Dienstag, 17. März 2015

Talking about… xocóatl!


und zur Abwechslung mal wieder was (ganz) Seichtes: 

Zwar ist der Schokoladen-Hype, den vermutlich irgendwann einmal von den Azteken angezettelt wurde, in meinen gesellschaftlich - vermeintlich intellektuellen - Kreisen groß (ich vermute die Assoziation Stress- und Nervennahrung kommt euch sofort) und auf Wikipedia werden immerhin 8 Spiel- und Dokumentarfilme und sechs Schokoladenmuseen (allein in Deutschland und Österreich) gelistet, Schokolade und ich haben aber eher ein ambivalentes Verhältnis zueinander. Es gab sogar mal eine Zeit, da habe wir uns gar nicht verstanden und es auch vermieden uns zu sehen. Denn die Sache ist, entweder esse ich sie auf (komplett) oder ich lasse es einfach sein. Heute lasse ich es also nicht einfach sein. Viel eher lade sie fast täglich zu mir ein und verspeise sie so wie ein läppisches Butterbrot, oder sagen wir lieber gleich, wie die Butter eines Butterbrots (siehe hier auch den Butter-Post). Macht auch Sinn der Vergleich, immerhin befinden sich ganze 18-28g Kakaobutter in einer 100g Tafel Schokolade. Was man – außer Tafeln - sonst alles mit Fett und Kakao machen kann wisst ihr vermutlich, vermutlich nämlich alles. Bei meinem Konsum halte ich mich nicht (nur) mit den billigen Zeitgenossen auf und verweise wie bei allen guten Lebensmitteln auf ihre gesellschaftliche Bedeutung (immerhin waren Kakaobohnen sogar mal Zahlungsmittel). Lindt & Sprüngli  - als Prestigeobjekt - kommt also in meine versnobten Gaumenwände und verbreitet sich dort innerhalb kürzester Zeit zu sahnigem Brei. Diese Schweizer-Qualitäts-Tafel (100g) besteht zwar zu ihrer Hälfte (51g) aus Fett, ist aber tatsächlich so „unendlich zartschmelzend“ wie es sich die Macher – ich meine natürlich die métiers de chocolatiers – gedacht haben. Die Schweizer wissen zwar wie es geht - was man auch in ihrem Konsumverhalten, welches sie nach Deutschland im Schokoladenverzehr pro Kopf anführen, sieht - dennoch scheint Lindt keinen unabhängigen Überprüfungsanspruch zu haben. Woher das Fett zum Zartschmelz also kommt, bleibt vermutlich für immer ein großes Geheimnis. Wenn Lindt keine Zeit hat gibt es immer noch das halbleere Nussnugat Creme für 1,50€ im Regal. Es ist zäh und pampig, viel zu süß und eben kein Lindt & Sprüngli. Trotzdem wartet es dort geduldig und freut sich in meinem Bett gelöffelt zu werden. Schokolade soll angeblich so was wie ein Stimmungsmacher und Aufputschmittel sein, nach unseren meist sehr kurzweiligen Treffen ist meine Stimmung meist jedoch nicht viel besser als vorher, die Zähne dreckig und der Glukosewert so hoch, dass er nicht mehr abgebaut werden kann und direkt in meine Hüften wandert. Dort ist Nussnugatcreme genauso wenig wert wie Lindt & Sprüngli. Die Hüftebene kennt eben keine gesellschaftlichen Unterschiede und scheißt auf Zartschmelz, conchieren, Kokosmilch und dem ganzen fettigen Rest. Nun, immerhin senkt Schokolade unter Umständen (wenn man von all dem Fett nicht ziemlich breit geworden ist) das Blut und es wurde ebenfalls bewiesen (soso), dass zwischen Schokolade und Pickel kein direkter Zusammenhang besteht. Wie schön zu hören.

