
Wir fahren 1,5
Stunden mit dem Zug und dann noch mal fast 5 Stunden mit dem Auto, bis wir dann
kurz vor dem Ziel - direkt vor dem Eingang ins viel umwobene Wunderland – zum Stehen kommen. Wir stehen ganze 4 Stunden bis wir im Nieselregen endlich unser
Zelt aufbauen können. Eine der vielen Druffi-Bühnen beschallt vor allem unser
Zelt stelle ich mit nüchternem Blick fest, so dass wir, wenn wir uns hinlegen,
fast ein bisschen von alleine tänzeln. Aber das macht nichts, denn ich hatte ja
beschlossen, mich von nun an einfach drauf einzulassen und mit dem Rumpampen endlich
aufzuhören. Ich hatte mich gut vorbereitet und ein paar Stunden vor Abfahrt sogar noch einmal ein paar Einpack-Listen gelesen. Ich hatte sogar ein Erste-Hilfe-Set besorgt! Darüber machen wir jetzt natürliche alle paar Minuten Scherze. Jeder würde Scherze machen, wenn er sechs Stunden in einem Auto voller fünf Menschen und voller fünf Festivalmonturen gequetscht wäre. Da macht man nur noch Scherze und versucht damit seine Gliedmaßen bei Laune zu halten!
Alleine während der vierstündigen Wartezeit auf dem Rollfeld hat sich mein komplettes
Kippenkonsum des bisherigen Jahres verzehnfacht, unseren halben Proviant für
die kommenden 3 Tage aufgefressen und alle fünf Minuten nach einer Umarmung
gebettelt. Aber macht nichts, denn meine liebevoll bemalt und verzierten
Fingernägel machen sich in der verwirrenden bunten Welt besonders gut und auch
meine Leo-Gummistiefel scheinen genau die richtige Wahl gewesen zu sein. Auch
die ersten Dixi-Erlebnisse gestalten sich weitaus weniger traumatisch als angenommen,
es gibt sogar Klopapier! Und meine Augenringe und Fetthaare sind schon allein
deshalb weniger schockierend, weil es fast nirgendwo Spiegel gibt. Als ich dann
am nächsten Morgen im stinkenden Zelt aufwache, ist es mir tatsächlich fast
egal, dass der übrig gebliebene Restproviant als Frühstück einfach nur ekelhaft schmeckt.
Bis ich dann merke, dass „alle anderen“ die feinsten Bioprodukte auspacken und
ich für allein für Müsli einen schiefen Blick beim Einkauf geerntet hatte,
während Mann weiter Würste in den Einkaufswagen legte. Aber egal, denn das gibt ja vielleicht
ein paar Extra-Umarmungen und Mitleidsküsse. Um vier Uhr mittags laufe ich statt geküsst „mutterseelenallein“
und ohne jegliche Form von Mitleid über das Gelände, dass am Tag tatsächlich
viel weniger romantisch und viel mülliger aussieht als nachts. Ich
laufe planlos aber immer gegen die Masse an, was ich im Hinblick auf die
Massenwanderungen Richtung Mini-See für wirklich mutig halte. Heute war ich
schon gefühlte 10 Mal auf irgendwelchen „Toiletten“, für die ich locker den
halben Tag anstehen musste. Und dann nicht mal scheißen konnte! Als ich
irgendwann müde und voller Kloimpressionen an meinem Zelt ankomme, ist mein Zelt abschlossen. Weil wir ja
sicher sein wollten. Also lege ich mich elegant in zwei der luxeriösen Campingstühle und
stelle mich tot bis ein Dealer vorbei schneit und mir LSD, MDMA und Grass
verkaufen will. Während mein Zeltnachbar aus seinem Zelt kommt und eine Ladung
Pillen kauft, schüttele ich meinen blonden Fett-Kopf zufrieden in der
Abendsonne. Als irgendwann wieder alle unter unserem Pavillon versammelt sind,
es ein paar Bindfäden regnet und wir über die nächsten hunderttausend Acts
sprechen die anstehen, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre die von den
Veranstaltern beabsichtigte Parallelwelt geglückt. So als wären wir alle ein
glückselig vor sich hinkonsumierendes Volk, dass niemals jemanden Schaden
zufügen wird. Trotzdem liegt überall Müll. Trotzdem stinkt die Scheiße von uns
in den Dixiklos Kilometer weit. Aber das macht nichts, denn wir haben uns. Und
den Alkohol. Und die Zigaretten und ein bisschen Gras. Was braucht es mehr?
Um
kurz vor zwölf stehe ich vor einem Act dessen Name ich schon wieder vergessen
habe in der bunten glitzernden Menge und verziehe schmerzerfüllt mein Gesicht.
