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Montag, 30. Juli 2018

political bodies


Ich weiß nicht wieso ich auf meinem Blog selten politisch werde (vielleicht weil ich mich nicht traue? weil ich mich damit angreifbarer mache? was sollen die Leute denken?), obwohl im realen Leben häufig etwas Kritisches zu sagen habe. Und hier eine Plattform wäre um seinen (bzw. meinen) Senf ein bisschen gesellschaftkritischer um die Wurst zu schmieren. Ich habe lange überlegt (und bin zu keinem Ergebnis gekommen), aber jetzt passiert es. Es fängt auch erstmal ganz harmlos an und natürlich, es geht um Körper. 

Your Body is a wonderland...

Das schöne an einem Körper ist zunächst, dass jede/r einen hat. Das alle wissen worum es geht (ist das so?). Kurzer Reality-Check (einmal kneifen); ja das ist er. Körper sind nicht nur deshalb schön, weil alle einen haben, weil sie uns Form und Halt geben: ein Aussehen sogar. Sie sind auch wegen anderen Dingen toll: sie sind (unter anderem) gestalt-, modifizier- und verletztbar, sie haben Flecken, Punkte, Haare, Öffnungen und Wunden und die besonders geniale Fähigkeit uns am Leben zu halten. Wow (sollte man meinen). Gerade ist der Körper aktueller (war er jemals nicht aktuell?) denn je. Überall sind sie und in all ihren denkbaren Formen sowieso und überall werden sie kommentiert. Ein einzelner Körper hat die Möglichkeit eine Vielzahl von Betitelungen und Urteile zu bestehen oder daran zu scheitern (kann ein Körper scheitern?). Selbst- sowie Fremd fabrizierte Bewertungen sind überall da wo auch unsere Körper gerade sind. Ein Körper wird außerdem zur Verkörperung der inneren Umstände. An ihm zeichnet sich nicht nur das individuelle Innere, sondern auch das gesellschaftliche Äußere ab. Starke Emotionen und Stress verursachen eine Verformung des Körpers, ebenso wie Hunger, Durst und Sport. Auch das Wetter nimmt Einfluss. Man könnte also meinen Körper sind ein Ding in dem wir stecken und das wir nicht nur gestalten können, sondern sollten. Dass wir hegen und pflegen und bloß nicht verkommen lassen sollten. Denn meist hat jeder nur einen und meist wurde er sich nicht mal selbst ausgesucht. Also warum nicht: ran an den Körper, also mach das Beste daraus!

Der Körper als Objekt der Möglichkeiten

Das kann heißen: Vorsicht bei Sonne (immer schön einschmieren), Kälte (lieber ne Jacke mitnehmen) und Wind (und ein Schal am besten auch)! Das kann aber auch bedeuten: Ich esse heute nichts (oder nie mehr), ich schlafe viel (oder gar nicht), ich rede wenig (oder immer nur noch ungefragt). Oder: ich tattowiere mir ein Pferd auf den Hintern oder pierce mir einen Nasenring oder ich zwicke mich solange in den Oberschenkel, bis ich einen blauen Fleck habe. Das alles kann auch bedeuten den Körper mit Sport,  Hormonen oder Operationen zu verändern. Ihm eine neue Form geben. Alles ist, oder scheint zumindest möglich in dieser Welt. Bei all diesen Wundermöglichkeiten (die ja gar nicht per se schlecht sind), werden allerdings häufig einige Aspekte außer Acht gelassen. Zum Beispiel:

