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Montag, 13. Januar 2020

Beeing 30

Auch wenn ich dieses - also nein letztes - Jahr kaum Zeit hatte nur zwei Post zu verfassen (Ausrede!), nehme ich mir jetzt die Zeit für einen ordentlichen Jahres-Ab-Riss. Für wen (ich nehme an, außer meinen treusten Leser*innen - meinen Eltern - liest das hier niemand)? Natürlich hauptsächlich für mich und das Universium. Den hier bleibt alles und nichts geht verloren. Oder alles geht verloren und nichts bleibt? Ansichts-Sache. 
Immerhin sind es gerade (als ich den Post schreibe und dann vergesse zu posten...) die "Rauhnächte" (ja, schon wieder so ein Eso-Scheiß, bzw. Neo-Eso-Gehype!) und mir wurde nahegelegt, dass ich mich nun noch mehr mit Selbstreflektion als sowieso schon beschäftigen soll. Rauhnächte = Besinnung = Ego- statt Altruismus. Und dennoch ein schöner Ismus. Denn wo kämen wir ohne die hin?
2019 geht jedenfalls in meine Geschichte ein, als das erste Jahr in dem ich einen "richtigen Job" ausgeübt habe, tatsächlich kaum krank war und ich dreißig wurde. Whaaat?
Jep, nun bin ich also in einem neuen Zeitalter angekommen. In diesem konsumiert man jetzt nur noch Nerven- und Verbentee, plant den Erhalt der Menschheit und sucht im Netz nach dem perfekten Spot zum Niederlassen - oder Knien. Naja schaun wir mal!
Um es vorweg zu nehmen, ich und mein stählender Körper leben nicht in einem Tiny-Haus und backen - polnisch lernend - jeden Tag kuchen! Aber Hey; immerhin habe ich jetzt E-Antrieb (an meinem Klapp-Rad).

Viel zu strampeln (wenn auch mit E-Antrieb)!

Neben viel (neuer und intensiver) Arbeit voller Erfolgs- und Ohnmachtsmomenten, war 2019 auch ein Jahr der Wochenend-Ausflüge und 10000000 Stunden (ein Schätzwert) Zugfahren. Und wirklich voller Scheiß-Schreckensmomente. Und voller Ideen. Ich glaube ich war selten so manisch. Und depri. Also ziemlich bi-polar. Aber das wäre auch wieder völlig manisch. Also eher: normal neurotisch.
(Wobei normal ja auch ein schrecklich Wort ist.)
Kurzum: in diesem Jahr habe ich mich in einem permanenten Struggle zwischen Überforderung und innerem Wachstum gefühlt. Ich habe so viel gelernt und hatte so viele kleine Nervenzusammenbrüche. Auf Dauer also ziemlich anstrengend. Insbesondere weil mir ein Ausgleich dieses Spannungsverhältnis gefehlt hat. Das waren auch die Auswirkungen von 2019: fast alle meiner engen Freunde sind aus der Stadt verschwunden. Und im Grunde sind keine neuen dazu gekommen. Was ich also sonst mit langen Waldspaziergängen oder intensivem Kaffee-trinken mit Deep-Talk und einer guten Freundin ausgleiche, viel plötzlich (fast) weg. Was für mich auch ziemlich schockierend war; selbst kaum Zeit und Energie für Alltagsbegenungen zu haben. Umso schöner, dass ich die Zeit und das Geld (!) hatte, auf diversen Wochend-Ausflügen meine Lieblingsmenschen - in ganz Deutschand verteilt - zu besuchen.

 

10000 Ideen, ohne eine Konsequenz

Mein Kopf hat selten so viel und so schnell arbeiten müssen wie 2019 habe ich das Gefühl, aber vielleicht liegt es auch einfach an dem Fact, dass es langsam anfängt langsamer und angestrengter arbeitet. So viele großartige Ideen ich dieses Jahr hatte, so wenig habe ich davon tatsächlich umgesetzt. Klar, meine Spinnerein sind nicht immer sofort und oder überhaupt umsetzbar und dennoch macht es wenig Spaß, wenn alles immer (generalisiert, natürlich) nur Zukunftsmusik bleibt. Hier wird aber auch meine große Schwäche sichtbar; Ungeduld und meine ständige "I want it all and i want it now" Mentalität, die wirklich krass anstrengend sein kann.

bitte mehr: Flow!

Ganz dem Zeitgeist entsprechend wünsche ich mir für das kommende Jahr nicht nur, dass die Welt noch die Kurve kriegt und einige zur Besinnung kommen, sondern natürlich auch mehr achtsames und gewaltfreies dahin flow'en. 2019 gab es ein paar Momente des Flows, aber grundsätzlich waren diese eher rar. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mehr bei mir ankomme, anstatt irgendwas seien zu zu wollen, was ich nicht bin und mich weniger (aber natürlich immer noch) schere was die anderen denken. Ich wünsche mir deshalb dafür  Mut und Verständnis vom Universum und meinen Mitmenschen (haha, sind wir hier bei Wünsch dir was?). Damit meine ich auch: einfach mal Volle Kanne machen und gucken was passiert. Mehr "do things you love", denn "Selbstmanagement" als Ausgleichz zu Welt- und Wachstumsschmerz. Damit impliziere ich aber auch: es wird weiterhin herausfordernd (aber das war ja zu erwarten).

Am Ende bin ich so dankbar, dass ich so viel Zeit/Raum/Ressourcen für Selbstreflektion und Gelaber/ Geschreibe, für rumreisen und rumeiern, streunern und gärtnern, kochen und viel essen, disktutieren, lesen und lamentieren, für Yoga und Siebdruck und all den ganzen Scheiß habe. Dafür lohnt es sich der ganze Aufwand (das Leben) allemal. (amen.)



Samstag, 29. Dezember 2018

2018: let's sum it up!

Lights will guide you! Aber wohin bloß?
Ja, ich wollte schon immer mal einen Jahresrückblick schreiben! Also: here you go, Generalisierungen und Romantisierungen sind natürlich vorprogrammiert. (Die Untermalung mit Jahresendzeitstimmungsbildern ist natürlich relevant!)

Fangen wir an mit '2018 in einem Wort': voll. Voll gepackt mit Anstrengungen, Glücksmomenten, voller Zweifeln und voller Erfolg. Voll mit Krankheiten, voll mit Gesundheiten (Hatschiii). Wahnsinnig schönem Wetter und einem nicht enden wollendem Sommer. Einigen großartigen Reisen und ein paar Meilensteinen: einem Master und einem ("wirklich richtigen!") Job. Mein Vater freute sich jedenfalls "hast du es kurz vor 30 doch noch geschafft!". Ja, was soll ich sagen? Auf den letzten Metern Abgrund noch mal Vollgas gegeben (so wie man im Master Kulturwissenschaften eben 'Vollgas' geben kann). Dieser geistige, körperliche und psychische Rundum-Einsatz hatte zur Folge, dass 2018 im Gegensatz zu 2017 wirklich kein bisschen langweilig. Also immerhin!

