann in Turnhose und Yachtclub-Hemd, der Freiheit predigt und Anwesenheitslisten auslegt, der einem einen vorgefertigten Stundenplan in die Hand drückt und jede Stunde im belehrenden, erhobenen Lehrer-Zeigefinger-Modus die Postmoderne verflucht ohne diese Begrifflichkeit jemals diskutieren zu lassen. 

Ich rege mich zuviel auf? Vielleicht. Einerseits sehe ich ein, dass eine Abwehrhaltung nicht unbedingt dazu führt, dass Menschen zufriedener sind, gleichzeitig denke ich, genau das braucht es auch. Zeit für Aufregung und Texte zum wieder Abregen. Sogar genug Zeit um besonders schlau klingende Wörter zu googlen. Nicht immer nur im Bahnen drehen im Süßwasser-Aquarium, sondern auch mal kein Bock mehr haben, gequält gucken und sich komplett verweigern. Zum Trotz und für die Freiheit in dieser ach so illustren, postmodernen Lebenswelt. 



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Dazu werden gereicht: frisches Obst und gesundes Gemüse und Cat Stevens, ebenfalls besorgt wegen der bösen, wilden Welt. 

Freitag, 24. April 2015

Kisten voller Handlungsalternativen









„Wir sprechen hier von Kisten voller neuer Optionen. Voller Potential! Wir stellen sie auf, greifen in jede Mal rein und schauen was so passiert!“ Spätestens dann hätte man sagen sollen „Ha, sie sind ja verrückt!“ oder „nein danke, ich bleibe bei meinen alten Brötchen“. Naja, stattdessen wurde man vermutlich nie darüber aufgeklärt was passiert, wenn man ein freier Mensch ist. Nicht das ein Mensch tatsächlich jemals komplett frei sein könnte, aber ich meine hier solche, die zumindest so tun können. Man wurde hinausgeschickt und nicht mal gewarnt. „Seien sie vorsichtig Sie Mensch voller Möglichkeiten, Umkehrschlüssen und Zweifeln!“. Nein, es wurde gesagt „Seien sie jederzeit bereit!“ oder „Greifen Sie nach den Sternen!“. Also greifen wir, einen nach dem anderen. Betrachten Ihn und halten ihn dann für Austauschenswert oder zumindest für nicht strahlend genug. Es liegt nicht (nur) an unserer Versnobt- oder Borniertheit  es liegt (auch) daran, dass wir einfach neugierig sind. Wirft man unseren Großeltern (oder Eltern) möglicherweise vor besonders starrsinning und festgefahren zu sein, so sind wir multiflexibel. Immer auf der Spur nach einer ganz heißen Fährte. Es geht nicht (nur) darum glücklich zu sein (was wir natürlich um jeden Preis wollen), es geht darum, geschmeckt zu haben, zu wissen worum es geht. Bei möglichst vielem. „Zählen Sie uns ihre Stärken und Schwächen auf!“ werden wir standardmäßig in Vorstellungsgesprächen und Assessment Centern gefragt. Wer diese Frage nicht nur wahrheitsgemäß, sonder auch glänzend beantworten will, muss einiges ausprobiert haben. Wer so eine Frage erst gar nicht beantworten will, muss erst recht vieles ausprobieren. Vor uns liegt ein Meer an Faden und Seilen, an denen wir ziehen könnten. Dabei fühlt es sich an, als würden die Fäden viel eher an uns ziehen. "Folgen Sie mir!" oder "Hier entlang!". Klar, es gibt Ruheinseln, es gibt Pausen und Momente in denen wir nicht im Dunkeln tappen. Es gibt kleine Erkenntnisse und Bewältigungsgipfel jeglicher Größe. Es gibt uns Halt, dass wir wissen, irgendwann finden wir uns am Ende doch damit ab, dass wir so oder so verrecken werden. So lange wir uns bewegen, so lange wir nur möglichst viele Kisten geöffnet haben. Überraschungseffekte versuchen wir dabei so lange zu ignorieren bis wir uns der momentanen Ausgangslage stellen müssen. Dabei haben wir immer im Kopf, dass Handlungen bewusst entschieden und nicht von Überraschungseffekten aus dem Ruder geworfen werden sollten. Ambivalenzen also in jeder Hinsicht. Ich starre auf die Kiste die vor meinen Füßen steht. Sie ist groß, enthält allerlei Kleinigkeiten, Unordnung und Chaos und ich wünsche mir nichts lieber als sie zu ordnen. "Du starrst schon seit Unendlichkeiten da rein" spricht mir eine warme Stimme direkt hinter mir. "ja, ich versuche es zu ertragen" stelle ich nüchtern fest. Das irritierte Schulternzucken verletzt mich kurz, dann halte greife ich kurzerhand nach dem Monstrum und stelle es auf die Straße, direkt vor meiner Haustür. "Kiste voller Potential zu Verschenken!" schreibe ich drauf. Soll sich doch jemand anders den Kopf darüber zerbrechen.(Zumindest für heute.) 

