Dienstag, 27. Mai 2014

Death and all of his friends…






all you need (besides some dead or dying things) is some good inspiration.

Montag, 26. Mai 2014

Talking about... Butter!


Heute: Butter, oder auch der Inbegriff des Fetts. Talking about classic Butterbrot? Butter bei Fischen und dem Butterbrot dem die Butter fehlt? Denkste! Hier geht es um Butterpolitik und Butter als Wissenschaft. 


Unter Butter, diesem, so einfach konstruiertem, Grundnahrungsmittel versteht man durch buttern erzeugtes Milchfett von weißer bis gelblicher Farbe. So die Kurzform. Im Wikipedia-Jargon geht es dann doch um deutlich mehr. Nämlich um den Rahm von (meist Kuhmilch) – in Form von hergestelltem Streichfett – dass wiederum der EU-Verordnung zu mindest 80 Prozent aus Milchfett bestehen muss (da sag noch mal einer die EU würde nicht für unser Wohl sorgen!). Außerdem muss bei einer EU-Normbutter sicher gestellt sein, dass ein Wassergehalt von 16 Prozent nicht überschritten wird. Andere Inhalts- oder Aromastoffe können den anscheinend unvergleichlichen EU-Buttergeschmack nicht entstellen. Der Butterhochgenuss geht dabei vor allem mit einem besonders hohen Gehalt an Ölsäure und gesättigten Fettsäuren einher. Brennwert; ca. 3100kJ (740kcal) pro 100g. Butter darf in Deutschland nach 3 Qualitätsstufen verkauft werden. An oberste Stelle die Deutsche Markenbutter! Diese wird gemäß dem Paragraf 13 der Butterverordnung (!) für die qualitativ hochwertigste Butter vergeben. Sie darf nur aus Milch von Kühen (oder daraus unmittelbar gewonnenem Rahm) hergestellt werden. Bei der monatlichen Butterprüfung müssen in jeder geprüften Kategorie mindestens vier von fünf möglichen Punkten erreicht werden. Dann folgen noch die Deutsche Molkereibutter und die Landbutter – aber es geht eben nichts über die Deutsche Markenbutter. Der Sage nach, gibt es Butter quasi schon immer, auch wenn sie vermutlich noch nie so viele Auflagen zu erfüllen hatte. Dabei steht sie bis heute immer in starker Konkurrenz zum Butter-Staatsfeind No.1; dem Olivenöl (neumodischer: dem umstrittenen Rapsöl).
Um nun auch einen soziologischen Vergleich hinzukriegen, wage ich hier die These, dass Butter – schon wieder – als Prestigeobjekt verstanden werden kann. Das reine Fett muss man sich nämlich erstens leisten können (unterschätze niemals den Preis einer guten Deutschen Markenbutter!), zweitens muss man es wohl  dosieren können (dazu braucht man nicht nur die richtigen Messer, das richtige Brot usw., sondern auch das richtige Fett-Verständnis) und drittens muss man wissen, das Butter nicht gleich Magarine, nicht gleich Rappsöl, nicht gleich Olivenöl ist (dieses Wissen ist auch nicht zu unterschätzen!). Die Rechung ist deshalb recht einfach zu stellen; um Butter – richtig - zu konsumieren braucht man Geld x Gesundheitsbewusstsein x Bildung. Was ich bis zum Lesen dieses wunderschön aufschlussreichen Wiki-Artikel nicht wusste, es gibt sogar eine Sozialbutter, die meine These erstmal statt unter zubuttern, zu untermauern scheint. Die Rede ist hier von einer subventionierten Butter für soziale Einrichtungen wie Krankenhäuser, Reha-Zentren, Alten- und Pflegeheime. Die inzwischen – auf Grund von Gesundheitsmaßnahmen - wieder abgeschaffte EU-Subvention sah vor, dass sich auch soziale Einrichtungen eine (ungesalzene) Markenbutter leisten konnten. Sie brauchten dafür natürlich nur „einen Berechtigungsschein der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) der dem Träger der Einrichtung, oder der für diesen tätigen Zentralküche bzw. Cateringfirma gegen Vorlage eines Nachweises der Gemeinnützigkeit (§ 9 Nr. 1 MFVV) oder Nachweis eines „alternativen Tatbestandes“ (§ 9 Nr. 2-4 MFVV) ausgestellt wird“ (wikipedia.org/sozialbutter). Die Höchstbezugsmenge war dabei auf zwei kg Sozialbutter pro Person und Monat beschränkt. Diese Form von Vergünstigung wurde unter anderem beschlossen um den EU-Butterberg abzubauen. Wer nicht weiß was damit gemeint ist? Hier geht es um die seit Ende 1970 herrschende Überproduktion der europäischen Butter. Achso! Also vielleicht doch keine Prestigebutter. 