'Meine Lieblingsorte 2018':
Die ersten Monate des neuen Jahres verbrachte ich hauptsächlich an einem Ort: der niegelnagel neuen Uni-Bib. Noch vor allen anderen vielen anderen Menschen konnte ich den schiffsartigen Koloss mit Modern-Art-Galerie Charakter stundenlang 'erforschen'. Ich fuhr nicht nur Bücher durch alle öffentlichen und geheimen Stockwerke und gab ihnen ein neues Zuhause, nein, ich wurde am Ende zum Bib-Vorzeige-Gesicht durch einen spontanen Dreh vom Hessischen Rundfunk. Mit einem Satz und ein paar seltsamen Moves wurde ich quasi über Nacht berühmt (haha). Naja, jedenfalls 5 Sekunden Fame oder so. 
Die andere Hälfte meiner Zeit saß ich an einem Platz im ersten Stock rechts vor dem Baum und schrieb. Über Menstruation. Meine Masterarbeit.
Meine anderen Lieblingsorte waren im nicht endenden Sommer der Lahnsteg und das Lahnwehr im Südviertels Marburgs, wo ich stundenlang rum lag und mir Gedanken über meine Zukunft machte, hin und wieder ins Wasser sprang und sogar einen leichten Teint bekam.
Den ganzen Sommer war ich ansonsten auch ein großer Fan unserer Wohnung. Flutlicht olé! Da uns dieses Fluchtlicht im Winter aber als Wärmequelle ausreichte, zogen wir etwas überstürzt aus dem Bunker in den AKW. Dort gibt es endlich Wärme im Winter (aber keinen Atomstorm!) und bald auch viel Platz. Erstmal haben wir uns aber im Downsizing erprobt und es uns auf 15 Quatratzimmer bequem gemacht. C und ich waren ausserdem zum ersten Mal beide gleichzeitig krank, die Virenanzahl verteilt auf die Quadratmeterzahl war also gigantisch. Ansonsten haben wir wieder ein bisschen wildromantisches WG-Feeling abbekommen und geniessen dazu die Stille mit Alpenfeeling. Alles traumhaft sollte man meinen.

Ebenfalls ein Hightlight 2018: die Sperrung der Erlenringbrücke in Marburg!
Albträume und Träume 2018: dieses Jahr hatte ich sowohl intensivere Alb- als auch normal-gute Träume, wenn ich das mal so im Kopf überschlage. Die meisten Ängste rührten und rühren vermutlich aus dem Feld der Arbeits- und Versagens-Angst, welche dieses Jahr vermutlich besonders stark ausgeprägt war. Nicht groß verwunderlich, weil es (gefühlt) so viel zu Versagen und Arbeiten gab. Vergleiche mit anderen Menschen haben die Sache noch nie verbessert, wurden aber immer wieder gerne von mir als Mittel der Qual genutzt. Besonders gut funktioniert das übrings wenn man irgendwelche alten Bekannten oder Klassenkameraden stalkt und sich dann eine perfekte Welt ausmalt. Nur so als kleiner Tipp. Auch schön scheisse fühlt man sich, wenn man Menschen trifft, die viel jünger, viel schöner und viel weiter gekommen sind als man selbst. Und davon gibt es bekanntlich zahlreiche, wenn man erstmal mit dem Suchen anfängt. Trotz meiner ausgeprägten Selbstzweifel habe ich ziemlich schnell einen Job gefunden, was nicht heisst das sich die Zweifel damit erledigt hätten. Im Gegenteil: manchmal fühle ich mich so hilflos und klein wie nie zu vor. Und das mit fast 30. Komisch, wenn ich dann an mein jugendliches Ich denke, das dachte 'mit 30 hast du deinen Shit auf jeden Fall zusammen, trägst jeden Tag Highheels und bist auf jeden Fall reich' (oh man!). Ein vielzitiertes Zitat das ich dieses Jahr wieder ausgepackt habe und an dieser Stelle gut passt "nobody said it would be easy, no one ever said it would be this hard" (opa coldplay).
Einen Traum den ich mir (ungeachtet das es ein Traum sein könnte) erfüllt habe, war meine Wanderschaft zwischen Master und Job, meine selbstkreeiertes Übergangsritual. 260 km durch Portugal und Spanien, zu Fuß. Definitiv ein Highlight, auch weil ich noch nie so wenig über den Sinn des oder meines Lebens nachgedacht habe: erfrischend.
Dass ich meine Masterarbeit über Menstruation geforscht und geschrieben habe, war ebenfalls kein Traum von mir, hat aber am Ende ganz gut funktioniert. Der Körper und Gender Themen-Komplex hat mich also noch nicht losgelassen und fängt immer wieder ein bisschen Feuer.
triste Komposition mit Hoffnungsschimmer
Mein neuer Job hat (interesanterweise?) mit alldem wenig zu tun. Er strengt mich an und fordert mich auf ungeahnte weise. Bürokratie trifft Netzwerk und zeugt zusammen ein Projekt. Das mit einigen Ambivalenzen und schwierigen Bedingungen inflitriert ist. Aber ich versuche mich im Glauben, dass alles irgendwie seinen Platz findet und übe mich auf dem Weg darin, weniger Vollgas zu geben und kleine Etappensiege zu feiern. 

Reisen 2018: holländisches Silvester, mallorquinischer Frühling, Krakow im Juni und Schweden im August, den Abschluss machte der portugisischer Jakobsweg im September/ Oktober und ein paar Tage Auszeit im Renterort zwischen den Jahren. Das Jahr war voller schöner, intensiver und überraschender Reisen. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass ich irgendwann mal wieder mit meinen Eltern verreise. Und das es erstaunlich entspannt werden sollte. Und so kalt! Krakow hat mir wieder Lust auf Reisen und sich treiben lassen gemacht und Schweden gezeigt, dass ich doch die südlichen Gefilde und Meer bevorzuge. Aber das ist ja auch okay.

(Non-) Entdeckungen und Erkenntnisse 2018: Ich habe Jonglieren gelernt! Diesen Erfolg hätte ich fast vergessen zu erwähnen. Einen schönen Köpper habe ich leider nicht geschafft. Mit Haarseife bin ich auch nicht warm geworden. Dafür hatte ich ein paar andere Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Welt nicht von meiner Arbeit abhängt oder untergeht (die Bib allerdings schon. Ich sage nur Jahrhundertflut!). Auch, dass Pendeln eine Herrausforderung darstellt, besonders wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder angewiesen ist. Dazu die Schlagwörter: Virenschleuder, Hustkonzert und Oberleitungsstörung (natürlich!). Mit einem E-Bike unter dem Arsch sähe die Sache vielleicht etwas bequemer, allerdings nicht viel weniger nervig aus.