Mein Rücken tut so weh, dass ich weder stehen noch gehen kann, aber Liegen in
dieser Masse irgendwie auch wegfällt. Ich leide so lange still vor mich hin,
bis mir irgendwann Tränen über die Wangen fließen und ich gequält ins Zelt
schleiche. Vorher mache ich noch einen Abstecher auf dem „WC-Royal“ - auf dem
es Kloschüssel, Waschbecken und Spiegel gibt – und betrachte mein 25. Jähriges
Ich. Es sieht Scheiße aus und kommt kaum
mehr von der Kloschlüssel hoch.
Am
nächsten Morgen wache ich vor lauter Tief-Schlaf-Phasen motiviert auf und denke: „Macht nichts, ich habe ja noch
Magnesium-Vitamin-C-Vitamin-B-Tabletten“. Außerdem ist heute endlich unser Proviant
alle und wir können unser Geld endlich in richtiges Essen investieren. Also konsumieren
wir alles war nicht teurer als 5 Euro, vegan und super fröhlich ist. Mein Bauch
wächst dabei kontinuierlich und parallel zu den WC- und Dixi-Klo-Schlangen. Die
Versöhnung dieser Schlange-steh-Kultur finde ich der Gemeinschaft unterm
Pavillon, dem Bindfäden nichts abkönnen und unter dem sowohl Äppler, als auch
Rum viel besser schmecken. Die Laune ist solange ekstatisch bis plötzlich alle
Kippen alle sind! Und der Tabak! Und nirgendwo kann man neues kaufen! Als dann noch alle wo anders hin wollen scheint die Gruppendynamik Eskalation-gefährdet. Aber macht nichts, denn ich befinde mich in
einem Zustand heiterer bis unnatürlicher Gelassenheit und tanze mit allem mit. Um
Punkt 3 ist dieser Zauber, so plötzlich
er gekommen war, wieder vorbei. Verwirrt schlurfe ich über das Gelände und
frage mich nach dem Sinn des Massenphänomens, das speziell sein will. Das
anders sein will, alternativ und glitzernd, aber trotzdem die Masse tanzen
lässt. Tag und Nacht. Die Sehnsucht nach einer bunten, fröhlichen Welt, bei der
trotzdem an Flüchtlinge, Umwelt und Unterdrückte gedacht werden soll, erscheint
mir zunehmend absurder. Die Schilder an den Zelten, auf denen nach Drogen
gebettelt werden, zeigen viel eher ein Bild, dass sich nicht gerade nach
Realitätssinn sehnt. Aber macht ja nichts!
Als am letzten Morgen Menschen Müll
suchend durch die Gegend schleichen und ich genervt das Zelt abbaue, weil ich
Zelte insgeheim schon immer gehasst habe und die Sonne auf unsere quadratischen
Köpfe prallt, freue ich mich verstohlen auf mein Bett. Bis zu diesem
spießig aber wohligen Zustand werden noch Stunden vergehen. Wir stehen in der
prallen Sonne und zur Aufheiterung macht Mann mit mir Rätselspiele. Ich fühle
mich wie zehn. Bis nach Potsdam brauchen wir drei Stunden. Als wir in der
vermeintlichen Zivilisation – an der nächsten Raststätte – ankommen, ist die Klo-Schlange
schon wieder Kilometer lang. FestivallantInnen und RenterInnen drängeln, fluchen
und machen sich gegenseitig für das Dilemma verantwortlich. Wir fressen alles
was über 5 Euro kostet und ungesund aussieht, während die Männer immer noch an die Zäune pissen. Als wir
trotzdem noch völlig ausgehungert und Ideal-verratend bei Mc Donald halten und 30 Minuten auf unseren Fraß warten müssen, fließt mir ein wenig der
Zusammenreiß-Schweiß von der Stirn. „Ich wollte mich ja darauf einlassen, aber jetzt
will ich es nicht mehr.“ pampe ich, meinen Burger fressend rum. Niemand registriert
das, alle essen schweigend weiter. „macht ja nichts“ murmele ich vor mich hin,
während mir plötzlich liebevoll über meinen 4-Tage nicht gewaschenen Kopf gestrichen wird "wir sind ja bald zuhause." Ich fühle mich wie zehn und verhalte mich auch so. Zaghaft zuversichtlich schaue ich auf meine bunten
Fingernägeln, die immer noch fröhlich im Abendlicht glitzern. Sie haben nichts
abbekommen.
________________________________
Festival-Verarbeitungsmaßnahmen als Blog-Aktivierung und rasante Berg- und Talfahrt und viel BLA-BLA-BLA.