Körper und Privilegien 

Körper sind nicht nur alle unterschiedlich, unterschiedliche Körper haben auch unterschiedliche Möglichkeiten. Und das ist völlig random: je nach dem wo ein Mensch geboren wird, unter welche Voraussetzungen jemand aufwächst und aussieht hat einen großen Einfluss auf das restliche Leben. Ein Körper wird durch sein Aussehen und seine Form, seine innere und äußere Verfassung, sein Alter und seine Gesundheit zu einem Ort der Macht. Dort gibt es Privilegien, aber auch eine große Anzahl Benachteiligungen. All diese sind gesellschaftlich konstruiert und haben rein gar nichts mit den Menschen zu tun, die rein zufällig in den Körpern stecken. Weiße, schlanke Körper haben es einfacher als schwarze, dicke, kranke oder kaputte Körper in dieser Welt. Und da können sie sich noch so anstrengen, sich noch soviel selbst lieben und noch soviel kneifen. Das heißt nicht dass weiße, schlanke Menschen keine Probleme haben. Dennoch haben sie (ich auch) viele Privilegien und werden nicht nur seltener für ihr Aussehen bewertet, sondern auch bevorzugt mit positiven Charaktereigenschaften verknüpft. Und das ist ziemlich ungerecht.


Schön-Sein

Im ganzen Körperzirkus ist 'schön-sein' (whatever that means) ein hohes - wenn nicht das höhste - Gut. Schön sein, bedeutet aktuell für Frauen beispielsweise sportlich-schlank zu sein (nicht zu dünn!), glatte, haarlose leicht gebräunte Haut zu haben und saubere Kleidung zu tragen, nicht zu grell, nicht zu auffällig, aber auf keinen Fall nichtssagend und unscheinbar. Diese Schönheitsvorstellungen verändern sich zudem alle paar Meter und Jahre. Die Erfüllung der Ideale spricht deshalb auch dafür, dass ich es schaffe mitzuhalten, dass ich aufmerksam den Zeitgeist kenne und mitverfolge. Ein derzeitiger Trend geht nicht nur da hin, dass andere uns lieben, weil wir schön sind, sondern auch das wi uns selbst lieben, weil wir schön sind (am besten: so wie wir sind). Das Ganze heißt dann: Self-Love. An Selbstliebe ist sicher nichts verkehrt, es sei denn; du musst. Es sei denn: schön-sein ist wichtiger als 'Sein'.


Körper als Orte der Scham

Bist du nicht schön, schämst du dich schnell. Warum? Wegen deines Körpers. Er ist nicht so wie er seien soll und selbst wenn; er könnte besser sein. Selbst wenn er perfekt funktioniert, Gründe um sich zu schämen sind dennoch zahlreich vorhanden. Zum Beispiel: er blutet (Frauen sind davon besonders 'betroffen'). Zum Beispiel: er stinkt, er kratzt oder macht komische Laute. Scham ist kein rein weibliches Phänomen und doch werden besonders Frauen von Körperscham heimgesucht. Warum? Vielleicht weil sie häufig besonders auf ihre Körper reduziert werden, vielleicht weil sie gelernt haben nicht okay zu sein, vielleicht weil sie es einfach nicht besser wissen. Scham ist eine seltsame Emotion und braucht eigentlich immer ein vorgestelltes Gegenüber. Wer könnte das sein? Ein Mann? Die Eltern? Freunde? Warum sollten die urteilen? Weil es alle tun. Weil sie sich selbst nicht mögen. Weil es andere nicht tun. Ein klassischer Teufelskreis. 

Geschlechtskörper 

Ein Körper ist auch deswegen politisch, weil er in unserer Gesellschaft angibt welches Geschlecht wir haben. Meist wird hier nur zwischen weiblich und männlich unterschieden. Dieser Unterschied ist wahrscheinlich überhaupt nicht nötig, geht aber auch wiederum mit einer Vielzahl von weiteren gesellschaftlichen Unterschieden und  Zuschreibungen einher. Je nach dem welches Geschlecht unser Körper anzeigt (oder auch nicht), gibt Auskunft darüber, welche Vorstellungen und Erwartungen damit in vielen Köpfen stecken. Ein Junge im rosa Glitzerkleid? Eine Frau als EZB Fifa Vorsitzende? Ein Mensch der nicht als Frau oder Mann gesehen werden will, sondern sich einfach als Mensch fühlt? Für viele Menschen unvorstellbar. Warum? Wahrscheinlich weil Schubladen und Kategorien die Welt ordentlicher und berechenbarer aussehen lässt. Aber die Welt ist genauso kompliziert wie wir und deshalb sind Geschlechterkörper ebenfalls politisch. Sie reproduzieren Machtverhältnisse auf diverse Weise.