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Topic of the week.
Die dazu so schön passenden instagrammten Kisten sind wiederum ein - je nach Spaß & Objekt - Langzeitprojekt. Pick one! 


Sonntag, 22. März 2015

Erfahrungen am eigenen Leib


Ich erlebe den Dienstagmorgen wie er mit großer Anstrengung beginnt. Er beginnt damit, dass ich mich mühsam, wie eine schwerfällige alte Dame aus dem Bett kriechen muss. Gebrechlich, träumend, verwirrt. Ich schleiche ins Bad, zurück in mein Zimmer und muss mich aus- und wieder anziehen. Allein diese Aktivitäten halte ich vor acht Uhr morgens für relativ zumutbar. Aber dann geht es aber erst richtig los. Brot, Butter, irgendwas, kauen, schneller kauen, Wimpern tuschen, wenn es gut läuft noch ein bisschen rouge’ieren. Meistens läuft es nicht gut und ich bin froh wenn ich Schuhe und eine Hose trage. Wenn ich dann um kurz nach acht in der kleinen Turnhalle stehe möchte ich mir am liebsten erst einmal ein Bundesverdienstkreuz verleihen. Also mindestens. Stattdessen bekomme ich jetzt die Aufgabe meinen Körper noch ein bisschen mehr wahrzunehmen, ein bisschen mehr zu spüren, sehr achtsam zu sein, aber meine körperlichen Bedürfnisse so weit zurück zuschrauben, dass ich am Ende völlig wach und präsent bin. Ehrlich, spontan, kritisch, selbstkritisch, mit mir, mit den anderen, spiegelnd, den Spiegel wahrnehmend, auf mich konzentriert, meinen Bedürfnissen entsprechend. Ganz authentisch eben, nur nicht schlafend. Wir tanzen umher wie ein Haufen desolater Tiere. Tiere denen ein Bein fehlt, die deshalb hinken und seltsam im Kreis springen. Nachdem ich oder die Turnhalle nach Schweiß stinkt, habe ich nach ein paar animalischen Bewegungen die eher einer schlafenden Katze ähneln, bereits meine körperliche Höchstgrenze erreicht. Ich halte es für eine Höchstleitung was wir hier machen, ich halte es für unerklärlich, dass wir hier trotzdem immer wieder auftauchen, im Kreis sitzen und nicht heimlich den Raum verlassen. Das Konzept scheint also zu funktionieren. Ich zerbreche weder, noch schlafe ich ein, halte mich wacker, öffne und verschließe mich wieder. Erst herrscht lange Stille, dann fängt es langsam an zu jucken und am Ende wird überall aufgekratzt. Manchmal blutet es dann, tropft wie ein trauriges Rinnsal durch den Kreis und jeder der will oder kann leckt mal ein bisschen daran. Dann geht es wieder zurück. Aus der Turnhalle, in die reale Welt, zurück in mein Bett. Dort bin nur ich, mit meinen trägen Beinen, meinen schweren Muskeln und kreisenden Gedanken. Nach ein paar Mal tiefem Ausatmen schlafe ich bereits tief und fest. Am Ende - und damit meine ich die überstandenen Selbst-Erfahrungen, die von verkrümmten Bewegungen, über offne Ohren, verständnisvolle und missverständliche Blicke und Worte reichten - ist es 12 Uhr mittags und mein Körper siegt über den verwirrten Geist.   


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Rückblickende Verarbeitung von frühmorgendlichen Uni-Experimenten. 