Mittwoch, 21. Januar 2015

"hatten wir uns irgendwie ganz anders vorgestellt"



Wir sitzen in einem fahrenden Untersatz, aber eigentlich befinden wir uns viel eher in einer Art Vorhölle, eine die Freitagnacht, zwischen Frankfurt und Marburg tagt und darüber entscheidet, ob man dich zur Erholung in einen geschlossenen, rosa Raum oder doch lieber in ein einsames Retreat schicken sollte. Keine Ahnung, wer das nachher entscheidet, aber fest steht, die Gefahr durchzudrehen steigt pro Fahrgast und Fahne. Der ganze Zug ist eine einzige Fahne, in der drei Millionen Fahnenträger quasi Mund an Mund stehen. Der fahrbare Untersatz schwankt verdächtig, die Insassen fallen reihenweise um und verdächtig nahe in meine Comfortzone. Durch diesen Umstand bedrängt, ballt nicht nur mein ebenfalls tendenziell betrunkener Mitfahrer seine Faust. Ich stelle mir vor ich wäre auf einer einsamen Insel, während die 2,5 Promiller anfangen den halben Zug auseinander zu nehmen. Sie schmeißen mit vollen Bierdosen und rempeln ihre eh schon relativ deformierten, relativ fettleibigen Körper gegeneinander. Dabei schreien sie „heeey“, „eeyyyy“, „booar“, „auf die Fresse?“ und andere Äußerungen die es schaffen, gleichzeitig sexistisch, homophob, chauvinistisch, rechtspopulistisch, ausländerfeindlich und ordinär zu sein. Ok, wenn man kurz nachdenkt, ist es gar nicht so schwer alle diese Kategorien gleichzeitig zu vergeben. „Relativ dumm“ ist jedenfalls, nachdem ich launenhaft alle möglichen anderen Adjektive leise vor mich aufzähle, die Überkategorie die es kurz zusammenfasst. Ich lächele über diese Weisheit, da höre ich einen der dicken Wampen neben mir wieder schreien „ey!“ damit bin diesmal ich gemeint. „ja bitte?“ frage ich höflich und vermute mich dabei direkt als einzig Nüchterne im ganzen Zug geoutet zu haben. Es folgt ein Schwall Kategorie dumme Wörter, mein Sitznachbar ist kurz davor der Wappe, die ein viel zu enges Fußballs-Shirt ziert, einen ordentlichen Tritt zu verpassen. Ich mache ihm vorsichtig den Vorschlag vielleicht lieber auf eine kleine Traumreise zu gehen, aber als Antwort rollt er nur mit den Augen. Auch er hat einige Biere getrunken, ist vermutlich aber immer noch nüchterner als dieser fahrbare Untersatz jemals war. Die fünf Fussballfans, denen hin und wieder ein Bier-, Spuck- und oder Kotzfaden aus dem Mund hängt, fangen wieder an zu diskutieren. Welcher Verein hat bessere Chancen auf einen Abstieg, welche Stadt ist hässlicher, welches Bier billiger. Ich lausche und versuche gleichzeitig völlig desinteressiert zu wirken. Scheitere damit. „ey! Is alles nur Spasss!“ nähern sich die Bierspucker immer wieder mir und meinem Pommes essenden Sitznachbar, der bei jedem Majotropfen auf seiner Jacke einen erneuten Lacher kassierte und jetzt grimmig neben mir hängt. „is Spasss, der muss verstanden werden“, „is ja kein ernst, ist ja nur Jux...“. Das Abteil nickt kollektiv mit dem Kopf. "will ja niemand Ärger, hamwa ja schon genuch!" schwadroniert einer der Meute, der in der nächsten Sekunde einfach vorne über fällt. Die Spuckenden lachen, fühlen sich bestätigt, krakeelen weiter durch die vorweihnachtlich-besinnliche Weihnachtsnacht. Der Rest – hunderttausend Weihnachtsmarktgänger, denen hin und wieder ein Glühwein-, Spuck- und oder Kotzfaden aus dem Mund hängt – schaut andächtig bis belustigt, immer nur so lange bis ein Stück Fußballspucke an ihre glitzernde Wange fliegt. Dann schauen die mit Glühwein verklebten Münder plötzlich ziemlich säuerlich drein, wagen es aber nicht etwas zu sagen, schütteln nur vorsichtig ihre mit Mützen behangene Köpfe. Manchmal hört man nur ein leises Stöhnen und ein fast lautloses Wimmern. Auch sie hatten es sich irgendwie  ganz anders vorgestellt.