Ich bin: mein Körper. 

Bei all den vielen Inszenierungen vergessen wir häufig (ich auch), dass wir nicht nur einen Körper haben, sondern gleichzeitig auch eben genau dieser sind. Mein Körper ist ich, ich ist mein Körper. Eine Trennung von dem was wir als Ich bezeichnen und dem, was wir Körper nennen ist zwar sprachlich möglich, nicht aber real trennbar. Es sei denn wir sind tot natürlich. Dann war da mal Ich und doch ist da noch ein Körper. Fest steht für mich auch, nur weil ich weiß, dass ich all diesen gesellschaftlichen Vorstellungen von Körper und Körper-Sein ausgesetzt bin, heißt dies noch lange nicht, dass ich von all diesen Konstrukten frei bin. Im Klartext: ich urteile, ich bewerte Körper, meinen und andere, andauernd. Auch ich will eigentlich fit sein, am Besten muskulös, aber schlank, leicht gebräunt und auffällig genug gekleidet, aber nicht zu auffallend. Und ich schäme mich wenn ich faul bin, wenn mein Körper dellig, wellig und unstraff erscheint. Schöne Scheiße also.

Wieso also dieser Text?
Ich plädiere natürlich auch dafür, weniger zu urteilen und Körper-Menschen 'sein' zu lassen. Sich bewusst zu machen, welche Auswirkungen es hat und haben könnte, aber auch welche Einflüsse auf mich selbst einwirken. Wie so häufig geht es um Awareness und Selbstrefektion und um das Ausprechen von Gedanken. Vielleicht ist es möglich so (oder so ähnlich) Dinge zu verändern (maybe, maybe not). 

Dienstag, 10. Januar 2017

Ausnahmezustand im Primatengehege?