Weniger Müll wäre schön!
2018 begann mit Regenwetter in Holland und einem gerade erholten Grippekörper und endet mit einem (hoffentlich bis dahin) erholten Grippekörper bei Regenwetter (recht wahrscheinlich!) in der Eifel. Also irgendwie doch rund.

Meine Pläne für kommendes Jahr: endlich doch noch einen gestählten Körper mit einprogrammierter Viren-Abwehr bekommen, äh kaufen? Keine Ahnung, jedenfalls stählern! Vielleicht doch mal mehr schreiben? Vielleicht doch entspannter werden? Die typisch idiotischen Vorsätze also. Ansonsten habe ich noch andere absurde Wünsche zum Beispiel polnisch lernen oder endlich mal einen leckeren Kuchen backen. Oder natürlich besagtes E-Bike, als Möglichkeit mal mit so richtig PS Gaß zu geben (haha). Und wenn es nur für den AKW-Hügel gut sein wird! Als Altervorsorge und PlanXY steht auch immer noch ein Traum-Tiny-House auf meiner Wunschliste. Natürlich mit integrierter Regendusche und rießen Badewanne!
Natürlich wünsche ich mir immer noch eine bessere Welt, weniger Krieg und mehr Verständnis für alle! Aber ich bin auch dankbar, für das, was ich habe und das, was ich seien kann. Jedenfalls versuche ich das (auch wenn es mir nicht immer geklingt). Danke an alle Menschen, die täglich dazu beitragen, dass die Welt in der ich lebe so herzlich und bunt ist! 

Dienstag, 25. September 2018

How to create yourself a Übergangsritual?

Sinnbild, passend zum Thema (ebenfalls Portugal).

Um von einer Phase in eine andere zu gelangen braucht muss man meist nur weiter zu laufen. So lange bis man automatisch da angekommen ist, wo das nächste Abenteuer beginnt. Meist erwartet einen dann auch kein Startschild, kein Warnsignal oder keine besonders rührige Rede, sondern ein Wald voller neuer, wirrer Wege und Herrausforderungen. Manchmal ändert sich nichts, außer die Morgenroutine (gezwungenermaßen) oder ein neuer Titel, mit dem man glänzen kann (Master of Desaster?). Manchmal ändert sich nichts und trotzdem die Gewohnheiten, die Orte an denen man sich ab sofort aufhält, die Dinge, die man ab sofort anfängt. Manchmal ändert sich alles ohne dass ein Übergang überhaupt stattgefunden hat.  
Konkreter beschrieben: gefühlt ändert sich einiges (ein Job mit neuen Strukturen, Aufgaben und Inhalten), während ich bleibe wer ich bin (vielleicht). Natürlich blinken da Warnsignale innerlich und ab und zu auf (schaffe ich das? kann ich das? will ich das? bin ich das?). Panik und Vorfreude überwiegen gleichermaßen. Aus diesem fluiden Zustand heraus bietet es sich an etwas zu machen und einen methaphorischen Übergang praktisch zu durchlaufen (dachte ich mir). Vor allem wenn man (also ich) noch zweieinhalb freie Woche vor dem neuen Arbeitsleben hat! Als metaphorisch-aufgeladenen Weg habe ich mir den portugiesischen Jakobsweg (von Porto bis Santiago) ausgesucht, denn was eignet sich besser für einen Übergangsritual, als ein sowieso schon spirituell-kapitalistisch ausgebeuteter Weg? Eben! 

Ebenso gespannt wie auf die Kilometer, Herbergen, Landschaften und Erkenntnisse, bin ich natürlich auf die Korrektur (oder Bestätigung?) all meiner schönen Vorurteile und Ängste, der Weg könne zu voll (keine Betten oder nur Schnarcher-Herbergen), zu laut (nie habe ich meine Ruhe), zu dogmatisch (alle ohne Kreuz am Hals und genügend Stempel im Stempelheft werden verachtet) und viel zu lang (ich gebe nach 10km auf und miete mich in einer Strandbar ein) sein (mal kurz zusammengefasst). 
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dieses Abenteuer könnte genau das sein, was ich jetzt brauche: Bewegung, Zeit für mich, viel Meer und ja auch ein gut organisiertes Wandernetzwerk (bezahlbare Unterkünfte, gutes Essen und ausgeschilderte Wege). 
Eigentlich wollte ich bereits vor einigen Jahren den Küstenwanderweg in Spanien beschreiten, hatte mir schon ein ganzes Equipement an Wanderausrüstung angeschafft und bin am Ende dann doch zuhause geblieben (weil ich zu wenig Zeit, einen Umzug zu organisieren und wahrscheinlich doch etwas Schiss hatte). Laut meiner Recherche hat der portugiesischen Jakobsweg dem Küstenwanderweg gegenüber den Vorteil, dass er etwas einfacher (wenig bis keine Steigung), noch besser ausgebaut und zudem innerhalb von zwei Wochen laufbar ist. Deshalb habe ich mich spontan für diese Variante entschieden und zwei Flüge (nach Porto und von Santiago de Compostela zurück) gebucht. 

Und nun ist es schon so weit: mein Rucksack wiegt genau 7,5kg, ich habe den Personalguide zumindest überflogen (die Packliste etwas genauer angeschaut) und mir sogar zwei Muscheln als Wegbegleiter präpariert (eine für den Rucksack, eine für das Wanderdekollté, herje!). Meine Wanderoutfits sind alle Atmungaktiv, leicht trocknend und farbenfroh und Stift und Kladde für die Dokumentation von sämtlichen Geisterbegegnungen habe ich natürlich auch dabei. Kann nichts mehr schiefgehen. Also: let's fucking walk!
 
So - oder so ähnlich romantisch - soll das dann aussehen!



Donnerstag, 15. Juni 2017

Zur allgemeinen (Wohnungs-)Lage:

Nein, ich korrigiere: Plage. 
Die allgemein hingenommen und gleichzeitig allgemein verabscheut wird. Und meine persönliche (höchst dramatische!) Story dazu. 

Ich stehe in einem Kellerloch, das nach Kellerloch riecht und frage, wie es denn so mit Schimmel sei. Kein Problem, bekomme ich als Antwort. So lange man nur alle Möbel einen halben Meter von der Wand abrücken würde. Ich betrachte argwöhnisch den Raum und stelle fest: alle Möbel befinden sich eigentlich in der Mitte des Zimmers. So lange man nur genug heizen und genug lüften würde. Man gewöhnt sich ja immer schnell an Alles, sage ich nüchtern und betrachte den Schlauch an Wohnung. Immerhin gibt es eine Küche, immerhin passt ins Schlafzimmer ein Bett. Immerhin. Alles keine Selbstverständlichkeit, alles schon gesehen. Ich erzähle dem im Grunde recht netten Typ von der Wohnung mit Schlafzimmer, in der kein Bett der Welt gepasst hat. Wir schimpfen eine Weile über die allgemeine Wohnungsplage. Dann verabschiede ich mich und trete – durch eine doppelte Pressspantür - aus dem Kellerloch in den tatsächlichen Fahrradkeller. Ich stolpere die Treppe hoch und atme erst einmal durch.