Dienstag, 17. März 2015

Talking about… xocóatl!


und zur Abwechslung mal wieder was (ganz) Seichtes: 

Zwar ist der Schokoladen-Hype, den vermutlich irgendwann einmal von den Azteken angezettelt wurde, in meinen gesellschaftlich - vermeintlich intellektuellen - Kreisen groß (ich vermute die Assoziation Stress- und Nervennahrung kommt euch sofort) und auf Wikipedia werden immerhin 8 Spiel- und Dokumentarfilme und sechs Schokoladenmuseen (allein in Deutschland und Österreich) gelistet, Schokolade und ich haben aber eher ein ambivalentes Verhältnis zueinander. Es gab sogar mal eine Zeit, da habe wir uns gar nicht verstanden und es auch vermieden uns zu sehen. Denn die Sache ist, entweder esse ich sie auf (komplett) oder ich lasse es einfach sein. Heute lasse ich es also nicht einfach sein. Viel eher lade sie fast täglich zu mir ein und verspeise sie so wie ein läppisches Butterbrot, oder sagen wir lieber gleich, wie die Butter eines Butterbrots (siehe hier auch den Butter-Post). Macht auch Sinn der Vergleich, immerhin befinden sich ganze 18-28g Kakaobutter in einer 100g Tafel Schokolade. Was man – außer Tafeln - sonst alles mit Fett und Kakao machen kann wisst ihr vermutlich, vermutlich nämlich alles. Bei meinem Konsum halte ich mich nicht (nur) mit den billigen Zeitgenossen auf und verweise wie bei allen guten Lebensmitteln auf ihre gesellschaftliche Bedeutung (immerhin waren Kakaobohnen sogar mal Zahlungsmittel). Lindt & Sprüngli  - als Prestigeobjekt - kommt also in meine versnobten Gaumenwände und verbreitet sich dort innerhalb kürzester Zeit zu sahnigem Brei. Diese Schweizer-Qualitäts-Tafel (100g) besteht zwar zu ihrer Hälfte (51g) aus Fett, ist aber tatsächlich so „unendlich zartschmelzend“ wie es sich die Macher – ich meine natürlich die métiers de chocolatiers – gedacht haben. Die Schweizer wissen zwar wie es geht - was man auch in ihrem Konsumverhalten, welches sie nach Deutschland im Schokoladenverzehr pro Kopf anführen, sieht - dennoch scheint Lindt keinen unabhängigen Überprüfungsanspruch zu haben. Woher das Fett zum Zartschmelz also kommt, bleibt vermutlich für immer ein großes Geheimnis. Wenn Lindt keine Zeit hat gibt es immer noch das halbleere Nussnugat Creme für 1,50€ im Regal. Es ist zäh und pampig, viel zu süß und eben kein Lindt & Sprüngli. Trotzdem wartet es dort geduldig und freut sich in meinem Bett gelöffelt zu werden. Schokolade soll angeblich so was wie ein Stimmungsmacher und Aufputschmittel sein, nach unseren meist sehr kurzweiligen Treffen ist meine Stimmung meist jedoch nicht viel besser als vorher, die Zähne dreckig und der Glukosewert so hoch, dass er nicht mehr abgebaut werden kann und direkt in meine Hüften wandert. Dort ist Nussnugatcreme genauso wenig wert wie Lindt & Sprüngli. Die Hüftebene kennt eben keine gesellschaftlichen Unterschiede und scheißt auf Zartschmelz, conchieren, Kokosmilch und dem ganzen fettigen Rest. Nun, immerhin senkt Schokolade unter Umständen (wenn man von all dem Fett nicht ziemlich breit geworden ist) das Blut und es wurde ebenfalls bewiesen (soso), dass zwischen Schokolade und Pickel kein direkter Zusammenhang besteht. Wie schön zu hören.

Mittwoch, 21. Januar 2015

"hatten wir uns irgendwie ganz anders vorgestellt"



