Montag, 13. Januar 2020

Beeing 30

Auch wenn ich dieses - also nein letztes - Jahr kaum Zeit hatte nur zwei Post zu verfassen (Ausrede!), nehme ich mir jetzt die Zeit für einen ordentlichen Jahres-Ab-Riss. Für wen (ich nehme an, außer meinen treusten Leser*innen - meinen Eltern - liest das hier niemand)? Natürlich hauptsächlich für mich und das Universium. Den hier bleibt alles und nichts geht verloren. Oder alles geht verloren und nichts bleibt? Ansichts-Sache. 
Immerhin sind es gerade (als ich den Post schreibe und dann vergesse zu posten...) die "Rauhnächte" (ja, schon wieder so ein Eso-Scheiß, bzw. Neo-Eso-Gehype!) und mir wurde nahegelegt, dass ich mich nun noch mehr mit Selbstreflektion als sowieso schon beschäftigen soll. Rauhnächte = Besinnung = Ego- statt Altruismus. Und dennoch ein schöner Ismus. Denn wo kämen wir ohne die hin?
2019 geht jedenfalls in meine Geschichte ein, als das erste Jahr in dem ich einen "richtigen Job" ausgeübt habe, tatsächlich kaum krank war und ich dreißig wurde. Whaaat?
Jep, nun bin ich also in einem neuen Zeitalter angekommen. In diesem konsumiert man jetzt nur noch Nerven- und Verbentee, plant den Erhalt der Menschheit und sucht im Netz nach dem perfekten Spot zum Niederlassen - oder Knien. Naja schaun wir mal!
Um es vorweg zu nehmen, ich und mein stählender Körper leben nicht in einem Tiny-Haus und backen - polnisch lernend - jeden Tag kuchen! Aber Hey; immerhin habe ich jetzt E-Antrieb (an meinem Klapp-Rad).

Viel zu strampeln (wenn auch mit E-Antrieb)!

Neben viel (neuer und intensiver) Arbeit voller Erfolgs- und Ohnmachtsmomenten, war 2019 auch ein Jahr der Wochenend-Ausflüge und 10000000 Stunden (ein Schätzwert) Zugfahren. Und wirklich voller Scheiß-Schreckensmomente. Und voller Ideen. Ich glaube ich war selten so manisch. Und depri. Also ziemlich bi-polar. Aber das wäre auch wieder völlig manisch. Also eher: normal neurotisch.
(Wobei normal ja auch ein schrecklich Wort ist.)
Kurzum: in diesem Jahr habe ich mich in einem permanenten Struggle zwischen Überforderung und innerem Wachstum gefühlt. Ich habe so viel gelernt und hatte so viele kleine Nervenzusammenbrüche. Auf Dauer also ziemlich anstrengend. Insbesondere weil mir ein Ausgleich dieses Spannungsverhältnis gefehlt hat. Das waren auch die Auswirkungen von 2019: fast alle meiner engen Freunde sind aus der Stadt verschwunden. Und im Grunde sind keine neuen dazu gekommen. Was ich also sonst mit langen Waldspaziergängen oder intensivem Kaffee-trinken mit Deep-Talk und einer guten Freundin ausgleiche, viel plötzlich (fast) weg. Was für mich auch ziemlich schockierend war; selbst kaum Zeit und Energie für Alltagsbegenungen zu haben. Umso schöner, dass ich die Zeit und das Geld (!) hatte, auf diversen Wochend-Ausflügen meine Lieblingsmenschen - in ganz Deutschand verteilt - zu besuchen.

 

10000 Ideen, ohne eine Konsequenz

Mein Kopf hat selten so viel und so schnell arbeiten müssen wie 2019 habe ich das Gefühl, aber vielleicht liegt es auch einfach an dem Fact, dass es langsam anfängt langsamer und angestrengter arbeitet. So viele großartige Ideen ich dieses Jahr hatte, so wenig habe ich davon tatsächlich umgesetzt. Klar, meine Spinnerein sind nicht immer sofort und oder überhaupt umsetzbar und dennoch macht es wenig Spaß, wenn alles immer (generalisiert, natürlich) nur Zukunftsmusik bleibt. Hier wird aber auch meine große Schwäche sichtbar; Ungeduld und meine ständige "I want it all and i want it now" Mentalität, die wirklich krass anstrengend sein kann.

bitte mehr: Flow!

Ganz dem Zeitgeist entsprechend wünsche ich mir für das kommende Jahr nicht nur, dass die Welt noch die Kurve kriegt und einige zur Besinnung kommen, sondern natürlich auch mehr achtsames und gewaltfreies dahin flow'en. 2019 gab es ein paar Momente des Flows, aber grundsätzlich waren diese eher rar. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mehr bei mir ankomme, anstatt irgendwas seien zu zu wollen, was ich nicht bin und mich weniger (aber natürlich immer noch) schere was die anderen denken. Ich wünsche mir deshalb dafür  Mut und Verständnis vom Universum und meinen Mitmenschen (haha, sind wir hier bei Wünsch dir was?). Damit meine ich auch: einfach mal Volle Kanne machen und gucken was passiert. Mehr "do things you love", denn "Selbstmanagement" als Ausgleichz zu Welt- und Wachstumsschmerz. Damit impliziere ich aber auch: es wird weiterhin herausfordernd (aber das war ja zu erwarten).