Als weiterer ‚Funfact’ zum Schluss dieser Butterreise: das bei weitem bedeutendste Herstellerland für Butter ist Indien, gefolgt von Pakistan und den USA. Na dann, ist ja alles in Butter! (zu größeren politischen Statements bin ich - dank eines langen Kopfschüttel-Wahlabend-Marathons - gerade nicht mehr in der Lage...)





Montag, 19. Mai 2014

Bus-Lovestory



Ich sitze im Bus auf der A45 von Dortmund nach Gießen und kenne inzwischen jeden Parkplatz bei Namen. Neben mir dröhnt Peter Fox aus den Kopfhörern meines Sitznachbarn, eine ältere Frau schräg hinter mir ächzst genau alle fünf Minuten. Sie röchelt und krächzt seitdem ich mich schräg vor sie setzte und bringt mich jeden Moment dazu, irgendwo eine Notbremse zu ziehen (falls es so was in Bussen geben sollte?!) oder zumindest zum mutwilligen zertrümmern einer Scheibe direkt neben ihrem Kopf. Die zwei Drittsemester-Scherzkekse, er „Pharmazeut“ aus Marburg, sie „Ökotrophologie“ aus Gießen, beide gebürtige Pötter, scheint das alles nicht zu stören. Sie redet – er redet. Er redet – sie redet. Sie verstehen sich, sie lachen, sie essen zusammen Schokokekse. Das alles scheint so etwas wie eine göttliche Fügung. Janna und Paul kennen sich erst seit fünf Minuten, seit zehn kennt auch jeder im Bus ihre Story. Um endlich ein Bild von den beiden pubertären Pott-Stimmen zu bekommen, stehe ich endlich auf und gehe unauffällig zu Klo. Da ich jetzt einmal angefangen habe, wird sich das – wie ich inzwischen weiß – so weiter fortführen. An einer Fahrt die knapp zweieinhalb Stunden dauert, laufe ich schon mal gerne drei bis vier, manchmal fünf Mal aufs Klo. Das wiederum liegt – meiner Meinung nach – an der furchtbaren Klimaanlage, die wiederum mit meinem unstillbaren Bedürfnis nach Wasser einhergeht. Alles an dieser Fahrt ist also irgendwie ein bisschen verachtenswert – gäbe es nicht solche romantischen Zufälle, wie Janna und Paul sie miteinander teilen. Ich hingegen, führe seit über zwei Monaten eine Fernbeziehung mit dem Ruhrpott! Um es noch ein wenig konkreter zumachen, ich teile mir eine Partnerschaft mit Dortmund und Bochum. Von romantischen Zufällen wage ich selten zu träumen! Nun sieht es jedoch so aus, als sei dieser selbstlosen Geste bald ein Ende gesetzt. Das ist einerseits natürlich sehr traurig, denn allmählich ist meine erst wöchentliche, später vierzehntägige Busfahrt ein schönes Wochenendritual, anderseits ist so eine eigene Bleibe, man könnte auch etwas snobbisch ein so genannter ‚Zweitwohnsitz’, ja doch was ganz Feines. Meine befindet sich nun bald in schönsten Dortmunder Gefilden. Das Gefilde befindet sich – wie bereits vorausgesagt – im schönsten, snobbigsten und schönebergigsten Viertel Dortmunds, ringsherum eingebettet in Cafés und garniert mit einer extra nahen Parkanbindung. Also ganz undortmundig untrashig könnte man behaupten, aber um behutsam aus meiner Marbosch-Blase herauszukommen können einige Sicherheitsvorkehrungen sicherlich nicht schaden. Meine Marbosch-Blase ist so was wie ein Süßwasser Aquarium! Immer wenn nach der zweieinhalbstündigen Busfahrt ein Schloss zwischen ein paar grünen Hügeln entdecke, möchte ich wie ein kleines Kind vom Sitz springen und einen spitzen Schrei von mir geben. Meist beschränke ich mich – dem gesellschaftlichem Druck erliegend – dann doch nur auf ein zufriedenes Lächeln. „Hallo Süßwasser Aquarium, hier ist es so schön unaufregend!