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Kurz vor knapp ins neue Jahr gekommen, dass (laut astrologischen Vorhersagen meiner Mutter) ab September (schon) wieder viel lustiger, spontaner und zweifelsfreier wird. Na Halleluja!  

Donnerstag, 25. Dezember 2014

vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit!

Ein Phänomen was uns alle betrifft. 


Vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit ist nicht gleich vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit. Die Facetten sind ebenso glitzernd, schimmernd, viel- und undurchsichtig wie die hiesigen Weihnachtsmärkte, Konsumtempel und ja, sogar die ach so harmlosen Flohmärkte. Es gibt kein entkommen und die Gefahr auf dem 5m Weg zur Uni infiziert zu werden ist genauso groß wie das törichte Vorhaben "nur mal eben schnell etwas besorgen zu wollen". Ein kurzer Schlenker zu H&M (das SALE-Leuchten war einfach viel zu groß und schön!) und eine Besorgung bei Rossmann werden da schnell zu echten Gefahren für dünne vorweihnachtliche Geldbeutel, Konten und ökologisches Denken sowieso. Selbst ein Spaziergang führt immer über irgendeinen Weihnachtsmarkt, bei dem man immer kurz stehen bleiben und ein bis fünf Apfelglühwein trinken muss. Ist ja auch kalt, ist ja auch kein Problem schon wieder Geld heraus und Kalorien herein zu werfen. Außerdem sind da ja noch die ständigen Weihnachtsfeiern, Wichteln und naja, die absolute Besinnlichkeit, die vor allem bei so genannten Familienangelegenheiten zum Vorschein kommt. 

Ich sagte ja, vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit ist nicht gleich vorweihnachtliche Besinnungslosigkeit. Denn am allerschlimmsten ist die Besinnungslosigkeit - vermutlich fernab von einer bevorstehenden Weihnacht - in der letzten Bahn von Frankfurt nach Marburg, freitags nachts um halb eins. Dieses Phänomen soll jedoch (später einmal) einen eigenen Post bekommen. 

Da das Schlimmste (damit) vermutlich überstanden ist: fröhlichste Weihnacht! 



Sonntag, 7. Dezember 2014

(m)ein Körper als ein Versuch die Menschheit zu verstehen


"Einmal, da habe ich mir quasi eine Rippe aus dem Knöchel geschnitten (oder mich mit einem bissigen Hai anlegt!). Ein anderes Mal fühlte ich meine Hand nicht mehr und seit vorgestern scheint sich auch noch das Gefühl in meinem Schienenbein verabschiedet zu haben..."