Am Ende bin ich so dankbar, dass ich so viel Zeit/Raum/Ressourcen für Selbstreflektion und Gelaber/ Geschreibe, für rumreisen und rumeiern, streunern und gärtnern, kochen und viel essen, disktutieren, lesen und lamentieren, für Yoga und Siebdruck und all den ganzen Scheiß habe. Dafür lohnt es sich der ganze Aufwand (das Leben) allemal. (amen.)



Dienstag, 20. August 2019

Zwangshandlung

Ich versuche mich im Schreiben als innere Zwangshandlung. Forciert und künstlich erzeugt, im Feierabend-Modus und auf dem Sofa hängend. Ein Bein in der Luft, ein Arm bereits im Halbschlaf. Mein Kopf schwirrend, mein Bauch knurrend. Die Gedanken: erst Essen und dann Yoga oder anders herum oder doch lieber gleich Netflix?
Nein, vorher noch ein Text. Über Migräne und am Liebsten würde ich dazu eine ganze Ausstellung machen: mit Texten, die keinen Sinn ergeben, crazy Räumen, die erst quitsch gelb und aggressiv und dann schwarz und eng sind. Oder gleich ein tiefes Becken zum tauchen. Dazu Bilder von zertrümmerten Dingen, die aber poetisch und gar nicht furchtbar aussehen.


Der Kopf ist ein Instrument, das man nicht immer zu benutzen weiß. Jetzt gerade ist es irgendwas zwischen Buena Vista Social Club und einem Sophie Hunger Song. Leicht und rhythmisch und gleichzeitig so schön wirr und schmerzhaft. Schön ist auch, das Nichts da ist und sich in einem leeren Raum aus glattem Zement hin und her wälzt. Oder tanzt? Es ist bereits ein Wimmern zu spüren, direkt links unterem Auge und es zieht langsam bis in die erste Stirnfalte. Die Abspaltung zwischen Kopf und Körper geschieht langsam und mit diversen Vorzeichen. Ich kenne Sie zu genüge und manchmal habe ich das Gefühl, ich könne sogar den Zeitpunkt kontrollieren, wann es geschehen kann. Es ist so, als würde ich die kontrolliert die Kontrolle abgeben können. 
Vielleicht ist das Quatsch, vielleicht auch eher eine philosophische Frage. 
Aber das Wimmern wird zu einem Hupen. Ja, ein ziemlich lautes Hupen. Zwei Hupen, links hinterm Auge und rechts hinten über der dem Nacken. Vielleicht ist es eine Kommunikation zwischen zwei Nerven. Jedenfalls nervt es ganz schrecklich und ist mehr wie so ein Song der nicht aufhört und gleichzeitig an einer Stelle springt. Man denkt, ok jetzt geht es endlich weiter, aber nein. Wieder von vorne. Hupende Autos im Stau und es ist es stickig. 
Das ist dann der offizielle Anfang. Von nun an reagieren andere, aber nicht ich. Ich liege nur und eine schwarze angenehme Decke aus Schmerz legt sich über meinen Kopf. So als würde man tauchen tut sich eine andere Welt auf, die auch schön, aber nicht sehr lebenswert ist. 
Neue Gänge voller Meer und Tiefe werden aufgewühlt, aber ich bin nicht bereit sie zu gehen. Ich friere, denn unter Wasser friert man eben irgendwann. 
Dann wieder Nichts, außer Zeit die vergeht, wie ein Windhauch von weitem. 
Dann wieder Nichts. 
Dann Nichts und auch die Tiefe geht. Langsam auftauchen. 
Dann auftauchen und in einen Berg voll Watte springen. 
Dann in der Watte liegen. Regunglos.
Der Körper ist darin verpackt und die Musik dudelt nur noch Dumpf. 
Hunger und Kälte. Dann Hitze und immer noch großer Hunger. Am Besten fettig und fleischig. 
Ich habe das Gefühl eine lange und anstrengende Reise gemacht zu haben, an die ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Wenn ich aufstehe zieht es von den Füßen bis in den Haaransatz, aber der Hunger überwiegt. Licht ist trotzdem schädlich, also esse ich im Dunkeln und mit Sonnenbrille auf der Nase so viel wie ich nur kann, schaufele und stöhne vor Erleichterung. Dann falle ich zurück in die Watte, die mich auffängt wie es ein Wundermittel nur kann, mich bescheuert und redselig werden lässt, plappernd, kindisch, wirr. 
Mein Kopf ist ein Instrument, das ich nicht immer zu nutzen weiß, das sich manchmal wie verquirltes Leben anfühlt. So unsortiert und abgedreht, dass es hin und wieder einfach überhitzt und die Sicherung springt. Zur Sicherheit, aus komplizierten Gründen. 


Zur akustischen Untermalung: Natürlich das oder das!