Wir sitzen in einem fahrenden Untersatz, aber eigentlich befinden wir uns viel eher in einer Art Vorhölle, eine die Freitagnacht, zwischen Frankfurt und Marburg tagt und darüber entscheidet, ob man dich zur Erholung in einen geschlossenen, rosa Raum oder doch lieber in ein einsames Retreat schicken sollte. Keine Ahnung, wer das nachher entscheidet, aber fest steht, die Gefahr durchzudrehen steigt pro Fahrgast und Fahne. Der ganze Zug ist eine einzige Fahne, in der drei Millionen Fahnenträger quasi Mund an Mund stehen. Der fahrbare Untersatz schwankt verdächtig, die Insassen fallen reihenweise um und verdächtig nahe in meine Comfortzone. Durch diesen Umstand bedrängt, ballt nicht nur mein ebenfalls tendenziell betrunkener Mitfahrer seine Faust. Ich stelle mir vor ich wäre auf einer einsamen Insel, während die 2,5 Promiller anfangen den halben Zug auseinander zu nehmen. Sie schmeißen mit vollen Bierdosen und rempeln ihre eh schon relativ deformierten, relativ fettleibigen Körper gegeneinander. Dabei schreien sie „heeey“, „eeyyyy“, „booar“, „auf die Fresse?“ und andere Äußerungen die es schaffen, gleichzeitig sexistisch, homophob, chauvinistisch, rechtspopulistisch, ausländerfeindlich und ordinär zu sein. Ok, wenn man kurz nachdenkt, ist es gar nicht so schwer alle diese Kategorien gleichzeitig zu vergeben. „Relativ dumm“ ist jedenfalls, nachdem ich launenhaft alle möglichen anderen Adjektive leise vor mich aufzähle, die Überkategorie die es kurz zusammenfasst. Ich lächele über diese Weisheit, da höre ich einen der dicken Wampen neben mir wieder schreien „ey!“ damit bin diesmal ich gemeint. „ja bitte?“ frage ich höflich und vermute mich dabei direkt als einzig Nüchterne im ganzen Zug geoutet zu haben. Es folgt ein Schwall Kategorie dumme Wörter, mein Sitznachbar ist kurz davor der Wappe, die ein viel zu enges Fußballs-Shirt ziert, einen ordentlichen Tritt zu verpassen. Ich mache ihm vorsichtig den Vorschlag vielleicht lieber auf eine kleine Traumreise zu gehen, aber als Antwort rollt er nur mit den Augen. Auch er hat einige Biere getrunken, ist vermutlich aber immer noch nüchterner als dieser fahrbare Untersatz jemals war. Die fünf Fussballfans, denen hin und wieder ein Bier-, Spuck- und oder Kotzfaden aus dem Mund hängt, fangen wieder an zu diskutieren. Welcher Verein hat bessere Chancen auf einen Abstieg, welche Stadt ist hässlicher, welches Bier billiger. Ich lausche und versuche gleichzeitig völlig desinteressiert zu wirken. Scheitere damit. „ey! Is alles nur Spasss!“ nähern sich die Bierspucker immer wieder mir und meinem Pommes essenden Sitznachbar, der bei jedem Majotropfen auf seiner Jacke einen erneuten Lacher kassierte und jetzt grimmig neben mir hängt. „is Spasss, der muss verstanden werden“, „is ja kein ernst, ist ja nur Jux...“. Das Abteil nickt kollektiv mit dem Kopf. "will ja niemand Ärger, hamwa ja schon genuch!" schwadroniert einer der Meute, der in der nächsten Sekunde einfach vorne über fällt. Die Spuckenden lachen, fühlen sich bestätigt, krakeelen weiter durch die vorweihnachtlich-besinnliche Weihnachtsnacht. Der Rest – hunderttausend Weihnachtsmarktgänger, denen hin und wieder ein Glühwein-, Spuck- und oder Kotzfaden aus dem Mund hängt – schaut andächtig bis belustigt, immer nur so lange bis ein Stück Fußballspucke an ihre glitzernde Wange fliegt. Dann schauen die mit Glühwein verklebten Münder plötzlich ziemlich säuerlich drein, wagen es aber nicht etwas zu sagen, schütteln nur vorsichtig ihre mit Mützen behangene Köpfe. Manchmal hört man nur ein leises Stöhnen und ein fast lautloses Wimmern. Auch sie hatten es sich irgendwie  ganz anders vorgestellt.

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Kurz vor knapp ins neue Jahr gekommen, dass (laut astrologischen Vorhersagen meiner Mutter) ab September (schon) wieder viel lustiger, spontaner und zweifelsfreier wird. Na Halleluja!  

Donnerstag, 25. Dezember 2014

vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit!

Ein Phänomen was uns alle betrifft. 


Vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit ist nicht gleich vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit. Die Facetten sind ebenso glitzernd, schimmernd, viel- und undurchsichtig wie die hiesigen Weihnachtsmärkte, Konsumtempel und ja, sogar die ach so harmlosen Flohmärkte. Es gibt kein entkommen und die Gefahr auf dem 5m Weg zur Uni infiziert zu werden ist genauso groß wie das törichte Vorhaben "nur mal eben schnell etwas besorgen zu wollen". Ein kurzer Schlenker zu H&M (das SALE-Leuchten war einfach viel zu groß und schön!) und eine Besorgung bei Rossmann werden da schnell zu echten Gefahren für dünne vorweihnachtliche Geldbeutel, Konten und ökologisches Denken sowieso. Selbst ein Spaziergang führt immer über irgendeinen Weihnachtsmarkt, bei dem man immer kurz stehen bleiben und ein bis fünf Apfelglühwein trinken muss. Ist ja auch kalt, ist ja auch kein Problem schon wieder Geld heraus und Kalorien herein zu werfen. Außerdem sind da ja noch die ständigen Weihnachtsfeiern, Wichteln und naja, die absolute Besinnlichkeit, die vor allem bei so genannten Familienangelegenheiten zum Vorschein kommt. 

Ich sagte ja, vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit ist nicht gleich vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit. Denn am allerschlimmsten ist die Besinnungslosigkeit - vermutlich fernab von einer bevorstehenden Weihnacht - in der letzten Bahn von Frankfurt nach Marburg, freitags nachts um halb eins. Dieses Phänomen soll jedoch (später einmal) einen eigenen Post bekommen. 

Da das Schlimmste (damit) vermutlich überstanden ist: fröhlichste Weihnacht! 



Sonntag, 7. Dezember 2014

(m)ein Körper als ein Versuch die Menschheit zu verstehen


"Einmal, da habe ich mir quasi eine Rippe aus dem Knöchel geschnitten (oder mich mit einem bissigen Hai anlegt!). Ein anderes Mal fühlte ich meine Hand nicht mehr und seit vorgestern scheint sich auch noch das Gefühl in meinem Schienenbein verabschiedet zu haben..."