Nach fünf Wohnungsbesichtigungen fühle ich mich als bräuchte ich erst einmal eine Woche Spa-Urlaub und Asthmaspray. Bisher hatte ich wohl einfach immer ziemliches Glück gehabt und schnell ein WG-Zimmer gefunden. Klar, ich bezahle gerade auch nicht gerade wenig für meine schicken zwei Zimmer in meiner 150qm Altbau-WG. Klar, ich bin verwöhnt, in jeder Hinsicht. Und dennoch sehe ich nicht ein, in eine Zweizimmer-Schimmelbude zu ziehen! Und das für 700€ Warm.

Wohnungsbesichtigung Nummer neun, ich bin fünf Minuten zu früh, die Wohnung ist wieder Paterre. Ein ganz schlechtes Omen. Das „zweite Zimmer“ welches ich soeben betreten habe, ist in Wirklichkeit eine kleine dunkle Küche. Kann man ja so oder so verstehen, gibt der Vermieter mir ein wenig kleinlaut zu verstehen. Im anderen Zimmer gibt es nicht mal ein Fenster. Kein Keller, kein Balkon, kein Garten, kein Bad mit Fenster. Ich sage freundlich, dass ich mich besprechen und dann wieder melden werde. Ich schätze jedoch mein leicht säuerliches Gesicht hat bereits allen Beteiligten klar gemacht, dass ich lieber zu meinen Eltern in den Garten ziehe, als in diese fensterlose Miniaturbude. Dennoch lasse ich mich breit schlagen, mir auch noch nen Ort für die Waschmaschinen zu zeigen. Eigentlich das Beste an der ganzen Wohnung! Denn so sehe ich wenigstens noch nen wahrscheinlich mehrere Jahrhundert alten Gewölbekeller. Interessant ist es schon, murmele ich, während der Vermieter mich leicht ungläubig an sieht.

Nach zehn Wohnungsbesichtungen bin ich nur noch frustriert. Bisher haben wir nur zwei Wohnungen überhaupt zugesagt und warten seit dem im Hold-Modus auf Resonanz der Vermieter. Insgeheim haben wir beide Wohnungen schon komplett eingerichtet, wieder ausgeräumt und umgestaltet. Theoretisch habe ich bereits den jeweils passenden Tisch bei Ebay Kleinanzeigen gekauft, praktisch habe ich jede Nacht von der Plage geträumt. Inzwischen halte ich alles für verhextes Schicksal und entweder für ein großes, sehr ungerechtes Unglück, für eine Bestrafung oder für schlechtes Karma. Natürlich ist das völlig überzogen und angesichts der Weltlage völlig unangebracht, aber so ist es nun mal. Ich verzweifle aus folgenden Gründen: der Tatsache, dass ich andauernd mit meiner Zukunft und den dazugehörigen sehr realen Ängsten konfrontiert bin. Dass ich andauernd beweisen muss, warum ich die Richtige für diese bescheuerte Wohnung sein soll. Was die „richtige“ Wohnung für mich ist. Wie ich mich präsentieren muss, um die „richtige“ Wohnung zu bekommen. Wann ich was wie weglassen und was ich wie wann erwähnen sollte. Was für Rechte und welche Pflichten ich habe wenn ich einziehen darf. Die ganze Abhängigkeitsscheisse eben. Wie viele Kompromisse ertragbar und wie viel Raum nötig ist. Wie viel Platz ausreicht. Dazu kommt, dass nicht nur ich entscheide, sondern wir. Wir sind ganz neu in diesem Metier. Aber, wir sind ja stark. Donnerstag um halb neun flattert dann ein Mietvertrag rein.  Einfach so, zack, hängt er als Attachment in der Mail. Ganz ohne Vorwarnung, ganz ohne Schnickschnack. Im Kopf waren wir längst wieder raus, wo anders, in Gedanken, bei Alternativen und im ständigen Such-Rausch.Nach zerissenen Gefühlen, ambivalenzen Tendenzen, einer Pro- und Kontra-Liste (ich hätte Niemals gedacht wie spießig ich geworden bin) und ein paar Pseudobesichtigungen haben wir zugesagt. Ohne das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, aber mit dem Gefühl, keine Energie mehr für die Suche nach dem "Richtigen“ aufbringen zu können. Uns dem Wohnungsmarkt zu opfern, wie alle anderen auch. Im Rahmen der Möglichkeiten und so, dass unsere Ansprüche einer zentralen Wohnung erfüllt sind. Wenn also alles gut geht, haben wir also bald eine kleine gemeinsame Wohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Balkon. Genauso wie AnnenMayKantereit und ich es mir gewünscht hatten. Nur eben kein Altbau, nur eben Plattenbau. Grau und hässlich- jedenfalls von Außen betrachtet. Wir werden es liebevoll ‚die graue Platte’ nennen. Und wie gesagt, man gewöhnt sich ja an alles sehr schnell.
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Happy End der Story und (fast so) grün: unser 5qm2 Balkonien!
Eigentlich wollte ich den Eintrag längst posten, hab es aber vergessen, verdrängt oder mich vielleicht nicht getraut. Drei Monate später kann ich sagen: Die graue Platte (die ich nie mehr als solche - sondern höchstens als Bettonklotz oder Bunker - bezeichne) und ich sind gute Freunde geworden. Um uns herum ist inzwischen ein tropischer Regenwald gewachsen, auf dem Balkon luken die Tomaten inzwischen über die Ballustrade und Fangen (im Kreis!) kann man auch ganz wunderbar spielen.

Montag, 27. Februar 2017

Don't mess with me or my Jutebeutel!