Dienstag, 19. Februar 2019

crazy little thing called Feierabend.


Ich warte auf etwas, auf was ich niemals warten wollte. Mein Nacken ist verspannt und eine Handbreite unter meiner linken Schulter wird der Daumengroße Knubbel langsam hart wie Stein.  Meine Finger tippen müde auf dem Stück Plastik vor mir herum. Machen klick, klack, klack. Ich summe dazu ein bisschen, popele in der Nase, gähne. Die einzige Pflanze in diesem Raum ist inzwischen ganz blass geworden. Sie ist nicht mal mehr grün, sondern eher fad. So eine Pflanze, die langsam ihre Farbe verliert, habe ich noch nie gesehen. Ich frage mich, ob sie irgendwann weiß wird, oder ob sie vorher stirbt. Sie ist meine Metapher-Pflanze, ich nenne sie 'Über-Ich'. 

Durch die Tür kommt eine Person. Frida. Sie sagt 'naaa bald so weit?'. Ich sage 'ja bald', lächele sie an, eher fad und stelle mir indes vor, ich würde meine Tagesgespräche codieren. Ich überlege mir kurz einige Kategorien: Abkürzungen, Codes, Zeit, Gemüt. Dann schließe ich die Excel-Tabelle und überlege was als nächstes zu tun ist. Meine To-Do-Liste ist genauso lang wie meine imaginäre Ikea-Einkaufsliste. Und ebenso urgent. Frida kommt wieder. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und schreibe deshalb nur Blödsinn auf meinen Notizzettel. Z.B. Gedanken-reißen. Das passiert mir häufiger. Ich versuche mich auf ein kurzes Gespräch mit diversen Abkürzungen und Codes zum Thema Zeit und Gemüt zu konzentrieren.
'Alles ok?' Ich verziehe den Mund zu einem langen Schlitz und lächele mild. Da ich nicht lügen kann, mache ich stattdessen interpretierbare Grimassen. 'ohje'- Schiefer Blick. 'hast du schon das neue Formular ausgefüllt?' 'welches?' 'na das zur Verhinderung von Spaß am Arbeitsplatz!' Frida lacht laut und ich starre in den PC. Ich rolle ironisch mit den Augen und sage 'ha ha'. Über-ich schaut mich traurig an, Frida geht.

All dieses Potenial das hier rumliegt. In Scheiben und ordentlich sortiert. Ich schreibe auf meinen Merkzettel: positive Einstellungen infiltrieren. Sonst bekomme ich noch den Preis für die grummeligste Person, die hier jemals gearbeitet hat, die ständig flucht und blass wird, wenn sie einen elektrischen Schlag von der Türklinke bekommt. Ich arbeite weiter und hart an mir. Ich sehe, dass der Himmel wieder blau wird. Fülle Formulare aus und schreibe Protokolle und Pressemitteilungen. Ich schreibe bis meine Finger wund werden und mein Po dazu. Dann stehe ich auf, lasse mir einen letzten Schlag geben, schaue bei Frida rein, sage ihr Tschüss, wünsche einen schönen Tag, hebe die Hand für einen letzten Gruß und verlasse mit gesenktem Blick das gläserne Gebäude. Die Frau am Empfang schaut kurz hoch, als ich an ihr vorbei gehe und sagt mit einem strahlenden Lächeln, das ebenso schief in ihrem pausbäckigen Gesicht hängt: 'schönen Feierabend'. Ihre Bluse ist wie der Subtext Alarm-rot.

Samstag, 29. Dezember 2018

2018: let's sum it up!

Lights will guide you! Aber wohin bloß?
Ja, ich wollte schon immer mal einen Jahresrückblick schreiben! Also: here you go, Generalisierungen und Romantisierungen sind natürlich vorprogrammiert. (Die Untermalung mit Jahresendzeitstimmungsbildern ist natürlich relevant!)

Fangen wir an mit '2018 in einem Wort': voll. Voll gepackt mit Anstrengungen, Glücksmomenten, voller Zweifeln und voller Erfolg. Voll mit Krankheiten, voll mit Gesundheiten (Hatschiii). Wahnsinnig schönem Wetter und einem nicht enden wollendem Sommer. Einigen großartigen Reisen und ein paar Meilensteinen: einem Master und einem ("wirklich richtigen!") Job. Mein Vater freute sich jedenfalls "hast du es kurz vor 30 doch noch geschafft!". Ja, was soll ich sagen? Auf den letzten Metern Abgrund noch mal Vollgas gegeben (so wie man im Master Kulturwissenschaften eben 'Vollgas' geben kann). Dieser geistige, körperliche und psychische Rundum-Einsatz hatte zur Folge, dass 2018 im Gegensatz zu 2017 wirklich kein bisschen langweilig. Also immerhin!