Dass ich ausgerechnet Körperpsychotherapie studiere, erscheint da erst einmal recht widersprüchlich. Immerhin scheine ich ein - sagen wir - ambivalentes Körper- (und Leib-) Verhältnis zu haben. Aber immerhin, ich scheine das inzwischen begriffen zu haben! Ich denke, inzwischen kenne ich mich so gut, dass ich weiß, dass auch der Körper mein ist. Ich wüsste, wenn ich friere, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn mein Magen knurrt oder mir latent schlecht ist, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn ein Körperteil kribbelt, was zu tun ist. Wenn es juckt, was zu tun ist. Ich wüsste es, tue es aber selten. Ich überlege mir theoretische Konstrukte - die meine kognitiven Fähigkeiten bei weitem überschreiten - zur Heilung meiner Kopfschmerzen. Ich schreibe Schmerzprotokolle und recherchiere nach den bestmöglichen Optionen, ich mache To-Do Listen, ich bastele eine symbolische Collage, ich schreibe einen Text darüber, entwickle ein komplettes Therapie-Konzept für Wochenend-Migräne, Cluster- und Spannungskopfschmerz. Für Prä- und Postmenstruelle Kopfschmerzen. Ich lege mich nicht aufs Bett, schließe nicht die Augen und ziehe auch nicht den Stecker. Ich möchte den Schmerz verstehen, statt ihn zum Gehen aufzufordern. Ich möchte, dass er für etwas gut ist. So wie ich am liebsten jedes Störungsbild mal probeweise für einen Abend austesten würde, nur damit ich mich besonders gut in jeden Menschen hinein versetzen könnte. Und dabei halte ich mich jetzt schon für eine Expertin für jegliche Störungsbilder. Ich denke wirklich, dass ich mich nur tief genug mit Krankheiten beschäftigen müsste, damit die Welt ein bisschen erklärbarer wird. So wie andere Menschen ihre Angst vor dem Unbekannten in Rassismus oder einer Zwangsstörung äußern, möchte ich alle verstehen lernen. Dazu zählt nicht nur was PTBS oder MD heißt, sondern auch zu wissen, wie sich Kopfschmerz und ein taubes Bein anfühlt. Es ist dabei nicht so, dass ich mir unbedingt wünschte, ein taubes Bein zu haben oder es vielleicht sogar absichtlich betäuben würde. Aber wenn es einmal da ist, springt in mir - nach einem kurzen Schreck - schnell ein Schalter um. Schon befinde ich mich im - sagen wir im kreativen - Forscher-Modus. Wie lange braucht eine klaffende Wunde zum Heilen? Wie viele Adjektive können Müdigkeit beschreiben? Wie fühlt es sich an, ein taubes Bein zu rasieren? Wie lange muss man kratzen bis es blutet? Wie visualisiert man Migräne? Wie beschreibt man Depressionen? Ich habe darauf jede Menge Antworten - die alle kaum etwas mit biologisch, chemischen oder physikalischen Faktoren zu tun haben. Denn alles, was mit den "tatsächlichen" Prozessen im Körper zu tun hat, finde ich abstoßend bis ekelhaft. Was aber auch einen gewissen Reiz hat. Als Kind blätterte ich immerhin ziemlich regelmäßig durch das zerfledderte Anatomie-Buch, dass ich nun wieder heraus gekramt habe. Oder sezierte