“ Dass ein Süßwasser Aquarium in seiner Unaufgeregtheit auch viele Nachteile hat, muss ich nicht erwähnen – mache ich natürlich trotzdem kurz. Man stößt sich schnell den Kopf, irgendwie ist es immer zu klein und die Sicht ist verdammt eingeschränkt. Darüber hinaus fehlt einem manchmal eine realitätnahe Spur Salzwasser in den Augen und ein paar Wellen wären auch nicht schlecht. Von diesen kleineren Makeln abgesehen, beherbergt eine Blase jedoch Einiges. Die Eckpfeiler einer Blase stellen Sicherheit, Schönheit, Übersicht und Vertrautheit dar, dass ist ja wohl allgemein bekannt. Dieses stabile Pfeiler-Quadrat wiederum führt zu einem nicht zu unterschätzenden Gefühl von Heimat. Einem Gefühl von Harmonie und Vollkommenheit – aber ich schweife schon wieder kolossal ab! Während ich mich also - wie immer - wie ein kleiner Kinder-Schneekönig freue, nachdem ich nach einem Wochenende Pott-Schock (diesmal noch mit einem gewaltigen Post-Siegen-Schock gepaart) bald wieder in lauwarmen Lahn-Gewässern bade, tauschen die Drittsemestler hinter mir endlich ihre Telefonummern aus. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte ihnen zumindest einen Post wie diesen (wenn nicht einen ganzen Roman!) zu widmen. Denn Janna und Paul werden sich wiedersehen, da bin ich mir ganz sicher. Irgendwann werden sie sich ein Haus in Moers kaufen und dort jeden Tag abwechselnd Breaking Bad und Gossip Girl schauen. Vorher werden sie sich kleine Spoiler zuflüstern und ihre – mit Schokolade verschmierten Münder – küssen. Sie werden sich an ihre schönste Zeit erinnern, in der sie zusammen im Bus zwischen Pott und hessischer Mitte saßen, Biochemie lernten und sich gegenseitig abfragten. Wie sie dann, ihr Studium mit Bravour abschlossen, weil „man halt auch mal was Lernen muss, um im Leben weiter zu kommen“. Und sie kamen weit. Janna, die von ihrer Bio Lehrerin zum Ökotrophologie-Studium ermutigt wurde nicht – wie meine Mutter immer behauptet „ wie alle Ernährungswissenschaftlern essgestört“, sondern erfolgreiche Molekularköchin einer prominenten Kochsendung und Paul wurde... naja Pharmazeut eben, für einen Pharmakonzern natürlich! Der Bus hält mit ach und krach an der Automeile – im großen Nichts Gießens. Ich möchte Janna aufhalten, aber sie ist schon aufgestanden. Sie hat es eilig,  "muss noch einiges an Folien zusammenfassen". Ich weiß so Vieles von ihr und sie weiß noch nicht einmal, dass ich ihr einen Post widme. Ziemlich ungerecht! Als Janna aussteigt und Paul vorher noch ein „war schön!“ hinterher quiekt, schaue ich – und Paul – ihr schon wehmütig hinterher. Ihr BVB-Schal weht zum Abschied im Wind. Es sieht ein bisschen so aus, als würde er winken. 



________________________
Während man Busgeschichten schreibt, oder sich in einer besagten wieder findet, hört man diese 'Neuentdeckung'. 

Montag, 12. Mai 2014

Schmunst




 Schmu & Kunst = Schmunst! 

Schmunst macht man, wenn man sonst schon alles probiert hat, es regnet, stürmt und irgendwie gleichzeitig auch die Sonne scheint und man andauernd gähnen muss. Schmunst ist sowohl Zeitvertreib als auch Selbstfindungsstrategie,  überflüssig und alles darüber hinaus, völlig heiter, aber auch qualvoll - klebrig und unpräzise -   eine unberechenbare Erfindung, ein kleiner Stein in der Weltgeschichte, eine unnütze Recycleidee - Schmunst eben.