'Meine Lieblingsorte 2018':
Die ersten Monate des neuen Jahres verbrachte ich hauptsächlich an einem Ort: der niegelnagel neuen Uni-Bib. Noch vor allen anderen vielen anderen Menschen konnte ich den schiffsartigen Koloss mit Modern-Art-Galerie Charakter stundenlang 'erforschen'. Ich fuhr nicht nur Bücher durch alle öffentlichen und geheimen Stockwerke und gab ihnen ein neues Zuhause, nein, ich wurde am Ende zum Bib-Vorzeige-Gesicht durch einen spontanen Dreh vom Hessischen Rundfunk. Mit einem Satz und ein paar seltsamen Moves wurde ich quasi über Nacht berühmt (haha). Naja, jedenfalls 5 Sekunden Fame oder so. 
Die andere Hälfte meiner Zeit saß ich an einem Platz im ersten Stock rechts vor dem Baum und schrieb. Über Menstruation. Meine Masterarbeit.
Meine anderen Lieblingsorte waren im nicht endenden Sommer der Lahnsteg und das Lahnwehr im Südviertels Marburgs, wo ich stundenlang rum lag und mir Gedanken über meine Zukunft machte, hin und wieder ins Wasser sprang und sogar einen leichten Teint bekam.
Den ganzen Sommer war ich ansonsten auch ein großer Fan unserer Wohnung. Flutlicht olé! Da uns dieses Fluchtlicht im Winter aber als Wärmequelle ausreichte, zogen wir etwas überstürzt aus dem Bunker in den AKW. Dort gibt es endlich Wärme im Winter (aber keinen Atomstorm!) und bald auch viel Platz. Erstmal haben wir uns aber im Downsizing erprobt und es uns auf 15 Quatratzimmer bequem gemacht. C und ich waren ausserdem zum ersten Mal beide gleichzeitig krank, die Virenanzahl verteilt auf die Quadratmeterzahl war also gigantisch. Ansonsten haben wir wieder ein bisschen wildromantisches WG-Feeling abbekommen und geniessen dazu die Stille mit Alpenfeeling. Alles traumhaft sollte man meinen.

Ebenfalls ein Hightlight 2018: die Sperrung der Erlenringbrücke in Marburg!
Albträume und Träume 2018: dieses Jahr hatte ich sowohl intensivere Alb- als auch normal-gute Träume, wenn ich das mal so im Kopf überschlage. Die meisten Ängste rührten und rühren vermutlich aus dem Feld der Arbeits- und Versagens-Angst, welche dieses Jahr vermutlich besonders stark ausgeprägt war. Nicht groß verwunderlich, weil es (gefühlt) so viel zu Versagen und Arbeiten gab. Vergleiche mit anderen Menschen haben die Sache noch nie verbessert, wurden aber immer wieder gerne von mir als Mittel der Qual genutzt. Besonders gut funktioniert das übrings wenn man irgendwelche alten Bekannten oder Klassenkameraden stalkt und sich dann eine perfekte Welt ausmalt. Nur so als kleiner Tipp. Auch schön scheisse fühlt man sich, wenn man Menschen trifft, die viel jünger, viel schöner und viel weiter gekommen sind als man selbst. Und davon gibt es bekanntlich zahlreiche, wenn man erstmal mit dem Suchen anfängt. Trotz meiner ausgeprägten Selbstzweifel habe ich ziemlich schnell einen Job gefunden, was nicht heisst das sich die Zweifel damit erledigt hätten. Im Gegenteil: manchmal fühle ich mich so hilflos und klein wie nie zu vor. Und das mit fast 30. Komisch, wenn ich dann an mein jugendliches Ich denke, das dachte 'mit 30 hast du deinen Shit auf jeden Fall zusammen, trägst jeden Tag Highheels und bist auf jeden Fall reich' (oh man!). Ein vielzitiertes Zitat das ich dieses Jahr wieder ausgepackt habe und an dieser Stelle gut passt "nobody said it would be easy, no one ever said it would be this hard" (opa coldplay).
Einen Traum den ich mir (ungeachtet das es ein Traum sein könnte) erfüllt habe, war meine Wanderschaft zwischen Master und Job, meine selbstkreeiertes Übergangsritual. 260 km durch Portugal und Spanien, zu Fuß. Definitiv ein Highlight, auch weil ich noch nie so wenig über den Sinn des oder meines Lebens nachgedacht habe: erfrischend.
Dass ich meine Masterarbeit über Menstruation geforscht und geschrieben habe, war ebenfalls kein Traum von mir, hat aber am Ende ganz gut funktioniert. Der Körper und Gender Themen-Komplex hat mich also noch nicht losgelassen und fängt immer wieder ein bisschen Feuer.
triste Komposition mit Hoffnungsschimmer
Mein neuer Job hat (interesanterweise?) mit alldem wenig zu tun. Er strengt mich an und fordert mich auf ungeahnte weise. Bürokratie trifft Netzwerk und zeugt zusammen ein Projekt. Das mit einigen Ambivalenzen und schwierigen Bedingungen inflitriert ist. Aber ich versuche mich im Glauben, dass alles irgendwie seinen Platz findet und übe mich auf dem Weg darin, weniger Vollgas zu geben und kleine Etappensiege zu feiern. 