Du spürst diese unbeschreibbare Wut im Bauch, von der du bisher nur vom Hörensagen gehört hattest. Du schüttelst zwar immer wieder deinen Körper, so als könntest du die Plage noch von dir weisen, aber du bist eben kein verfickter Neoprenanzug. Du bist auch kein Roboter oder eine grummelige Katze, die mal eben abhaut wenn ihr alles zuviel wird und erst dann wieder auftaucht wenn sie hungrig ist. Dein Bauch knurrt bereits und du bist auch nur jemand, der an der Ampel steht und angestarrt wird. Die Wut kriecht dir am Kinn hoch, direkt in deine Stirnfalten hinein. Sie hat keinen Namen, kein Gesicht, sie taucht auf wie ein kleiner Orkan und kribbelt ein wenig im linken Knie. Neben dir lehnt eine Frau auf einem schwarzen Fahrrad und verzieht das Gesicht. Was ist los? Denkst du. Du bist auf Krawall gebürstet. Du denkst, heute ist der Tag, an dem dir Mayonnaise auf der Nasenspitze hängt und niemand dir davon auch nur ein Sterbenswörtchen berichten wird. Du denkst, heute wirst du für deine bloße Existenz angemacht. Entscheidungen werden sich zu Fehlschlägen entwickeln, die dir noch dein ganzes Leben nachhängen werden. Der wild gewordene Orkan wirbelt dir durchs Haar und lässt dich – wie ganz aus versehen – eine Haarsträhnen inhalieren, so dass du denkst, du könntest ersticken. Du hustet kurz. Die Frau starrt dich weiter an. Was zum Teufel ist los? Du drehst dich etwas weg, nur um dich umso schneller wieder umzudrehen und diese Erscheinung ebenfalls abfällig zu mustern. Sie sieht weder alkoholisiert, noch verwahrlost, noch irgendwie besonders aus, außer vielleicht, dass sie eine übertrieben sportlich wirkende Sonnenbrille -bei fast bis gar keiner Sonneneinstrahlung- trägt. Sie schaut genauso herablassend wie du sie kennen gelernt hast und murmelt kaum hörbar und doch deutlich „Ich glaube nicht, dass DU weißt, was Surrealismus bedeutet“. WAS IST LOS? Du schnappst hörbar –viel zu laut- nach Luft. Presst deinen neu erstandenen Surrealism-Dali-Beutel wie ein Schutzschild vor allem Bösen an deinen Körper und hältst ihn ganz fest. Das Ding hatte 5,99€ gekostet. Dali ist dort -ein bisschen verfremdet -und mit einem überdimensionalen Phallussymbol als Nase ausgestattet abgebildet. Jedenfalls hatte dein Prof. dich direkt daraufhin gewiesen. Er hatte dich deshalb extra wieder in die Bar zurück zitiert. Schon damals beschlich dich das ungute Gefühl, hier wolle dir jemand deinen Beutel schlecht machen, aber du hattest dich, nach einem kurzen Moment der Empörung, wieder besonnen. Jeder Mensch brauch mal einen Jutebeutel, hattest du dir gesagt. Und noch einen und noch einen. Still und heimlich und nach mehrmaligen herum schleichen hattest du dich im Reina Sofia dafür entschieden. Du magst ja auch manche Dali-Werke und Surrealismus ist immerhin kein Fremdwort für dich, hattest du dir eingeredet. Auch wenn du kurz überlegt hattest lieber den Picasso oder Frida Kahlo Beutel zu nehmen. Oder alle. Aber dann fandest du die Dali-Darstellung irgendwie am Lustigsten. Und jetzt blätterte die ganze Fassade! Wildfremde Menschen beleidigten dich an Ampeln, hielten dich für unkultiviert, dumm und unüberlegt. Du bist zu einer Salzsäule erstarrt und der Orkan tobt einmal durch deine Eingeweide, während die Frau um die Fünfzig dir eine dämliche Grimasse hinhält, die vermutlich so etwas wie „Ätsch“ ausdrücken soll. Vielleicht kommt sie gerade vom Fasching, hoffst du. Oder es liegt an deiner Spange im Haar und weil du aussiehst wie zwölf. Dein Auge zuckt nervös, aber du bist unfähig etwas zu sagen. Du kannst es nicht fassen, aber die Dame im Radio hatte es bereits heute morgen angekündigt. „Skorpion: Überlegen sie gut ob sie heute vor die Tür gehen und wenn, machen sie sich auf Einiges gefasst.“ Hatte sie völlig lustlos nach der Waage getönt und du hattest nur mit den Augen gerollt. 



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Post-Exkursions-Traumata haben es in sich.

Mittwoch, 12. August 2015

Schön bunt und fröhlich vor sich hin konsumieren




Wir fahren 1,5 Stunden mit dem Zug und dann noch mal fast 5 Stunden mit dem Auto, bis wir dann kurz vor dem Ziel - direkt vor dem Eingang ins viel umwobene Wunderland – zum Stehen kommen. Wir stehen ganze 4 Stunden bis wir im Nieselregen endlich unser Zelt aufbauen können. Eine der vielen Druffi-Bühnen beschallt vor allem unser Zelt stelle ich mit nüchternem Blick fest, so dass wir, wenn wir uns hinlegen, fast ein bisschen von alleine tänzeln. Aber das macht nichts, denn ich hatte ja beschlossen, mich von nun an einfach drauf einzulassen und mit dem Rumpampen endlich aufzuhören. Ich hatte mich gut vorbereitet und ein paar Stunden vor Abfahrt sogar noch einmal ein paar Einpack-Listen gelesen. Ich hatte sogar ein Erste-Hilfe-Set besorgt! Darüber machen wir jetzt natürliche alle paar Minuten Scherze. Jeder würde Scherze machen, wenn er sechs Stunden in einem Auto voller fünf Menschen und voller fünf Festivalmonturen gequetscht wäre. Da macht man nur noch Scherze und versucht damit seine Gliedmaßen bei Laune zu halten! 

Alleine während der vierstündigen Wartezeit auf dem Rollfeld hat sich mein komplettes Kippenkonsum des bisherigen Jahres verzehnfacht, unseren halben Proviant für die kommenden 3 Tage aufgefressen und alle fünf Minuten nach einer Umarmung gebettelt. Aber macht nichts, denn meine liebevoll bemalt und verzierten Fingernägel machen sich in der verwirrenden bunten Welt besonders gut und auch meine Leo-Gummistiefel scheinen genau die richtige Wahl gewesen zu sein. Auch die ersten Dixi-Erlebnisse gestalten sich weitaus weniger traumatisch als angenommen, es gibt sogar Klopapier! Und meine Augenringe und Fetthaare sind schon allein deshalb weniger schockierend, weil es fast nirgendwo Spiegel gibt. Als ich dann am nächsten Morgen im stinkenden Zelt aufwache, ist es mir tatsächlich fast egal, dass der übrig gebliebene Restproviant als Frühstück einfach nur ekelhaft schmeckt. Bis ich dann merke, dass „alle anderen“ die feinsten Bioprodukte auspacken und ich für allein für Müsli einen schiefen Blick beim Einkauf geerntet hatte, während Mann weiter Würste in den Einkaufswagen legte. Aber egal, denn das gibt ja vielleicht ein paar Extra-Umarmungen und Mitleidsküsse. Um vier Uhr mittags laufe ich statt geküsst „mutterseelenallein“ und ohne jegliche Form von Mitleid über das Gelände, dass am Tag tatsächlich viel weniger romantisch und viel mülliger aussieht als nachts. Ich laufe planlos aber immer gegen die Masse an, was ich im Hinblick auf die Massenwanderungen Richtung Mini-See für wirklich mutig halte. Heute war ich schon gefühlte 10 Mal auf irgendwelchen „Toiletten“, für die ich locker den halben Tag anstehen musste. Und dann nicht mal scheißen konnte! Als ich irgendwann müde und voller Kloimpressionen an meinem Zelt ankomme, ist mein Zelt abschlossen. Weil wir ja sicher sein wollten. Also lege ich mich elegant in zwei der luxeriösen Campingstühle und stelle mich tot bis ein Dealer vorbei schneit und mir LSD, MDMA und Grass verkaufen will. Während mein Zeltnachbar aus seinem Zelt kommt und eine Ladung Pillen kauft, schüttele ich meinen blonden Fett-Kopf zufrieden in der Abendsonne. Als irgendwann wieder alle unter unserem Pavillon versammelt sind, es ein paar Bindfäden regnet und wir über die nächsten hunderttausend Acts sprechen die anstehen, fühlt es sich ein bisschen so an, als wäre die von den Veranstaltern beabsichtigte Parallelwelt geglückt. So als wären wir alle ein glückselig vor sich hinkonsumierendes Volk, dass niemals jemanden Schaden zufügen wird. Trotzdem liegt überall Müll. Trotzdem stinkt die Scheiße von uns in den Dixiklos Kilometer weit. Aber das macht nichts, denn wir haben uns. Und den Alkohol. Und die Zigaretten und ein bisschen Gras. Was braucht es mehr? 