Nach langer Abwesenheit starte ich meinen Blog ins neue Jahr auf gewohnt überfordernde Art und Weise, mit genauso vielen Rechtschreibfehlern wie sonst (aber in Arial) und natürliche einer großen Portion viraler Hartnäckigkeit und leicht pessimistischer Verstimmung. Meine heutige gesellschaftskritische Überlegung/ Frage: sind wir* ein Haufen seelenloser Primaten gefangen in einem Zoo aus Möglichkeiten? So weit so leicht beantwortbar (aha). Natürlich brauchen wir (unbedingt) erst einmal ein kleinen Abriss mit eingespickten Gesellschaftsdiagnosen. Denn ohne die genauen sowie generellen Umstände kann wohl niemand zu einem Urteil kommen (ha, what?). 
Zum einen haben wir Handlungsspielraum en masse. Haben die Möglichkeit unser Selbst in Anlehnung an unsere perfektionistischen und Konsum-orientierten Vorstellungen zu modifizieren. Angepasst an ein Ideal, das eine grenzenlose Optimierung des eigenen Kapitals verspricht. Ganz nach dem Motto: alles was ne Macke hat, wird direkt umgetauscht. Der Anschiss dafür geht auch direkt an den Produzenten; die vietnamesische Näherin, die gerade einen Lungenentzündung verschmerzen muss und deshalb unachtsam war, nicht an die Komsumierende, deren BH ein Loch ins Fünf Euro T-Shirt gerissen hat. Umso länger die Produktionskette umso länger die Liste der Verantwortlichen umso länger die Möglichkeiten der Ausbeutung. Wir sind gierige, verwirrte Seelen, die in einem T-Shirt eine mögliche Bedürfnisbefriedigung sehen, in einem gutes Essen, aber so etwas wie einen potentiellen Feind. Es könnte das T-Shirt sprengen und wir wären verantwortlich. Überhaupt, wir sind ungern verantwortlich.
Wir haben weitere Objekte mit denen wir uns viel beschäftigen, die eigentlich wir selbst sind. Wir sind Körper besessen bei gleichzeitiger Körperlosigkeit.  Oft haben wir das Gefühl, es existiere nur noch Geist in einer theoretischen Hülle, die funktionieren muss. Nämlich alles abwehrt was krank macht und alles rein lässt was gut ist. Uns weiter arbeiten lässt, uns schöner macht, weniger sterben lässt. Klar, wir wissen alle, sterben werden wir so oder so, aber die Chance es besonders richtig oder falsch zu treffen, zeichnet sich in allen Lebenslagen deutlich ab. Auch das Sterben an sich sollte wohl geplant und überlegt sein. Alles ausschöpfen, alles mitnehmen, aber nur das Wichtige. Scheitern, langweilen, einfach so da sein, irritiert da nur. Natürlich haben wir Momente der Selbsterkenntnis und sehen plötzlich alles ganz klar, aber wir wollen auch auf nichts verzichten, wollen nicht einsam, sondern geliebt werden. Ob von Großkonzernen, Versicherungen oder der Heilpraktikerin. Wir möchten am Ende doch nur verstanden werden. Wir möchten gestreichelt werden und gesagt bekommen, dass wir natürlich alles richtig gemacht haben. Wir möchten hören, dass es ok ist, freiwillig in einem Käfig zu sitzen und per Lieferdienst alles ins Gehege geschmissen zu bekommen. Der Käfig ist ja voller Sachen! Voller ähnlicher Versprechen. Du wirst nicht krank! Du wirst schön! Du wirst ein bisschen perfekter, schlauer und tüchtiger. Vielleicht wirst du sogar eine Arbeit bekommen, reich oder zumindest keiner von denen, die es am Ende nicht geschafft haben und die sind, die du unter den Brücken liegen siehst. In jedem Versprechen schwingt eine leichte Drohung. Mit jeder Drohung wirst du dir sicherer, dass alles richtig ist. Das die Welt auch aus einem Käfig aus betrachtet wunderschön sein kann.
Wir als Arbeits-Primaten sind von Produktion und Leistung fasziniert und finden, dass alle die hier drin hocken auch bitteschön mit machen sollen. Das alle die unzufrieden sind, ja auch bitte gehen können. Überhaupt, was soll die Diskussion; wer hier leben will, der muss arbeiten. Wer hier arbeiten will, soll sich benehmen. Und wehe wenn nicht. Ja das kennen wir schon, dann kommt ganz schnell wieder die Brücken-Drohung. Oder die Harz4-Angst oder die Angst vor dem Tod oder alles vermischt. Die Angst vor der Angst ist sowieso gern dabei.

Eine andere Baustelle ist die Angst davor, andere könnten einem was wegnehmen. Denn wer weiß, irgendwann sind die Sachen im Käfig alle in Besitz. Und irgendwann hat der Käfig ja schließlich auch seine Enden, denn sonst wäre es ja kein Käfig. Platz ist nur so lange für alle da, so lange alle nach dem gleichen Heilsversprechen streben. Reicht es einigen Primaten einfach einen Platz zu haben, reicht das nicht der Primaten-Gemeinschaft. Ausfälle können kostenspielig werden und das System stürzen. Das System, davon wird geredet als sei es Voldemort. So, als dürfte man seinen Namen nicht nennen und als würde dieses suspekte Subjekt dennoch genügend Macht ausstrahlen um alle voranzutreiben. Ein Systemfehler könnte man auf Meta-Ebene spekulieren. Das System selbst habe sich dissoziiert, depersonalisiert und dann gespalten. In ein neu geschaffenes Subjekt, mit dem niemand was zu tun haben will, aber dennoch über allem steht. „Hallo, wir sind das System.“ Niemand will das hören! Stattdessen; Verdrängung, Verschiebung und Somatisierung wo hin man nur blickt. Natürlich, ist auch gut so, denn sonst würden ja alle ausrasten.