Dienstag, 22. April 2014

How to get lost during your daily Workout


"Daily" ist völlig übertrieben, "lost" auch, aber der Titel klingt immerhin vielversprechend! 

Wenn der zufällige, lebensbejahende Plan-B jederzeit spontan auf mich zukommen könnte, heißt es entspannt bleiben, immer schön lächeln und Geduld zeigen - eine meiner Spezialitäten. 
_________________


Meine Waden sind hart wie ein Brett, krampfen bei jedem neuen Meter und wollen auf Teufel kaum raus jetzt nicht laufen. Ich nehme noch ein paar Mal Anlauf zum Trab, stehe aber nach ein paar mühseligen Versuchen Kerzengerade und verziehe säuerlich mein Gesicht. Es ist aussichtslos, weshalb ich jetzt den Weg an der Lahn entlang schleiche wie eine müde Schildkröte. Es sieht aus als wären das heute meine ersten Gehversuche. Es sieht verdammt lächerlich aus. Jedes Mal wenn mich ein Jogger überholt, ziehe ich meine Kapuze noch tiefer ins ungeschminkte, verpickelte Post-Ostergesicht. Dieses Post-Ostergesicht sagt irgendetwas zwischen „ich habe es überlebt“ und „ich wurde in meiner eigenen Kotze wiedergeboren“ aus. Oder einfach nur "fettig und faltig". Irgendwie tendiere ich  - wie jedes Jahr - dazu, Ostern als meinen Lieblingsfeiertag schlechthin zu bezeichnen, dabei völlig zu romantisieren und am Ende frustriert und fett da zu stehen. Mit diesem Fiepen im Ohr, dass einem sagt "mach dir keine Illusionen" und "fress' doch nicht gleich alle Schokoeier auf einmal". Diese retardierenden Momente retardierten sich dieses Jahr besonders schlimm. Zeitweise hatte ich das Gefühl ich würde in einem Film sitzen in dem man die Schauspieler dazu aufruft immer wieder das selbe zu sagen damit die entweder träumenden Zuschauer wirklich auch Bescheid wissen, oder aber völlig ausrasten. Ich wette nächstes Jahr habe ich jedoch auch dieses bildhafte Gefühl vergessen und denke, dass ein paar bunte, hartgekochte Eier (alternativ auch in Schoko mit Schnaps!) schon so einiges rausreißen werden. – Aber ich schweife ab. Eiere dem Feiertag entsprechend weiter, versuche ab und zu meine Waden zu lockern in dem ich feste gegen sie schlage, prelle mir die Hand und ernte dabei mitleidige Blicke und lautstarkes Hupen. Es gibt kaum etwas frustrierenderes, aber zum Umkehren ist es jetzt auch zu spät. Meine Musik beschallt den ganzen Spazierweg, die Sonne scheint tief und der Blick auf Marburg lässt mich wehmütig seufzen. Irgendwann stelle ich erleichtert fest, dass sich noch ein Versager zu mir gesellt hat und ein paar Schritte in meinem Windschatten schlendert. Auch er sieht irgendwie desillusioniert aus und trägt das Post-Ostergesicht in den Wind, nur ohne Pickel. Ich lächele ihm schief zu und bin gleichzeitig peinlich berührt. Er kann ja schlecht ahnen dass ich ihn für einen Mitversager halte, oder unterschätze ich da meine telepatischen Fähigkeiten? So frustig das Nicht-Joggen auch sein mag, ich merke gleichzeitig, mit ein bisschen mehr Sauerstoff in den Lungen lässt es sich auch direkt viel besser denken. Ich denke also angestrengt, komme aber – wieder relativ frustrierend - zu keinen neuen Erkenntnissen. Marburg ist heute wieder so atemberaubend schön, dass ich am Liebsten einen lauten Schrei von mir geben will, als ich, flussaufwärts, am Campingplatz vorbei ziehe. Hurra! Ich denke an das Mitnehm-Problem und all die anderen Sachen. Ein lautloses Manno. Am Minigolfplatz kommt mir dann die Erkenntnis, die ich ohne brett-artige Waden niemals gehabt hätte. Sie ist so simple wie ernüchternd, unüberraschend und banal. Marburg wird – vermutlich – so bleiben. Wie es so dar liegt, zwischen Hügeln eingebettet, einem Fluss am Fuße und mehreren seltsam-romantischen Gebäuden ringsherum. Auch ohne mich wird es hier schön sein. Auch ohne die anderen Trottel. Dann stelle ich mir vor, wie ich aus meinem stickigen Zelt krieche, mich ins halbnasse frisch gemähte Grass setze und aufs Schloss schaue. Ein Crossaint im Mund – nur damit es noch wildromatischer wirkt – und ein Buch in der Hand. Ich räkele mich im tief stehenden Abendlicht und beobachte eine Joggerin die schlapp macht. Dann denke ich an mich, an diesem Moment, vor Jahren, an dem ich verstand dass, wenn ich gehe, Marburg einfach weiter lebt, aber dass ich jederzeit vorbei kommen und Hurra schreien kann. Dass ich eine Croissant-fressende Marbosch-Camperin werden kann, jederzeit, wann immer ich will. 