Dass ich ausgerechnet Körperpsychotherapie studiere, erscheint da erst einmal recht widersprüchlich. Immerhin scheine ich ein - sagen wir - ambivalentes Körper- (und Leib-) Verhältnis zu haben. Aber immerhin, ich scheine das inzwischen begriffen zu haben! Ich denke, inzwischen kenne ich mich so gut, dass ich weiß, dass auch der Körper mein ist. Ich wüsste, wenn ich friere, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn mein Magen knurrt oder mir latent schlecht ist, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn ein Körperteil kribbelt, was zu tun ist. Wenn es juckt, was zu tun ist. Ich wüsste es, tue es aber selten. Ich überlege mir theoretische Konstrukte - die meine kognitiven Fähigkeiten bei weitem überschreiten - zur Heilung meiner Kopfschmerzen. Ich schreibe Schmerzprotokolle und recherchiere nach den bestmöglichen Optionen, ich mache To-Do Listen, ich bastele eine symbolische Collage, ich schreibe einen Text darüber, entwickle ein komplettes Therapie-Konzept für Wochenend-Migräne, Cluster- und Spannungskopfschmerz. Für Prä- und Postmenstruelle Kopfschmerzen. Ich lege mich nicht aufs Bett, schließe nicht die Augen und ziehe auch nicht den Stecker. Ich möchte den Schmerz verstehen, statt ihn zum Gehen aufzufordern. Ich möchte, dass er für etwas gut ist. So wie ich am liebsten jedes Störungsbild mal probeweise für einen Abend austesten würde, nur damit ich mich besonders gut in jeden Menschen hinein versetzen könnte. Und dabei halte ich mich jetzt schon für eine Expertin für jegliche Störungsbilder. Ich denke wirklich, dass ich mich nur tief genug mit Krankheiten beschäftigen müsste, damit die Welt ein bisschen erklärbarer wird. So wie andere Menschen ihre Angst vor dem Unbekannten in Rassismus oder einer Zwangsstörung äußern, möchte ich alle verstehen lernen. Dazu zählt nicht nur was PTBS oder MD heißt, sondern auch zu wissen, wie sich Kopfschmerz und ein taubes Bein anfühlt. Es ist dabei nicht so, dass ich mir unbedingt wünschte, ein taubes Bein zu haben oder es vielleicht sogar absichtlich betäuben würde. Aber wenn es einmal da ist, springt in mir - nach einem kurzen Schreck - schnell ein Schalter um. Schon befinde ich mich im - sagen wir im kreativen - Forscher-Modus. Wie lange braucht eine klaffende Wunde zum Heilen? Wie viele Adjektive können Müdigkeit beschreiben? Wie fühlt es sich an, ein taubes Bein zu rasieren? Wie lange muss man kratzen bis es blutet? Wie visualisiert man Migräne? Wie beschreibt man Depressionen? Ich habe darauf jede Menge Antworten - die alle kaum etwas mit biologisch, chemischen oder physikalischen Faktoren zu tun haben. Denn alles, was mit den "tatsächlichen" Prozessen im Körper zu tun hat, finde ich abstoßend bis ekelhaft. Was aber auch einen gewissen Reiz hat. Als Kind blätterte ich immerhin ziemlich regelmäßig durch das zerfledderte Anatomie-Buch, dass ich nun wieder heraus gekramt habe. Oder sezierte meine Haare im Mikroskop. Auch heute schauert es mich etwas bei der Vorstellung der seltsam ekelhaften Strukturen, die angeblich meine Haaren gewesen sein sollen. Meine Angst ist dabei vermutlich auch, dass diese Vorgänge kaum mehr kontrollierbar scheinen. Ich habe Angst, dass ich meinen Einfluss nicht an Mitochondrien testen könnte, dass sie nicht auf mich reagieren und mich im Regen stehen lassen, wenn ich sie bitte irgendwas für mich zu tun. Da fängt aber auch schon das wirkliche Problem an, denn ich habe keine Ahnung was sie für mich tun könnten. Ich habe keine Ahnung ob sie bei Prozessen wie Migräne und Neurodermitis beteiligt sind. Natürlich, ich kann sie googlen, kann lernen, dass sie "die Kraftwerke“ der Zellen bezeichnet werden und dass ohne sie so ziemlich nichts passiert. Aber ich verstehe das nicht. Sie sind mir viel zu unsichtbar. Ich weiß sehr wohl um den Zusammenhang zwischen anatomischen und psychischem Körper, aber ich kann ihn nicht spüren. Ich spüre meine kalten Hände, meinen bewölkten Kopf und meine Füße fest auf dem Boden, aber ich will nicht wissen welches Mitochondrium dafür verantwortlich ist. Ich finde es viel interessanter wo her der Körper kommt und was er erlebt hat, den jeder Körper kann Geschichten erzählen. Von klaffenden Wunden bis Perlenohrringen, alles scheint irgendwie wichtiger als der Aufbau einer Zelle. Ich weiß, dass ich damit unrecht habe, aber ich spüre, dass es mir egal ist. Und es ist nicht so als würde ich nichts spüren! Im Gegenteil, ich bin äußerst sensibel wenn es um mich - meinen Körper - geht. Ich leide viel, ich rede und schreibe viel darüber (merkt man kaum!). Ich merke wenn man mir - meinem Körper- auf die Pelle rückt, merke, wenn ich mich - meinen Körper - nicht leiden kann, wenn ich in den Spiegel gucke und mich - meinen Körper - am liebsten gegen ein nicht jammerndes Kamel tauschen würde. Ich merke, dass es gut tut, mehr in den Füßen zu spüren, als in bewölkten Kopfregionen zu wandern, spüre, dass es heilsam ist zu essen und zu schlafen wenn ich es brauche. Dass es heilsam ist, meinen Körper auch mal loszulassen, ihn weniger als Forschungsinstrument zu nutzen, ihn mehr zu schätzen und lieben zu lernen. Das "verstehen" nicht "erlebt haben" heißt, weiß ich. Auch, dass ich nicht alles - dass ich nicht jeden - verstehen kann. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wenn genau das passiert. Wenn ich plötzlich und völlig unvorbereitet am Ende meines nicht vorhandenen Lateins bin und mir keinen Reim darauf machen kann, wie sich eine Person fühlt. Was sie spürt, wie es sich anfühlt. Dass ich nichts dazu sagen und nichts dagegen tun kann. Keinen Rat geben, keine Sorgen teilen kann. Nicht mal mehr eine extrastarke Ibu reichen kann. Und weil dieses Gefühl für mich so schrecklich unerträglich ist, fange ich überdramatisch an, von meinen vermutlich ziemlich harmlosen Körperstörungen zu erzählen. 

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Text als therapeutische Maßnahme dieser Woche.