meine Haare im Mikroskop. Auch heute schauert es mich etwas bei der Vorstellung der seltsam ekelhaften Strukturen, die angeblich meine Haaren gewesen sein sollen. Meine Angst ist dabei vermutlich auch, dass diese Vorgänge kaum mehr kontrollierbar scheinen. Ich habe Angst, dass ich meinen Einfluss nicht an Mitochondrien testen könnte, dass sie nicht auf mich reagieren und mich im Regen stehen lassen, wenn ich sie bitte irgendwas für mich zu tun. Da fängt aber auch schon das wirkliche Problem an, denn ich habe keine Ahnung was sie für mich tun könnten. Ich habe keine Ahnung ob sie bei Prozessen wie Migräne und Neurodermitis beteiligt sind. Natürlich, ich kann sie googlen, kann lernen, dass sie "die Kraftwerke“ der Zellen bezeichnet werden und dass ohne sie so ziemlich nichts passiert. Aber ich verstehe das nicht. Sie sind mir viel zu unsichtbar. Ich weiß sehr wohl um den Zusammenhang zwischen anatomischen und psychischem Körper, aber ich kann ihn nicht spüren. Ich spüre meine kalten Hände, meinen bewölkten Kopf und meine Füße fest auf dem Boden, aber ich will nicht wissen welches Mitochondrium dafür verantwortlich ist. Ich finde es viel interessanter wo her der Körper kommt und was er erlebt hat, den jeder Körper kann Geschichten erzählen. Von klaffenden Wunden bis Perlenohrringen, alles scheint irgendwie wichtiger als der Aufbau einer Zelle. Ich weiß, dass ich damit unrecht habe, aber ich spüre, dass es mir egal ist. Und es ist nicht so als würde ich nichts spüren! Im Gegenteil, ich bin äußerst sensibel wenn es um mich - meinen Körper - geht. Ich leide viel, ich rede und schreibe viel darüber (merkt man kaum!). Ich merke wenn man mir - meinem Körper- auf die Pelle rückt, merke, wenn ich mich - meinen Körper - nicht leiden kann, wenn ich in den Spiegel gucke und mich - meinen Körper - am liebsten gegen ein nicht jammerndes Kamel tauschen würde. Ich merke, dass es gut tut, mehr in den Füßen zu spüren, als in bewölkten Kopfregionen zu wandern, spüre, dass es heilsam ist zu essen und zu schlafen wenn ich es brauche. Dass es heilsam ist, meinen Körper auch mal loszulassen, ihn weniger als Forschungsinstrument zu nutzen, ihn mehr zu schätzen und lieben zu lernen. Das "verstehen" nicht "erlebt haben" heißt, weiß ich. Auch, dass ich nicht alles - dass ich nicht jeden - verstehen kann. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wenn genau das passiert. Wenn ich plötzlich und völlig unvorbereitet am Ende meines nicht vorhandenen Lateins bin und mir keinen Reim darauf machen kann, wie sich eine Person fühlt. Was sie spürt, wie es sich anfühlt. Dass ich nichts dazu sagen und nichts dagegen tun kann. Keinen Rat geben, keine Sorgen teilen kann. Nicht mal mehr eine extrastarke Ibu reichen kann. Und weil dieses Gefühl für mich so schrecklich unerträglich ist, fange ich überdramatisch an, von meinen vermutlich ziemlich harmlosen Körperstörungen zu erzählen. 