Reisen 2018: holländisches Silvester, mallorquinischer Frühling, Krakow im Juni und Schweden im August, den Abschluss machte der portugisischer Jakobsweg im September/ Oktober und ein paar Tage Auszeit im Renterort zwischen den Jahren. Das Jahr war voller schöner, intensiver und überraschender Reisen. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass ich irgendwann mal wieder mit meinen Eltern verreise. Und das es erstaunlich entspannt werden sollte. Und so kalt! Krakow hat mir wieder Lust auf Reisen und sich treiben lassen gemacht und Schweden gezeigt, dass ich doch die südlichen Gefilde und Meer bevorzuge. Aber das ist ja auch okay.

(Non-) Entdeckungen und Erkenntnisse 2018: Ich habe Jonglieren gelernt! Diesen Erfolg hätte ich fast vergessen zu erwähnen. Einen schönen Köpper habe ich leider nicht geschafft. Mit Haarseife bin ich auch nicht warm geworden. Dafür hatte ich ein paar andere Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Welt nicht von meiner Arbeit abhängt oder untergeht (die Bib allerdings schon. Ich sage nur Jahrhundertflut!). Auch, dass Pendeln eine Herrausforderung darstellt, besonders wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder angewiesen ist. Dazu die Schlagwörter: Virenschleuder, Hustkonzert und Oberleitungsstörung (natürlich!). Mit einem E-Bike unter dem Arsch sähe die Sache vielleicht etwas bequemer, allerdings nicht viel weniger nervig aus.

Weniger Müll wäre schön!
2018 begann mit Regenwetter in Holland und einem gerade erholten Grippekörper und endet mit einem (hoffentlich bis dahin) erholten Grippekörper bei Regenwetter (recht wahrscheinlich!) in der Eifel. Also irgendwie doch rund.

Meine Pläne für kommendes Jahr: endlich doch noch einen gestählten Körper mit einprogrammierter Viren-Abwehr bekommen, äh kaufen? Keine Ahnung, jedenfalls stählern! Vielleicht doch mal mehr schreiben? Vielleicht doch entspannter werden? Die typisch idiotischen Vorsätze also. Ansonsten habe ich noch andere absurde Wünsche zum Beispiel polnisch lernen oder endlich mal einen leckeren Kuchen backen. Oder natürlich besagtes E-Bike, als Möglichkeit mal mit so richtig PS Gaß zu geben (haha). Und wenn es nur für den AKW-Hügel gut sein wird! Als Altervorsorge und PlanXY steht auch immer noch ein Traum-Tiny-House auf meiner Wunschliste. Natürlich mit integrierter Regendusche und rießen Badewanne!
Natürlich wünsche ich mir immer noch eine bessere Welt, weniger Krieg und mehr Verständnis für alle! Aber ich bin auch dankbar, für das, was ich habe und das, was ich seien kann. Jedenfalls versuche ich das (auch wenn es mir nicht immer geklingt). Danke an alle Menschen, die täglich dazu beitragen, dass die Welt in der ich lebe so herzlich und bunt ist! 

Dienstag, 25. September 2018

How to create yourself a Übergangsritual?

Sinnbild, passend zum Thema (ebenfalls Portugal).

Um von einer Phase in eine andere zu gelangen braucht muss man meist nur weiter zu laufen. So lange bis man automatisch da angekommen ist, wo das nächste Abenteuer beginnt. Meist erwartet einen dann auch kein Startschild, kein Warnsignal oder keine besonders rührige Rede, sondern ein Wald voller neuer, wirrer Wege und Herrausforderungen. Manchmal ändert sich nichts, außer die Morgenroutine (gezwungenermaßen) oder ein neuer Titel, mit dem man glänzen kann (Master of Desaster?). Manchmal ändert sich nichts und trotzdem die Gewohnheiten, die Orte an denen man sich ab sofort aufhält, die Dinge, die man ab sofort anfängt. Manchmal ändert sich alles ohne dass ein Übergang überhaupt stattgefunden hat.  
Konkreter beschrieben: gefühlt ändert sich einiges (ein Job mit neuen Strukturen, Aufgaben und Inhalten), während ich bleibe wer ich bin (vielleicht). Natürlich blinken da Warnsignale innerlich und ab und zu auf (schaffe ich das? kann ich das? will ich das? bin ich das?). Panik und Vorfreude überwiegen gleichermaßen. Aus diesem fluiden Zustand heraus bietet es sich an etwas zu machen und einen methaphorischen Übergang praktisch zu durchlaufen (dachte ich mir). Vor allem wenn man (also ich) noch zweieinhalb freie Woche vor dem neuen Arbeitsleben hat! Als metaphorisch-aufgeladenen Weg habe ich mir den portugiesischen Jakobsweg (von Porto bis Santiago) ausgesucht, denn was eignet sich besser für einen Übergangsritual, als ein sowieso schon spirituell-kapitalistisch ausgebeuteter Weg? Eben! 