Wenn ich bis dahin nicht zu dem Schluss gekommen sein sollte, dass ich mal wieder einmal alles romantisiert habe, ja. 




            

How to get lost in the Pott!



















Wat fällt einem zum Pott ein und wie geht man da nicht verloren? 

Ist eigentlich ganz einfach, denn inzwischen kennt man ja quasi an jeder Ecke einen frisch Zugezogenen. Den kann man fragen (denn Zugezogene kennen sich immer Bestens aus!), oder man orientiert sich einfach nach den schnellsten Routen des Navis (wenn es nicht plötzlich abstürzt, der Akku leer ist oder man angeblich auf irgendwelchen Feldern unterwegs ist!)... lässt sich quasi blind durch den Pott-Dschungel führen. Das hat den Vorteil, dass man noch weniger verloren geht, aber auch den Nachteil, dass man die Schönheit des Zufalls (und der Verirrung) ganz außer Acht lässt. Auch die Strecke von Marbosch bis Dortmund kann ich inzwischen im Schlaf fahren - natürlich auch ohne Führerschein. Ansonsten ist Dortmund nicht mit Marbosch zu vergleichen, denn dort gibt es sowohl fette, als auch hässliche Menschen! Die Überlegung liegt also ziemlich Nahe: der Pott ist ein bisschen wie Gießen. Nur größer, mit mehr Fussballfans und mit vielen Gießens drum herum. Jeder kennt jeden, selbst die Gießener selbst scheinen dort vertreten. In Dortmund gibt es zudem einen Hafen, ein Schöneberg-Verschnitt-Viertel, dass ich als Snobbi natürlich super finde und viele kleine Läden in denen es aussieht, als hätte man jede Menge alte Handys und Computer auf einen Haufen geworfen und mit Kabeln garniert. Bochum hingegen glänzt mit Luftballon-Läden und wunderschönen Edekas. Im Pott lassen sich außerdem vergleichsweise viele Kackhaufen-Aufklebern finden. Und dann gibt es da natürlich noch die frisch gebackenen Pötter (das Wort hab ich gerade erfunden!?), ohne die das Leben in der fettfreien Blase Marburgs nur halb so schön ist. 




Dienstag, 8. April 2014

talking about… my past as a Verkaufsmaus!

Heute hab ich was lustiges gefunden! Nämlich ein Dokument meiner Vergangenheit. 
Das Zeitzeugnis entstammt meinen wilden, blutjungen Zwanzigern, als ich mir meine Brötchen damit verdiente, stinkende Chinaware zu verscherbeln. Ziemlich lange (naja sagen wir normalerweise werfe ich noch schneller das Handtuch) war dies mein alles erfüllender Alltag. Und das war so:
____________________

Mein Morgen als Verkaufsmaus fängt eigentlich recht gemütlich an. Aufstehen, Frühstücken, duschen, ein Apfel, eine Wasserflasche einpacken und fertig bin ich zum Aufbruch ins schönste Konsum Getümmel. Ach halt, das Outfit! Am besten natürlich Klamotten aus dem „eigenen Laden“ (ohja wie schnell es mit der Überidentifikation doch geht!) anziehen, denn am meisten freut man sich doch, wenn Kundinnen die „wo hängt denn das was sie da anhaben.“-Frage stellen. Ansonsten ist das A und O einer guten Vorbereitung: flache Schuhe. Selbst meine Kollegin, die ein ausgesprochener Highheels-Fan ist, jammert nach einigen „Absatz-Stunden“ wie ein krankes Meerschweinchen. An alle anderen Trottel, die dachten, dass nur die hohen Stiefel zum Gesamtkonzept passen, aber die Schmerzen nach vier Stunden stehen trotzdem unerträglich werden und auch noch –zu allem Übel- Mülltag ist (20 Kisten Müll und 3 Treppen zur Müllpresse!) verteilt sie großzügig flache Ballerinas, die sie in einer kleinen Plastiktüte in ihrer gefakten Chaneltasche die sie immer mit sich herum trägt.