Und was wäre dann los? Ein Primaten-Theater ohne Frage. Das Gehege würde möglicherweise nieder gestampft, die Wassergräben überwunden. Vielleicht gäbe es auch Kriege mit anderen wildgewordenen Spezies. Mit neuen Feindbildern und Optionen, die diesmal keine Grenzen kennen. Vielleicht wäre dann alles anders, vielleicht würden sich aber auch alle bloß ein neues Gehege suchen. Mit mehr Auslauf und schöneren Pflanzen, aber den gleichen Mauern.


Soviel zu meinem Neujahrsabriss, der sich aus der Vorahnung, 2017 könnte anstrengend werden und dem Gefühl, es könnte sich einiges verändern, zusammen setzt und einiges durcheinander und zusammen wirft. Aber egal, ich fange dort an wo ich stehe und schreibe es mir vom Leib durch die Seele. Was man eben so an langweiligen Abenden im Käfig macht. 


*Mit wir als generalisiertes Gesellschaftsgefühl gemeint, ist klar ne. Aus einem Ich-Gefühl wird hier also schnell ein Wir-Gefühl und alle fühlen sich spontan angesprochen.

Dienstag, 14. Juni 2016

Savasana

- oder auch die Leichenstellung, wie Yogawiki mir gerade verraten hat. Dabei dachte ich es ginge einfach um bloße Entspannung. Von Todsein war nie die Rede. In dieser "Stellung" liegst du jedenfalls auf dem Rücken, Beine hüpftbreit geöffnet, Arme ein paar Zentimenter vom Körper entfernt liegend, Handflächen nach oben, damit dort neue Energie herein fließen kann. Also in dich rein. Ansonsten tust du nichts. Liegst da und machst nebenbei auch noch Yoga. Perfekt also. Heute verbringe ich den Tag so. 


Ich bin mal so frei:  lasse meine Pickel am Kinn sprießen, lasse meine Füße einschlafen (wie bitte ist das in dieser Position überhaupt möglich?). Kümmere mich nicht um Flusen und Hausstaub, späte Pollen, nicht um die Krümmung meiner Wirbelsäule und Geld verdienen sowieso nicht. Nicht um tote Balkonplanzen, nicht um Texte zur Authentizität (schon wieder, nur anders!). Ich würde drauf scheißen, würde ich nicht gerade in Shawasama liegen. Irgenwie nicht in dieser Welt und doch irgendwie ganz da. Meine Chakren scheinen sich schon von ganz alleine zu öffnen, dafür muss ich nicht mal irgendwo hinatmen. Auf meine To-do-Liste blinken vor sich hin und erinnern sich gegenseitig, dass sie meine Aufmerksamkeit wollen, während ich nur mal kurz die Augen öffne. Danke nein! Sie werden nicht davon laufen, die wichtigen Dinge, die ich mir in meinem vorherigen Aktionismus so eifrig ins Iphone tippte. Im Gegenteil; sie werden einfach immer so weiter blinken. Auch meine Zehnen profitieren von meiner Totenstille, sie haben genug geschlafen und wachen jetzt einfach wieder auf. Wertfrei beobachten, denke ich, aber freue mich natürlich insgeheim wie eine Schneekönigin. Mein Puls hat sich beruhigt, meine Wirbelsäule wirkt plötzlich geschmeidig und auch meine Pickel scheinen plötzlich weniger ekelhaft. Ich übertreibe nicht wenn ich sage, Yoga hat mir den Tag gerettet! Auch wenn ich nach ein paar Minuten in Savasana wieder aufgestanden bin und mich an meine To-do-Liste gesetzt habe.


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heute schreibt der verdrehte Yogini in mir. Geht runter wie ein breiig, aber gesunder Detoxsmoothie mit Zwiebeln und Salat (hui!).