Ebenso gespannt wie auf die Kilometer, Herbergen, Landschaften und Erkenntnisse, bin ich natürlich auf die Korrektur (oder Bestätigung?) all meiner schönen Vorurteile und Ängste, der Weg könne zu voll (keine Betten oder nur Schnarcher-Herbergen), zu laut (nie habe ich meine Ruhe), zu dogmatisch (alle ohne Kreuz am Hals und genügend Stempel im Stempelheft werden verachtet) und viel zu lang (ich gebe nach 10km auf und miete mich in einer Strandbar ein) sein (mal kurz zusammengefasst). 
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dieses Abenteuer könnte genau das sein, was ich jetzt brauche: Bewegung, Zeit für mich, viel Meer und ja auch ein gut organisiertes Wandernetzwerk (bezahlbare Unterkünfte, gutes Essen und ausgeschilderte Wege). 
Eigentlich wollte ich bereits vor einigen Jahren den Küstenwanderweg in Spanien beschreiten, hatte mir schon ein ganzes Equipement an Wanderausrüstung angeschafft und bin am Ende dann doch zuhause geblieben (weil ich zu wenig Zeit, einen Umzug zu organisieren und wahrscheinlich doch etwas Schiss hatte). Laut meiner Recherche hat der portugiesischen Jakobsweg dem Küstenwanderweg gegenüber den Vorteil, dass er etwas einfacher (wenig bis keine Steigung), noch besser ausgebaut und zudem innerhalb von zwei Wochen laufbar ist. Deshalb habe ich mich spontan für diese Variante entschieden und zwei Flüge (nach Porto und von Santiago de Compostela zurück) gebucht. 

Und nun ist es schon so weit: mein Rucksack wiegt genau 7,5kg, ich habe den Personalguide zumindest überflogen (die Packliste etwas genauer angeschaut) und mir sogar zwei Muscheln als Wegbegleiter präpariert (eine für den Rucksack, eine für das Wanderdekollté, herje!). Meine Wanderoutfits sind alle Atmungaktiv, leicht trocknend und farbenfroh und Stift und Kladde für die Dokumentation von sämtlichen Geisterbegegnungen habe ich natürlich auch dabei. Kann nichts mehr schiefgehen. Also: let's fucking walk!
 
So - oder so ähnlich romantisch - soll das dann aussehen!



Samstag, 22. September 2018

lange Nächte im Schiffstrakt

Es ist dreiundzwanzig Uhr und vierundzwanzig Minuten, das Licht ist grell und kriselt. Im Schiffstrakt Eins-Ost ist es ruhig, ab und zu hustet wer (wegen der viel zu kalten Klimaanlage) und im Hintergrund tippen auch ein paar Menschen geräuschvoll Wörter in den hell flimmernden Computer (so wie ich). Seit fünf Stunden sitze ich hier und beschäftige mich hauptsächlich mit intensivem vor mich hin Starren und fröhlichem Zukunftsplanen. Also nicht so reelles Planen, mehr so Kopfkino. Hin und wieder fragt war was und ich höre zu, nicke, lächele und  antworte dann jedes Mal "es tut mir Leid, ich habe keine Ahnung". Viel lieber würde ich sagen "ich bin bloß eine Attrappe" oder "ich existiere hier nur zum Schein". Aber damit würde ich der Service-orientierten Haltung nicht mehr gerecht, die man uns hier versucht aufzuschwatzen. Nach dieser freundlich - aber bestimmten - Antworten werde ich feindselig angestarrt oder bekomme verbale Pflaumen an den Kopf geworden. Manchmal ist es auch einfach ein Stinkefinger. Dann schaue ich noch ungläubiger als sowieso schon, schüttele meinen trägen Kopf von der einen zur anderen Seite und möchte am liebsten schreien "I don't give a Fuck" oder zumindest mal "What the Fuck?" aber hier darf man ja nicht schreien. Nicht mal sprechen. Und ein geflüstertes Fluchen ist irgendwie auch nichts. Also bleibt es beim stoischen Kopfschütteln. 

Im Grunde ist es mir völlig egal, ob sich hier an die Regeln gehalten wird und eigentlich fände ich großen Gefallen daran, diese zu brechen oder anderen beim Brechen dieser Allgemeingültigkeiten zu zusehen. Aber alle verhalten sich meist so konform, dass ich mich kaum traue in die Tasten zu hauen, dass ich mich beim Trinken wirklich nur aufs Trinken konzentriere und auch das abrupte Aufstehen vermeide. Ich könnte etwas um rempeln, um schmeißen, Lärm oder Chaos verursachen und am Ende könnte ich Menschen davon abhalten wenige Sekunden starr und hochkonzentriert in die Bildschirme zu starren. Und das wäre wirklich viel zu crazy. Denn die Leute die hier um inzwischen viertel vor elf sitzen meinen es wirklich ernst und verstehen meistens auch nicht allzu viel Spaß. Wahrscheinlich haben sie Schlafstörungen. Sie sollten sich also lieber auf die neu eingerichtete Loungeecke schmeißen und die letzten Minuten vor sich hin dösen, statt hier einen auf Marathon zu machen. Wenn ich Krach machen dürfte, würde ich ihnen diesen Tipp gratis zu rufen... aber was red' ich: alle wie sie mögen. 
Ich mag allerdings nicht mehr und mein Kopf fällt alle paar Meter träge in Richtung rot lackierten Linoleumboden. Es wird Zeit, dass es einmal, dann zwei mal gongt und alle sich langsam hinaus begeben. Dass auch die letzten ihre Taschen packen, ihre Dokumente abspeichern und für einen kurzen Moment Frieden herrscht. 
Nachts im Schifftrakt. 