Um kurz vor zwölf stehe ich vor einem Act dessen Name ich schon wieder vergessen habe in der bunten glitzernden Menge und verziehe schmerzerfüllt mein Gesicht. Mein Rücken tut so weh, dass ich weder stehen noch gehen kann, aber Liegen in dieser Masse irgendwie auch wegfällt. Ich leide so lange still vor mich hin, bis mir irgendwann Tränen über die Wangen fließen und ich gequält ins Zelt schleiche. Vorher mache ich noch einen Abstecher auf dem „WC-Royal“ - auf dem es Kloschüssel, Waschbecken und Spiegel gibt – und betrachte mein 25. Jähriges Ich. Es sieht Scheiße aus und kommt kaum mehr von der Kloschlüssel hoch. 

Am nächsten Morgen wache ich vor lauter Tief-Schlaf-Phasen motiviert auf und denke: „Macht nichts, ich habe ja noch Magnesium-Vitamin-C-Vitamin-B-Tabletten“. Außerdem ist heute endlich unser Proviant alle und wir können unser Geld endlich in richtiges Essen investieren. Also konsumieren wir alles war nicht teurer als 5 Euro, vegan und super fröhlich ist. Mein Bauch wächst dabei kontinuierlich und parallel zu den WC- und Dixi-Klo-Schlangen. Die Versöhnung dieser Schlange-steh-Kultur finde ich der Gemeinschaft unterm Pavillon, dem Bindfäden nichts abkönnen und unter dem sowohl Äppler, als auch Rum viel besser schmecken. Die Laune ist solange ekstatisch bis plötzlich alle Kippen alle sind! Und der Tabak! Und nirgendwo kann man neues kaufen! Als dann noch alle wo anders hin wollen scheint die Gruppendynamik Eskalation-gefährdet. Aber macht nichts, denn ich befinde mich in einem Zustand heiterer bis unnatürlicher Gelassenheit und tanze mit allem mit. Um Punkt 3 ist dieser Zauber, so plötzlich er gekommen war, wieder vorbei. Verwirrt schlurfe ich über das Gelände und frage mich nach dem Sinn des Massenphänomens, das speziell sein will. Das anders sein will, alternativ und glitzernd, aber trotzdem die Masse tanzen lässt. Tag und Nacht. Die Sehnsucht nach einer bunten, fröhlichen Welt, bei der trotzdem an Flüchtlinge, Umwelt und Unterdrückte gedacht werden soll, erscheint mir zunehmend absurder. Die Schilder an den Zelten, auf denen nach Drogen gebettelt werden, zeigen viel eher ein Bild, dass sich nicht gerade nach Realitätssinn sehnt. Aber macht ja nichts! 

Als am letzten Morgen Menschen Müll suchend durch die Gegend schleichen und ich genervt das Zelt abbaue, weil ich Zelte insgeheim schon immer gehasst habe und die Sonne auf unsere quadratischen Köpfe prallt, freue ich mich verstohlen auf mein Bett. Bis zu diesem spießig aber wohligen Zustand werden noch Stunden vergehen. Wir stehen in der prallen Sonne und zur Aufheiterung macht Mann mit mir Rätselspiele. Ich fühle mich wie zehn. Bis nach Potsdam brauchen wir drei Stunden. Als wir in der vermeintlichen Zivilisation – an der nächsten Raststätte – ankommen, ist die Klo-Schlange schon wieder Kilometer lang. FestivallantInnen und RenterInnen drängeln, fluchen und machen sich gegenseitig für das Dilemma verantwortlich. Wir fressen alles was über 5 Euro kostet und ungesund aussieht, während die Männer  immer noch an die Zäune pissen. Als wir trotzdem noch völlig ausgehungert und Ideal-verratend bei Mc Donald halten und 30 Minuten auf unseren Fraß warten müssen, fließt mir ein wenig der Zusammenreiß-Schweiß von der Stirn. „Ich wollte mich ja darauf einlassen, aber jetzt will ich es nicht mehr.“ pampe ich, meinen Burger fressend rum. Niemand registriert das, alle essen schweigend weiter. „macht ja nichts“ murmele ich vor mich hin, während mir plötzlich liebevoll über meinen 4-Tage nicht gewaschenen Kopf gestrichen wird "wir sind ja bald zuhause." Ich fühle mich wie zehn und verhalte mich auch so. Zaghaft zuversichtlich schaue ich auf meine bunten Fingernägeln, die immer noch fröhlich im Abendlicht glitzern. Sie haben nichts abbekommen.

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Festival-Verarbeitungsmaßnahmen als Blog-Aktivierung und rasante Berg- und Talfahrt und viel BLA-BLA-BLA. 