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Text als therapeutische Maßnahme dieser Woche.

Montag, 24. November 2014

Ein Ausflug ans Meer.



Als ich eintauche ist das Meer angenehm warm und so sauber, dass ich bis auf Grund sehen kann. Bis auf ein paar kleinere Wellen ist es so ruhig wie selten. Die Sonne glitzert im tiefblauen Wasser, sie steht mir tief ins Gesicht. Heute sind außer mir nur ein paar wenige Menschen im Wasser und scheinen sich verhältnismäßig ruhig zu benehmen. Ein guter Tag. Sie reden kaum, sie spritzen nicht, sie kraulen nicht gegen einen. Sie schwimmen friedlich nebeneinander hin und her. Hin und her. Dann hört das Meer auf, dann beginnt glitschiger Fließenboden, Pommesgeruch und schreiende Kinder. Von all dem bekommt man im Meer heute nichts mit. Meine Hände gleiten durchs Wasser, mein linker Fuß zappelt ein wenig zu unprofessionell, aber ansonsten gleite ich. Ab und zu muss ich mir irgendein weißes oder schwarzes Haar von der Hand zupfen, die ich ab und zu wie kleine Trophäen einsammele. Klares Wasser hat eben auch so seine Nachteile. Heute stört mich das weniger, denn seit dreißig Minuten fühle ich mich wie ein Delfin, naja mindestens wie eine Wasserschildkröte oder wie ein Goldfisch im Glas, aber mindestens wie ein relativ glücklicher. Seit zehn Minuten schwimmen nur noch drei Frauen mit unreiner Haut durchs Becken. Ich lächele verbunden. Im Meer sind Pickel, Fett und Dellen egal, im Meer schwimmt alles oben, im Meer wird alles geheilt. Das Meer trägt die Sorgen aller Menschen einfach fort und löscht sie. Als ich diesen klugen Gedanken formuliere weiß ich, diese Ode ans Meer muss ich unbedingt aufschreiben. Dann erinnere ich mich an unschöne Tage im Meer. Tage, an denen ich um mein Recht aufs Schwimmen kämpfte, so als ginge es um mein Leben. Ging es ja irgendwie auch. Ich sehe mich am Rand stehen und auf dreihundert Menschen blicken. Auf 30 Quadratmeter Meer verteilt! Todesmutig nehme ich die kleine Treppe und versuche mich einzuordnen ohne dabei große Unruhe zu stiften, ohne dabei mehrere Menschen umzubringen, ohne selbst dabei umgebracht zu werden. Als mich ein Schmetterlings-Monster über den Haufen schwimmt weiß ich, mit Vorsicht komme ich hier nicht weiter. Also schwimme ich geradeaus, mit meinem schlimmsten, unausweichlichsten Blick. Ein paar Krauler bekommen meinen Killermodus natürlich nicht mit, also lande ich innerhalb einer Minute am äußersten Meeresrand direkt neben dem Schul/Vereins-Meer-Abteil in dem nur Schmetterlings-Schmetterer schmettern. Das Meer hat inzwischen locker zwei Meter hohe Wellen, aber ich lasse mich nicht untertauchen und halte dies für eine gute Selbstbehauptungsübung. Quasi so wie Bretter durchschlagen, nur im Meer. Am Ende schwimme ich nur noch mit hundert zufriedenen Survivors in den inzwischen deutlich seichtern Gewässern. Heute ist das Meer jedoch so still und zart zu mir, dass ich mich frage ob nicht gerade etwas Phänomenales wo anderes passiert. Der Weltfrieden tritt ein und ich schwimme? Egal. Ich erinnere mich dann, es ist drei Uhr und alle meine Kommilitonen sitzen in der Uni. Alle meine Kollegen sitzen an der Arbeit. Ich erinnere mich, dass ich alles absagte (damit meine ich eher, dass ich zu mir - so im Stillen - sagte: "ich sage ab") und beschlossen hatte eine Auszeit zu nehmen (damit meine ich eher, dass ich einfach nirgendwo hinging). Ans Meer zu fahren und einfach abzutauchen. Also tauche ich für die letzten Meter ab und schwimme meine letzte Bahn als graziler, freundlicher Delfin. Nur ohne zu atmen natürlich. Als ich völlig hechelnd, dehydriert, voller Bazillen, Keime und  Bakterien am Beckenrand auftauche, schmecken meinen Lippen dann fast ein bisschen salzig. 


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Montag, 17. November 2014

luckily you just survived another year!