Montag, 30. Juli 2018

political bodies


Ich weiß nicht wieso ich auf meinem Blog selten politisch werde (vielleicht weil ich mich nicht traue? weil ich mich damit angreifbarer mache? was sollen die Leute denken?), obwohl im realen Leben häufig etwas Kritisches zu sagen habe. Und hier eine Plattform wäre um seinen (bzw. meinen) Senf ein bisschen gesellschaftkritischer um die Wurst zu schmieren. Ich habe lange überlegt (und bin zu keinem Ergebnis gekommen), aber jetzt passiert es. Es fängt auch erstmal ganz harmlos an und natürlich, es geht um Körper. 

Your Body is a wonderland...

Das schöne an einem Körper ist zunächst, dass jede/r einen hat. Das alle wissen worum es geht (ist das so?). Kurzer Reality-Check (einmal kneifen); ja das ist er. Körper sind nicht nur deshalb schön, weil alle einen haben, weil sie uns Form und Halt geben: ein Aussehen sogar. Sie sind auch wegen anderen Dingen toll: sie sind (unter anderem) gestalt-, modifizier- und verletztbar, sie haben Flecken, Punkte, Haare, Öffnungen und Wunden und die besonders geniale Fähigkeit uns am Leben zu halten. Wow (sollte man meinen). Gerade ist der Körper aktueller (war er jemals nicht aktuell?) denn je. Überall sind sie und in all ihren denkbaren Formen sowieso und überall werden sie kommentiert. Ein einzelner Körper hat die Möglichkeit eine Vielzahl von Betitelungen und Urteile zu bestehen oder daran zu scheitern (kann ein Körper scheitern?). Selbst- sowie Fremd fabrizierte Bewertungen sind überall da wo auch unsere Körper gerade sind. Ein Körper wird außerdem zur Verkörperung der inneren Umstände. An ihm zeichnet sich nicht nur das individuelle Innere, sondern auch das gesellschaftliche Äußere ab. Starke Emotionen und Stress verursachen eine Verformung des Körpers, ebenso wie Hunger, Durst und Sport. Auch das Wetter nimmt Einfluss. Man könnte also meinen Körper sind ein Ding in dem wir stecken und das wir nicht nur gestalten können, sondern sollten. Dass wir hegen und pflegen und bloß nicht verkommen lassen sollten. Denn meist hat jeder nur einen und meist wurde er sich nicht mal selbst ausgesucht. Also warum nicht: ran an den Körper, also mach das Beste daraus!

Der Körper als Objekt der Möglichkeiten

Das kann heißen: Vorsicht bei Sonne (immer schön einschmieren), Kälte (lieber ne Jacke mitnehmen) und Wind (und ein Schal am besten auch)! Das kann aber auch bedeuten: Ich esse heute nichts (oder nie mehr), ich schlafe viel (oder gar nicht), ich rede wenig (oder immer nur noch ungefragt). Oder: ich tattowiere mir ein Pferd auf den Hintern oder pierce mir einen Nasenring oder ich zwicke mich solange in den Oberschenkel, bis ich einen blauen Fleck habe. Das alles kann auch bedeuten den Körper mit Sport,  Hormonen oder Operationen zu verändern. Ihm eine neue Form geben. Alles ist, oder scheint zumindest möglich in dieser Welt. Bei all diesen Wundermöglichkeiten (die ja gar nicht per se schlecht sind), werden allerdings häufig einige Aspekte außer Acht gelassen. Zum Beispiel:

Körper und Privilegien 

Körper sind nicht nur alle unterschiedlich, unterschiedliche Körper haben auch unterschiedliche Möglichkeiten. Und das ist völlig random: je nach dem wo ein Mensch geboren wird, unter welche Voraussetzungen jemand aufwächst und aussieht hat einen großen Einfluss auf das restliche Leben. Ein Körper wird durch sein Aussehen und seine Form, seine innere und äußere Verfassung, sein Alter und seine Gesundheit zu einem Ort der Macht. Dort gibt es Privilegien, aber auch eine große Anzahl Benachteiligungen. All diese sind gesellschaftlich konstruiert und haben rein gar nichts mit den Menschen zu tun, die rein zufällig in den Körpern stecken. Weiße, schlanke Körper haben es einfacher als schwarze, dicke, kranke oder kaputte Körper in dieser Welt. Und da können sie sich noch so anstrengen, sich noch soviel selbst lieben und noch soviel kneifen. Das heißt nicht dass weiße, schlanke Menschen keine Probleme haben. Dennoch haben sie (ich auch) viele Privilegien und werden nicht nur seltener für ihr Aussehen bewertet, sondern auch bevorzugt mit positiven Charaktereigenschaften verknüpft. Und das ist ziemlich ungerecht.