Freitag, 18. März 2016

Selbstinszenierungwahn bei gleichzeitiger Sozialphobie


In meinen besten Momenten fühle ich mich wie Robin Hood (ich werde allen helfen!), von den schlechten will ich erst gar nicht anfangen. Ich will die Aufmerksamkeit und Muse von Lena Dunham bei gleichzeitiger Selbstinszenierungsangst. Das führt zu einer Doppel-Moral und ambivalenten Selbst-Darstellung, unter der wahrscheinlich auch Lena Dunham selbst zu leiden scheint (vielleicht auch nicht). Klicks werden dann plötzlich mit echtem Lob gleichsetzt und keine Klicks mit dem Fernbleiben einer lang geplanten Ausstellung (welche geplante Ausstellung?). Dort stehe nur ich, starre auf meine armselige Präsenz und meine ungesehenen Bilder und Texte. Während mir allein bei dieser Vorstellung eine ebenso armseelige Träne - die ebenfalls auch von Gähnen kommen könnte - die Wange herunter tropft, laufe ich durch eine Stadt, in der ich manchmal wünschte, inkognito zu sein. Nicht, das ich hier bekannt wäre, nein, dass hat alles viel mehr mit der Größe der Kleinstadt und der Anzahl der Jahre, in denen ich hier schon mein Ich suche und finde, zu tun. Es hat auch mehr mit den spriesenden Pickeln als mit meiner Sozialphobie (wie bitte?!) zu tun. Der Preis Lena Dunham zu sein, scheint mir plötzlich ebenso unvorstellbar hoch wie absurd. Als ob ich mit sozialen und unsozialen Netzwerken, Post und Tweets, die im Newsfeed immer ganz oben erscheinen meinen Selbstwert pushen könnte (könnte ich? sollte ich? wollte ich?)!. Als ob meine Laune wegen ein paar Zeilen und einem ironischen Hashtag darunter steigen könnte (vielleicht?). Das ist immer der Moment wo ich mir mit Realismus komme (bringt nicht viel). Ein Mensch der sich nur in der realen denn in der virtuellen Welt aufhält, freut sich über Komplimente, warmherzige Umarmungen und eine neue Bekanntschaft (mache ich ja auch). Leute wie ich sagen immer sie können nicht mit Komplimenten umgehen (können sie auch nicht!), wollen aber trotzdem welche hören oder sehen oder eben so ein dämliches Däumchen da! Virtuelle Inszenierer wie ich möchte niemals von virtuellem Applaus, niemals vom virtuellen Publikum abhängig sein, aber das wäre ja ganz so, als würde man Theater spielen und keiner sieht zu. Das geht schon, aber dass will ja niemand. Wir (auf einmal sind es schon ganz viele Ichs) wollen gesehen werden, verstanden werden, Applaus bekommen, aber niemals im Rampenlicht gestanden haben. Am Liebsten ganz viel Ruhm, ganz viel Hurra, aber nichts gesagt haben (und wenn nur unter falschem Namen). Den Arsch lieber nicht riskiert und die Socken lieber angezogen haben (?). 
Ich laufe also mit gesenktem Haupt durch die Stadt die ich so liebe, die mich so liebt (tut sie das?) und trete in ein großen Kackhaufen (tut sie nicht), laufe um ein Haar gegen eine Laterne und falle dabei ein bisschen vom Gehweg (wegen des dramaturgischen Verlauf). Eine helfende Hand, die ich zufällig kenne, führt mich zurück auf den richtigen Pfad und macht mir gleichzeitig ein Kompliment das ich nicht annehmen kann (ach, wie, was, niemals). Ich schäme mich. Ich schäme mich auch jetzt. Wir laufen ein bisschen weiter, dann sagt die Person, sie schäme sich hingegen für Menschen die sich immer so darstellen müssten. Dieses ständige Inszenieren und Wetteifern! Ich nicke eifrig. Ich lösche meine Facebookseite, mein Portfolio, meinen Blog (im Geiste) und eröffne sie dann gleich wieder (im Geiste und aus Protest). Ich verabschiede mich höflich und ohne weitere Komplimente zurück und kann nicht fassen, was für eine korrupter, unfreier und von anderen Menschen abhängige Person ich geworden bin, achwas schon immer war! Dabei will ich doch immer nur mein Ding machen, mein inneres Gleichgewicht halten, meine Meinung sagen (denkste!). Die Gier treibt mich an, die Lust an etwas was man nicht so einfach erklären kann (ich könnte es mit dem Wort 'Anerkennung' versuchen). In meinen besten Momenten denke ich vielleicht an Robin Hood, in Schlechten viellleicht an die nackte Lena Dunham. Das machtvolle Gefühl ist ein Ähnliches, die Anerkennung der beiden wohl gelinde gesagt ambivalent. So wie dieses, zudem narzistische, fast notgeiles Unterfangen. Denn wenn ich mal ehrlich bin, habe diesen (Nicht-)Text hauptsächlich für ein paar Klicks geschrieben. 