Die Tage als Verkäufermaus sind zwar immer ähnlich, teilen sich aber grundsätzlich immer in zwei Kategorien auf. „volle Tage“ und „tote Tage“. Etwas dazwischen gibt es einfach nicht. „Volle Tage“ sind Freitage, Samstage und manchmal Mittwoche und grundsätzlich die Tage, an denen - frisch aus China eingeflogene - neue Ware gebracht wird. Anders wird es niemals sein, denn das ist anscheinend ein ungeschriebenes Gesetz des Einzelhandels. An „vollen Tagen“ fühle ich mich nicht als Verkaufsmaus das mickrige und ausbeuterische sechs Euro die Stunde verdient, sondern viel eher als Zirkuspferd das immer lächelnd die schmerzenden Füße verdrängt und dabei pausenlos seine Runden dreht. „Runden drehen“ heißt im Verkaufsjargon mit einem wachsamen Blick durch die Regale gehen, Bügel richtig hängen, auf dem Boden liegende Kleidung ausheben, aufhängen, Müll aufsammeln, Kabinen aus- und aufräumen, Schuhe suchen, finden (oder verzweifeln), ordnen und einkartonieren und schlimmstenfalls Kunden zu beraten. Auf Fragen wie „steht mir das, ganz ehrlich?“ oder „sehe ich darin zu fett aus?“ bleibt einem als Verkaufsmaus entweder nur die harte Realität (denn ja, es sieht fett aus und steht ihnen ganz und gar nicht!), die harte Realität in zuckersüße Watte zu verpacken („unsere Größen fallen immer min. 2 Nummern kleiner aus. Versuchen sie es lieber mit einer Nummer größer.“), mit der harte Realität auf den eigenen Geschmack schieben („mir Persönlich gefällt es nicht, nein.“) oder dem Kunden einfach das Blaue vom Himmel zu erzählen („nein, sie sehen kein bisschen fett aus, im Gegenteil... steht ihnen ganz ausgezeichnet!“). Jeder dieser Entscheidungen zieht unkalkulierbare Resultate mit sich. Entweder nicken die Kundinnen dankbar (und kaufen schlussendlich natürlich doch die viel zu kleine Hose!), kriegen einen schrecklichen Wutanfall, sind beleidigt und eingeschnappt und fangen an, mich zu beschimpfen, oder aber, sie ignorieren meine Antwort ganz einfach und fragen stattdessen lieber eine andere Kundin nach ihrer  kompetenteren Meinung. Diese Art von Beratung ist also von Anfang an zum Scheitern verurteilt.