Schön-Sein

Im ganzen Körperzirkus ist 'schön-sein' (whatever that means) ein hohes - wenn nicht das höhste - Gut. Schön sein, bedeutet aktuell für Frauen beispielsweise sportlich-schlank zu sein (nicht zu dünn!), glatte, haarlose leicht gebräunte Haut zu haben und saubere Kleidung zu tragen, nicht zu grell, nicht zu auffällig, aber auf keinen Fall nichtssagend und unscheinbar. Diese Schönheitsvorstellungen verändern sich zudem alle paar Meter und Jahre. Die Erfüllung der Ideale spricht deshalb auch dafür, dass ich es schaffe mitzuhalten, dass ich aufmerksam den Zeitgeist kenne und mitverfolge. Ein derzeitiger Trend geht nicht nur da hin, dass andere uns lieben, weil wir schön sind, sondern auch das wi uns selbst lieben, weil wir schön sind (am besten: so wie wir sind). Das Ganze heißt dann: Self-Love. An Selbstliebe ist sicher nichts verkehrt, es sei denn; du musst. Es sei denn: schön-sein ist wichtiger als 'Sein'.


Körper als Orte der Scham

Bist du nicht schön, schämst du dich schnell. Warum? Wegen deines Körpers. Er ist nicht so wie er seien soll und selbst wenn; er könnte besser sein. Selbst wenn er perfekt funktioniert, Gründe um sich zu schämen sind dennoch zahlreich vorhanden. Zum Beispiel: er blutet (Frauen sind davon besonders 'betroffen'). Zum Beispiel: er stinkt, er kratzt oder macht komische Laute. Scham ist kein rein weibliches Phänomen und doch werden besonders Frauen von Körperscham heimgesucht. Warum? Vielleicht weil sie häufig besonders auf ihre Körper reduziert werden, vielleicht weil sie gelernt haben nicht okay zu sein, vielleicht weil sie es einfach nicht besser wissen. Scham ist eine seltsame Emotion und braucht eigentlich immer ein vorgestelltes Gegenüber. Wer könnte das sein? Ein Mann? Die Eltern? Freunde? Warum sollten die urteilen? Weil es alle tun. Weil sie sich selbst nicht mögen. Weil es andere nicht tun. Ein klassischer Teufelskreis. 

Geschlechtskörper 

Ein Körper ist auch deswegen politisch, weil er in unserer Gesellschaft angibt welches Geschlecht wir haben. Meist wird hier nur zwischen weiblich und männlich unterschieden. Dieser Unterschied ist wahrscheinlich überhaupt nicht nötig, geht aber auch wiederum mit einer Vielzahl von weiteren gesellschaftlichen Unterschieden und  Zuschreibungen einher. Je nach dem welches Geschlecht unser Körper anzeigt (oder auch nicht), gibt Auskunft darüber, welche Vorstellungen und Erwartungen damit in vielen Köpfen stecken. Ein Junge im rosa Glitzerkleid? Eine Frau als EZB Fifa Vorsitzende? Ein Mensch der nicht als Frau oder Mann gesehen werden will, sondern sich einfach als Mensch fühlt? Für viele Menschen unvorstellbar. Warum? Wahrscheinlich weil Schubladen und Kategorien die Welt ordentlicher und berechenbarer aussehen lässt. Aber die Welt ist genauso kompliziert wie wir und deshalb sind Geschlechterkörper ebenfalls politisch. Sie reproduzieren Machtverhältnisse auf diverse Weise.

Ich bin: mein Körper. 

Bei all den vielen Inszenierungen vergessen wir häufig (ich auch), dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern gleichzeitig auch eben genau dieser sind. Mein Körper ist ich, ich ist mein Körper. Eine Trennung von dem was wir als Ich bezeichnen und dem, was wir Körper nennen ist zwar sprachlich möglich, nicht aber real trennbar. Es sei denn wir sind tot natürlich. Dann war da mal Ich und doch ist da noch ein Körper. Fest steht für mich auch, nur weil ich weiß, dass ich all diesen gesellschaftlichen Vorstellungen von Körper und Körper-Sein ausgesetzt bin, heißt dies noch lange nicht, dass ich von all diesen Konstrukten frei bin. Im Klartext: ich urteile, ich bewerte Körper, meinen und andere, andauernd. Auch ich will eigentlich fit sein, am Besten muskulös, aber schlank, leicht gebräunt und auffällig genug gekleidet, aber nicht zu auffallend. Und ich schäme mich wenn ich faul bin, wenn mein Körper dellig, wellig und unstraff erscheint. Schöne Scheiße also.

Wieso also dieser Text?
Ich plädiere natürlich auch dafür, weniger zu urteilen und Körper-Menschen 'sein' zu lassen. Sich bewusst zu machen, welche Auswirkungen es hat und haben könnte, aber auch welche Einflüsse auf mich selbst einwirken. Wie so häufig geht es um Awareness und Selbstrefektion und um das Ausprechen von Gedanken. Vielleicht ist es möglich so (oder so ähnlich) Dinge zu verändern (maybe, maybe not).