Klick. Klack.


           

Sonntag, 13. September 2015

Es krieselt.


Es ist Tag X deines Lebens und du stellst dir tatsächlich immer noch die gleichen Fragen. Sie fangen mit einem leichten Kopfschmerz, Juckreiz und Schluckbeschwerden an und enden mit übertriebenem Durchfall. Der Mist will raus und weiß sich nicht anderes zu helfen. „Die Gesellschaft ist schuld“ zu denken hilft da nicht viel, denn ich weiß es ja eigentlich besser. Die Krise ist eine Wechselwirkung aus eigenen Anteilen und Umwelteinflüssen und ja, höchstwahrscheinlich hat sie auch Auswirkungen auf meine Bindungsfähigkeiten. Zusammen mit den weiter gegebenen Repräsentanzen und unbewussten Fantasien meiner Mutter, die nicht nur ihre Feinfühligkeit sondern auch meinen Geist vernebeln, plus meinem Trieb oder schöner formuliert meinem Temperament, sozioökonomische Umstände nicht zu verachten, erklärt es eigentlich alles. Also wahrscheinlich auch die Krise. Die fröhliche Aussicht, dass Menschen wie ich wahrscheinlich nie unter einer Midlife-Crisis leider werden, wirkt vermutlich wenig aufheiternd, wenn wir stattdessen unserer halbes Leben krieseln. Wie schlechte Milch im Kaffee oder gute Milch im Saft. Wir haben einen seltsamen Beigeschmack der wahrscheinlich auch die ganzen somatischen Beschwerden ausreichend erklärt. Zu diesen kommt das ständige Gefühl denn Sinn des Lebens nicht erkennen zu können, oder schlimmer, dass Leben an sich nicht verstanden zu haben. Obgleich man seit sieben Jahren zumindest zeitweise für Erwachsen erklärt wurde, hat man nun den Eindruck, dass es sich bei dem Begriff Erwachsensein um einen Reinfall handelt, der mit ständigen Zukunftsfragen und Ängsten gekoppelt ist. Alle W-Fragen die man anderen nie stellen soll, stellt man sich selbst zu jeder Tag und Nachzeit. Ich wache schweißgebadet auf und frage mich „Was will ich?“. Auch wenn ich seitenweise Listen angefertigt habe, auf denen genau diese Frage beantwortet wurde, finde ich keinen adäquaten Umgang mit meinen ambivalenten Antworten. Manchmal sehe ich mich als Aussteiger mit einem Berg an Lindt-Schokoladen und faserarmen Mangos in einem Baumhaus sitzen, das eine extra heiße Regendusche und einen Infinitypool besitzt. Manchmal sehe ich mich in einem Garten mit Kind, das einen Blumenkranz trägt und im Planschbecken herumhüpft. Es braucht immer eine Weile bis ich dieses Kind als mich selbst – 1992 – identifiziere. Meine Lebensvorstellungen haben sich dabei kaum weiter weiterentwickelt. Als Kind wollte ich Tänzerin, Walretterin oder Modedesignerin werden, alles gleichzeitig! Meine Inspiration hatte ich damals schon von lebhaften Fotos oder romantischen Filmen, in denen eine Frau durch ihr Talent und Engagement berühmt (aber einsam) wurde. Manchmal ertappe ich mich auch heute noch dabei, wie ich die Vorstellung, mit einem Helikopter auf meinem alten Schuldach zu landen immer noch recht verlockend finde. Aber ich habe mich auch mit dem Einsam-sein weitestgehend abgefunden. So sollte es in meinem Baumhaus deshalb auch ausreichend Platz für Übernachtungsgäste und ein extra großes Bett geben. Wo ist die Sinnhaftigkeit? Wo das Identitätsgefühl? Die Quarter-Life-Crisis scheint bild und taub zu machen. Der Sinn der fast überall drin steckt, wird unsichtbar, langweilig, trüb und grundsätzlich hinterfragt. Schwimmend im Kriesel-Wasser sehen alle Anderen so aus, als hätten sie einen aufgehenden Lebensplan. So, als wäre man der einzige postmoderne Krüppel. Klar, kenne ich die Statistiken, aber das ändert nichts am Krisenherd. Die offensichtlich sehr Ich-bezogene Suche nach einem Sinn, verstärkt sich bei echten Krisen der Menschheit, wie Hunger, Armut und Flucht, denn spätestens jetzt wird klar: man ist ein verdammter Narzisst. Einer der Mal den Eindruck hatte, die ganze Welt könne von ihm gerettet oder zumindest umgekrempelt werden und dann feststellt, dass das Leben gewöhnlich einen anderen Sinn verfolgt. Angefangen bei so Lappalien wie Mangos essen – natürlich die faserarmen.