Eine andere und mindestens genauso nervige Sache im Einzelhandelkarusell ist die Nachfrage. „Haben Sie diese Schuhe noch in 38 da?“, „haben Sie auch Hosen mit Schlag“, „haben Sie vielleicht noch ein anders ähnliches Modell?“ „wie viel kostest das?“. Diese Art von Nachfragen führen, bei mir als Verkaufsmaus, erst einmal zu einem freundlichen „einen Moment bitte“-Standardsatz. Denn in 90% der Fälle habe auch ich, als Sechs-Euro Aushilfskraft, keine Ahnung und verschaffe mir mit dieser kurzen Antwort einen Überlegungszeitraum von genau einer Minute. Auch hier habe ich wieder drei Möglichkeiten. Erstens, ich frage (bei einer Kollegin) nach. Das funktioniert nur, wenn eine Kollegin da ist und natürlich wenn diese Kollegin zufälligerweise schlauer als ich sein sollte (was natürlich nur ganz selten der Fall ist!). Dann könnte es immer sein, dass ich dafür einem hämischen Blick ertragen muss, weil ich zuviel frage und zuwenig weiß (was meiner Meinung nach bei einem ständig wechselnden Sortiment quasi unmöglich ist, aber gut...). Die zweite Möglichkeit ist Nachforschen, was heißt, ich stelle den ganzen Landen auf den Kopf um eine Schlagjeans zu finden, ich suche stundenlang nach einem Preisetikett, durchwühle das Lager nach 38er Schuhen und komme niedergeschlagen und völlig fertig auf eine ebenso niedergeschlagene Kundin zurück, die all das auch eigenmächtig hätte tun können. Die einfachste Möglichkeit ist also mal wieder die mit dem blauen Himmel. Fragt mich jemand nach einer anderen Größe sage ich ganz kühn „nein tut mir Leid, da haben wir leider gar nichts mehr von“ (ja, auch die sprachliche Artikulation leidet unter dem Verkaufen!) – Fragt jemand nach einem Preis, denke ich mir den schönst möglichen aus. Natürlich ist diese Methode nicht immer ganz ungefährlich. Häufig entstehen peinliche Situationen („wie jetzt, 5 euro? Ich hab den Gürtel hier schon drei mal gekauft und er hat immer nur vier Euro gekostet!“ „ihre Kollegin hat mir aber gesagt, dass sie den Schuh noch ganz oft im Lager haben...“ und so weiter und so weiter) und dann rettet einen oft nur ein roter Kopf und ein „tut mir Leid ich bin nur die Aushilfe“-Geplänkel. Manchmal rettet einen natürlich auch das nicht mehr und dann brauch man als Verkaufsmaus einen echt knall harten Panzer.

Kommen wir also zum Klientel einer Verkaufsmaus in einem Verkaufsladen der vorwiegend frische chinesische Billigware importiert, einen nur sporadisch deutsch sprechenden Chinesen als Chef hat, der aber nie da ist und von Nichts als vier netten Verkaufsmäusen gehalten wird. Man könnte also wilde Vorurteile über ein Klientel aus Nutten, Zuhältern und Koksbräuten schüren. Aber dieses Vorurteil sehe ich nur zum Teil bestätigt. Denn zwar erschrecke ich als Verkaufsmäuschen immer wieder, wenn sich plötzlich eine Schlägerei zwischen den Kabinen anbahnt oder sich eine der Koksbräute mit ihrer Kleidung unterhält, aber ansonsten wird „unserer Laden“ so ziemlich von jeder Altersgruppe, Schicht und politische Orientierung besucht. Gucci-Taschen werden neben Ed-Hardy Shirts gehalten, Studenten mit „Atomkraft- nicht schon wieder“ Button lehnen lässig neben möglicherweise verwöhnten Gören mit Bootsschuhen und Longschamp Tässchen im Arm, während der FDP Freund ein unterhaltsames Schwätzchen mit seinem alten Schulkollegen hält, der inzwischen ein waschechter Antifa- Aktivist geworden ist. Riesige dünne Mädchen, denen die Größe 32 zu klein ist, fachsimplen mit übergewichtigen Wampenträgern über die aktuelle Mode oder über eine vergeigte Klausur. Alte Omis kommen mit ihrer Großfamilie und vier Generationen an, Single Mütter in Highheels rufen nach ihren wild gewordenen Kindern. Alles scheint möglich, alles scheint ein großer, bunter Haufen zu sein, mitten aus dem Leben gegriffen.

Mein Leben als Verkäufsmäuschen ist anstrengend und an „toten Tagen“ unglaublich langweilig. Dann verstecke ich mich einfach unterm Tresen und stelle mich ebenfalls tot. Manchmal wird man wegen zwölf Euro dermaßen angeschrien, dass man zwar gerne seinen Kopf in ein großes Aquarium stecken würde, aber stattdessen die Nummer der örtlichen Polizei ins Telefon tippen muss. Dann ist es eine echte Genugtuung wenn jemand unaufgesetzt freundlich ist, mit einem redet, einen nicht für ein dummes, billiges Verkaufsmäuschen hält und einem zum Schluss einen schönen Tag wünscht. Mehr nicht.   




______________________
Und die Moral von dieser (längst verdrängten) Lebensabschnittsphase: sei immer nett! Auch zu stinkenden, Chinaklamotten-tragendenden Verkaufsmäuschen auf zu hohen Schuhen!