Dienstag, 23. September 2014

Die Busdamen

Die Fahrt auf dem Damm, aus der Stadt zurück ins Nirgendwo ist ein lustiges Schauspiel, das ich tendenziell zwar mitbekomme, aber meistens zu müde bin. Ich sitze dort, gähnend wie immer, am selben Platz. Dem vorletztem Platz  vor der hinteren Tür, links. Gerade habe ich ein Franzbrötchen verschlungen und meinen lauwarmen Kaffee nach ein paar hektischen Zügen und uneleganten Bewegungen aufs Busgleis geworfen. Die braune Soße zieht dort nun ihre Kreise, während wir schwankend durch die Stadt brausen. An meinem Mundwinkel hängt noch ein kleiner Kaffe-Zimt-Rest, ich spreche mein morgendlichen „oh Gott ich bin soo müde“ Mantra. Nach ein paar Schritten im Halbschlaf, fange ich damit spätestens in der Dusche an. „ich bin soo müde, ich bin so müde, oh Gott, so müde bin ich.“ Dabei schaue ich besonders mitleidig und denke mein Mantra in einem besonders flehend-leidigen Ton. Es ist nicht so, dass ich denken würde es gäbe einen Gott, der mir darauf eine adäquate Antwort geben könnte. Es ist auch nicht so, dass das Mantra überhaupt eine Frage enthielte. Aber ich höre erst wieder damit auf, wenn ich mit einem lebendigen Menschen sprechen muss. Eine Vielzahl lebendiger Menschen steigt bereits an der nächsten Haltestelle ein. Die Vielzahl ist weiblich und alt. Da ich keine alten Menschen kenne, begutachte ich sie aus distanzierter Entfernung und komme zu keiner Antwort. Nicht dass ich eine Frage gestellt hätte. Die alten Damen sind wirklich sehr alt, sehen dafür aber vergleichweise jung aus. Nicht, dass ich Vergleiche hätte und tatsächlich wüsste, wie alt die fröhlichen Weiber wären, aber so lautet jedenfalls meine Ferndiagnose. Also ziehe ich meine rot leuchtenden Kopfhörer ab und lausche gespannt. Hinter mir haben zwei dieser Sorte Platz genommen und fangen ein freundliches Gespräch über ihre Enkelkinder an. Da diese bereits studieren, begünstigt dies meine Theorie, dass sie älter als 50 sind und halte meine erste Hypothese dieses müden Morgens für bestätigt. Ich lächle zufrieden und nicke den Damen im Vierer vor mir ermunternd zu. Sie nehmen keinerlei Notiz und unterhalten sich über ihrer toten Ehemänner und das Viertel, durch das wir gerade fahren. Dieses dem Hören-Sagen nach scheinbar sehr asoziales Viertel bietet sowieso viel Unterhaltungsstoff, so scheint es. Immer wieder ruft die Invasion entzückt irgendwas wie „ach oder lass uns einfach dort essen!“. Dann zeigen sie auf die Dönerbude und lachen. Entzückend. „immer dieses Fast Food...“ beginnt daraufhin die Dame hinter mir. „Fast Food“ dehnt sie dabei so lang, wie man diese zwei Wörter nur dehnen kann. Es hört sich an, als hätte sie von diesem seltsamen Herrn Fast Food erst kürzlich in einer Reportage bei „Mona Lisa“ gesehen. Mona Lisa ist das einzige, was ich mit alten Menschen verbinde, da ich genau zwei alte Menschen kennen, die genau dieses Magazin schauen. „immer diese Hektik“ schnaufen sie leidvoll. Jetzt hört sie sich an, als würde sie mich morgens unter der Dusche beim Hass-Mantras sprechen nachahmen. „ich kann dass sowieso nicht verstehen, diese jungen Frauen, die immer mit so einem Cappucino im Pappbecher herum rennen müssen“ sie schüttelt mit dem Kopf „dass man da nicht stolpert oder hinfällt und sowieso, diese Pappe schmeckt doch ekelhaft“. Sie sieht eine Schnute, ihre Sitznachbarin fängt an eine Episode ihrer letzten Stütze aufzuzählen und ich werde rot. Ich fühle mich – zusammen mit meiner Kaffee-Lache – ertappt, drehe ich mich um und sage demonstrativ „und ich verstehe keine alten Damen wie sie“. Ich zeige mit dem nackten Finger auf die angezogenen Damen, die aber anscheinend nicht nur schlecht hören, sondern auch nichts sehen, ihre angeregte Unterhaltung fortsetzen und ich keinerlei Aufsehen errege. Schade. Wir kommen an einem Altersheim vorbei und die Weiber fangen schon wieder mit ihren Scherzen an, die ich nicht verstehe. Der Konsens ist: es sieht schick aus, es ist am Deich und ein Lidl ist direkt daneben. Ob in der Stimme der Alten ein ironischer Unterton liegt, kann ich nicht mit letzter Bestimmtheit sagen. Ich sehe mir die Frauen genauer an und frage mich, was sie in ihrem Leben gemacht haben, dass sie jetzt heute hier mit mir eine Stunde auf dem Deich herumfahren und dabei auch noch so quietschfidel sind. Ich frage mich ob sie auch mal jung waren, in einem Bus saßen mit alten Damen saßen und sich fragten, was für ein Leben sie hatten. Wie immer komme ich zu dieser Uhrzeit – inzwischen halb elf immerhin – zu keiner richtigen Antwort. Wie immer schweife ich völlig ab und male mir aus, dass die alten Damen sich vielleicht gerade in diesem Moment Gedanken über das junge Mädchen machen, dass sie da schon eine ganze Weile so seltsam beäugelt. Denken die etwa ich sei noch minderjährig? Ich begutachte in meine Falten im Iphone Apfel und schaue besorgt aus dem Fenster. Unmöglich. Außer Deich nicht viel zu sehen. Ich stelle mir vor, was sie mir für ein Leben auf den Maß schneidern würden und ob sie dabei etwas von den Hass-Mantras ahnen. Ich komme zu keiner Antwort. In ihren faltigen Gesichtern lese ich nur Fragezeichen. Inzwischen weiß ich aber, dass sie zum Schwinggolf auf den Deich fahren und früher einmal hier draußen wohnten. Hinzu fantasiere ich, dass sie alle einmal in der selben Dorfklasse saßen und Hüpfseil in der Pause spielten. Natürlich alle waren in den einen Kerl verliebt, der heute unserer Busfahrer ist. Deshalb auch die kindliche Aufgeregtheit! Eines Tages hatten sie beschlossen, nach hunderten von Jahren einmal wieder zu kommen und zusammen zum Swinggolf zu gehen. Sie haben eine Art Pakt geschlossen, der heute in Erfüllung geht. Aus Südafrika, New York und Mallorca waren sie angereist um heute diesen feierlichen Schwur zu bestreiten. Anders kann es ja nicht gewesen sein. Vor lauter Aufregung haben die Damen ihre Haltestelle verpasst und lachen schon wieder darüber. Sie sehen fröhlich aus, mit ihren bunten Schals, Sonnenbrillen und Outdoor-Klamotten. Jede für sich ein Unikat. Ich würde sie gerne ausfragen und dann in ein Museum stellen, damit auch andere an diesem Phänomen teilhaben können. Vielleicht würde ich die ein oder andere Dame fragen, ob sich mich als Enkelin adoptiert und mir meine Alters-Xenophobie nimmt. Nur wie ich mit ihnen kommunizieren soll, weiß ich noch immer nicht. Ich strampele unbeholfen. Der Lauf der Dinge lässt sich aber wie immer nicht mehr aufhalten. Quietschend hält der Bus, ihre gemeinsame Jugendliebe winkt Ihnen herzlich zu und die alten Ladys springen lachend auf. Sie würdigen mir keines Blickes, auch wenn ich sie noch so wehmütig hinterher schaue, während sie albern plappernd in Richtung Schwinggolf traben. Wie ein paar Ponys auf Schulausflug.