Draußen ein letztes November-Leuchten, dass durch die kargen Bäume kläglich wimmert und ganze drei Minuten nach Aufmerksamkeit schreit. Trotzdem, im November freut man sich über jedes noch so kleine Leuchten. Das glatteste amerikanischen Kirschholz produziert die passenden, melancholischen Töne dazu, aber Kristallklar! Diese Soundqualitäten scheinen schließlich sogar meinen Vermieter überzeugt zu haben, der mir noch vor ein paar Tagen nachts um Drei vorgeworfen hatte, er sei zutiefst von mir (und meinem Lotterleben) enttäuscht. Vorher gratulierte er mir noch mit zitternder Stimme zum fünfundzwanzigsten Lebensjahr. Wir sahen uns kurz in die Augen und wussten nicht, wer von uns mehr Grund hatte zu heulen. Irritiert schloss ich die Tür und drückte den Power Button meiner krachend lauten Anlage. Klar, irgendwie ist so ein Leben auch erschöpfend, klar irgendwann sollte man lieber schlafen als zu Scooter zu tanzen und sich gleichzeitig ein paar Gin-Tonics rein zu ballern. Ja, aber ich dachte, dieser Tag wäre nicht unbedingt schon heute. So hätte ich das sagen sollen, stattdessen aber stammelte ich nur ein hilfloses "danke und sorry!". Jetzt, wo die Boxen nicht mehr so scheppern, bringt er mir sogar ein Glas Honig vorbei. Es folgte eine rührende Entschuldigung, wir gaben uns glückselig die Hand und eine leise Träne rann an unserer jeweiligen Wange herab (der letzte Punkt ist natürlich eine dramaturgische Lüge). Vielleicht waren es nur Gewissensbisse, vielleicht die Frau des Vermieters, die ebenfalls weinend ihren Mann so lange bekniete, bis er zu mir in den Bedienstetentrakt hinunter stieg… vielleicht ist dass aber auch der Zauber des Fünfundzwanzig-Seins, der gerade erst angefangen hat… Ich stocke hier kurz, denn gerade läuft der Herr Vermieter schon wieder an meinem Fenster vorbei, grinst, in seiner Rechten sein Lieblingsinstrument - der Kehrbesen - und seine linke Hand zu einem freudigem Peace-Zeichen geformt (in Wirklichkeit ist es nur die flache Hand!). Ein tatsächlicher Zauber also! Mit dieser fröhlichen Erkenntnis laufe ich in die Küche um mir einen Kaffee zu machen, der hoffentlich so stark ist, dass er mich nicht nur zum Arbeiten (damit meine ich nicht Bloggen), Putzen  und Lesen (dabei meine ich nicht eine erneute Episode aus Lena Dunhams Leben) bringt, sondern auch noch die restlichen Zauberkräfte aktiviert. Ein Zauber-Kaffee sozusagen. Draußen ist es immer noch November, also immer noch kalt und feucht. Das November-Leuchten ist inzwischen erloschen und ich will das Fenster schließen. Weil ich heute schon für alles  -außer Rewe-Schnittbrötchen mit Rewe-Wurst essen, Greys Anatomy gucken und Lena Dunham hypen - zu faul war,  bin ich natürlich auch zu faul auf den Tisch zu klettern oder mich irgendwie sonst näher ans Fenster zu begeben. Deswegen - und wegen meiner rutschigen Puschen - rutsche ich auch aus, bleibe an der schönen Happy-Birthday-Girlande hängen und haue mir dabei mit irgendwas - ich habe dieses seltsame Design-Objekt, das eigentlich ein Topfuntersetzer ist, im Verdacht - ein Veilchen unters Auge…

Congrats to my Self!




Samstag, 1. November 2014

waking up when it's already november


Wenn es plötzlich mal wieder November ist und man das Vierteljahrhundert schon förmlich riechen kann. Wenn Marburg aus allen Nähten zu Platzen droht, es in der Oberstadt nach Weihnachten riecht und man gerne eine schlafende Katze wäre. Wenn man am frühen morgen in Turnhallen voller Menschen stolpert, sich die Augen reibt und es unter Selbsterfahrung verbucht. Wenn man um fünf Uhr abends selbstverständlich wieder müde ist, dass kommende Vierteljahrhundert einem immer noch im vom Yoga verspannten Nacken sitzt und man an einem Glas Rotwein nippt, dass einem hässliche blaue Zähne für den Rest des Wochenendes beschert. Die Erkenntnis, ab jetzt wird alles noch dunkler, noch müder und beschwerlicher. Man wird älter, man möchte nicht nur irgendeine Katze sein, sondern eine kanarische Katze die ab und zu ein Dorade zum Fraß und ein Dorada zur Erfrischung vorgeworfen bekommt. Die sich genüsslich in der Sonne räkelt und natürlich sieben Leben hat. Die nicht zwischen Monaten unterscheidet, die völlig Zen ist. Da im November weder Bafög-Anträge noch sonstige Wünsche von den zuständigen Sachbearbeitern und postmodernen Feen bearbeitet werden, bleibt einem wie immer nur ein kleiner Seufzer. Hach. Auch wenn Abgründe schon mal tiefer und das Jucken schon mal schlimmer war, November und ich werden vermutlich nie wirklich Freunde.