Montag, 19. Mai 2014

Bus-Lovestory



Ich sitze im Bus auf der A45 von Dortmund nach Gießen und kenne inzwischen jeden Parkplatz bei Namen. Neben mir dröhnt Peter Fox aus den Kopfhörern meines Sitznachbarn, eine ältere Frau schräg hinter mir ächzst genau alle fünf Minuten. Sie röchelt und krächzt seitdem ich mich schräg vor sie setzte und bringt mich jeden Moment dazu, irgendwo eine Notbremse zu ziehen (falls es so was in Bussen geben sollte?!) oder zumindest zum mutwilligen zertrümmern einer Scheibe direkt neben ihrem Kopf. Die zwei Drittsemester-Scherzkekse, er „Pharmazeut“ aus Marburg, sie „Ökotrophologie“ aus Gießen, beide gebürtige Pötter, scheint das alles nicht zu stören. Sie redet – er redet. Er redet – sie redet. Sie verstehen sich, sie lachen, sie essen zusammen Schokokekse. Das alles scheint so etwas wie eine göttliche Fügung. Janna und Paul kennen sich erst seit fünf Minuten, seit zehn kennt auch jeder im Bus ihre Story. Um endlich ein Bild von den beiden pubertären Pott-Stimmen zu bekommen, stehe ich endlich auf und gehe unauffällig zu Klo. Da ich jetzt einmal angefangen habe, wird sich das – wie ich inzwischen weiß – so weiter fortführen. An einer Fahrt die knapp zweieinhalb Stunden dauert, laufe ich schon mal gerne drei bis vier, manchmal fünf Mal aufs Klo. Das wiederum liegt – meiner Meinung nach – an der furchtbaren Klimaanlage, die wiederum mit meinem unstillbaren Bedürfnis nach Wasser einhergeht. Alles an dieser Fahrt ist also irgendwie ein bisschen verachtenswert – gäbe es nicht solche romantischen Zufälle, wie Janna und Paul sie miteinander teilen. Ich hingegen, führe seit über zwei Monaten eine Fernbeziehung mit dem Ruhrpott! Um es noch ein wenig konkreter zumachen, ich teile mir eine Partnerschaft mit Dortmund und Bochum. Von romantischen Zufällen wage ich selten zu träumen! Nun sieht es jedoch so aus, als sei dieser selbstlosen Geste bald ein Ende gesetzt. Das ist einerseits natürlich sehr traurig, denn allmählich ist meine erst wöchentliche, später vierzehntägige Busfahrt ein schönes Wochenendritual, anderseits ist so eine eigene Bleibe, man könnte auch etwas snobbisch ein so genannter ‚Zweitwohnsitz’, ja doch was ganz Feines. Meine befindet sich nun bald in schönsten Dortmunder Gefilden. Das Gefilde befindet sich – wie bereits vorausgesagt – im schönsten, snobbigsten und schönebergigsten Viertel Dortmunds, ringsherum eingebettet in Cafés und garniert mit einer extra nahen Parkanbindung. Also ganz undortmundig untrashig könnte man behaupten, aber um behutsam aus meiner Marbosch-Blase herauszukommen können einige Sicherheitsvorkehrungen sicherlich nicht schaden. Meine Marbosch-Blase ist so was wie ein Süßwasser Aquarium! Immer wenn nach der zweieinhalbstündigen Busfahrt ein Schloss zwischen ein paar grünen Hügeln entdecke, möchte ich wie ein kleines Kind vom Sitz springen und einen spitzen Schrei von mir geben. Meist beschränke ich mich – dem gesellschaftlichem Druck erliegend – dann doch nur auf ein zufriedenes Lächeln. „Hallo Süßwasser Aquarium, hier ist es so schön unaufregend!“ Dass ein Süßwasser Aquarium in seiner Unaufgeregtheit auch viele Nachteile hat, muss ich nicht erwähnen – mache ich natürlich trotzdem kurz. Man stößt sich schnell den Kopf, irgendwie ist es immer zu klein und die Sicht ist verdammt eingeschränkt. Darüber hinaus fehlt einem manchmal eine realitätnahe Spur Salzwasser in den Augen und ein paar Wellen wären auch nicht schlecht. Von diesen kleineren Makeln abgesehen, beherbergt eine Blase jedoch Einiges. Die Eckpfeiler einer Blase stellen Sicherheit, Schönheit, Übersicht und Vertrautheit dar, dass ist ja wohl allgemein bekannt. Dieses stabile Pfeiler-Quadrat wiederum führt zu einem nicht zu unterschätzenden Gefühl von Heimat. Einem Gefühl von Harmonie und Vollkommenheit – aber ich schweife schon wieder kolossal ab! Während ich mich also - wie immer - wie ein kleiner Kinder-Schneekönig freue, nachdem ich nach einem Wochenende Pott-Schock (diesmal noch mit einem gewaltigen Post-Siegen-Schock gepaart) bald wieder in lauwarmen Lahn-Gewässern bade, tauschen die Drittsemestler hinter mir endlich ihre Telefonummern aus. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte ihnen zumindest einen Post wie diesen (wenn nicht einen ganzen Roman!) zu widmen. Denn Janna und Paul werden sich wiedersehen, da bin ich mir ganz sicher. Irgendwann werden sie sich ein Haus in Moers kaufen und dort jeden Tag abwechselnd Breaking Bad und Gossip Girl schauen. Vorher werden sie sich kleine Spoiler zuflüstern und ihre – mit Schokolade verschmierten Münder – küssen. Sie werden sich an ihre schönste Zeit erinnern, in der sie zusammen im Bus zwischen Pott und hessischer Mitte saßen, Biochemie lernten und sich gegenseitig abfragten. Wie sie dann, ihr Studium mit Bravour abschlossen, weil „man halt auch mal was Lernen muss, um im Leben weiter zu kommen“. Und sie kamen weit. Janna, die von ihrer Bio Lehrerin zum Ökotrophologie-Studium ermutigt wurde nicht – wie meine Mutter immer behauptet „ wie alle Ernährungswissenschaftlern essgestört“, sondern erfolgreiche Molekularköchin einer prominenten Kochsendung und Paul wurde... naja Pharmazeut eben, für einen Pharmakonzern natürlich! Der Bus hält mit ach und krach an der Automeile – im großen Nichts Gießens. Ich möchte Janna aufhalten, aber sie ist schon aufgestanden. Sie hat es eilig,  "muss noch einiges an Folien zusammenfassen". Ich weiß so Vieles von ihr und sie weiß noch nicht einmal, dass ich ihr einen Post widme. Ziemlich ungerecht! Als Janna aussteigt und Paul vorher noch ein „war schön!“ hinterher quiekt, schaue ich – und Paul – ihr schon wehmütig hinterher. Ihr BVB-Schal weht zum Abschied im Wind. Es sieht ein bisschen so aus, als würde er winken. 



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Während man Busgeschichten schreibt, oder sich in einer besagten wieder findet, hört man diese 'Neuentdeckung'.