            

Mittwoch, 20. Mai 2015

Der Freiheit zum Trotz



Meine Knie wippen im Takt, meine Arme hängen auf drei Uhr. Ich atme und rotze zugleich und höre dem wummernden Singsang der Menge nach. Es hört sich so an, als würden sich die Stimmen verdoppeln, es hört sich so an, als würde ich langsam verrückt. Der Sound der Extase, von Wut, Trauer und Verzweiflung mischt sich im Raum zu einer Suppe die niemand mehr auslöffeln könnte ohne dabei zu kotzen. Die Dynamik die sich entfalten soll wird in einem zehn Minuten Takt auf Band vorgegeben. Die meditative Phase erfolgt in einer krampfhaften Erstarrung. „Stop“ schreit mir jemand entgegen, ich stelle mir vor, es ist ein kleiner Bhagwan-Heinz in Orange der Stress-Managementseminare bei BMW leitet. Nach zwei Minuten tut mir alles weh. Ich nehme die Hände runter und verändere still und heimlich meine Position. „Lasst euch drauf ein!“ Höre ich in meinem Kopf geistern. Ich will aber nicht. Mein Widerstand fokussiert sich vor allem auf Acharya Rajneesh, Bhagwan Shree Rajneesh und Osho, welche alle drei den gleichen verqueren, spirituellen Guru meinen. Die Abneigung gegen einzelne Halb-Götter hatte mir meine Mutter vermutlich bereits in der pränatalen Phase introduziert. Dazu die eindeutige Haltung, dass ein „Nein, will ich nicht“ eine durchaus legitime Position ist. Abwehrmechanismen als Ressource sowieso.  

Zur Erholung liege ich in meinem abgedunkelten Zimmer und höre Walgesänge aus meinen High-Quality Boxen. Wenn ich die Augen schließe ist es kaum mehr abwegig sich in ein rießen Aquarium zu dissoziieren. Ich schwimme solange, bis ich irgendwo an Glas dotze. Dann schwimme ich wieder zurück. Mein Goldfisch-Leben ist zwar ruhig, aber auch ziemlich stumpf und einengend. 

Später aalen wir uns in Matsch und werfen mit bunten Bauklötzen. Dazu hören wir Kinderlieder und werden vom universitären Machtmännern in Jogginghosen beobachtet. Meine Hände stecken tief in der Scheiße und auch der Rest von mir möchte lieber wieder Erwachsen sein und gehen. Der Mann in der roten Jogginghose mahnt uns zum Abschluss der Massenzurückführung den kindlichen Trotz und die spielerische Freiheit nicht zu verlieren. Er gibt uns eindringlich zu verstehen, dass man nicht immer der Leistungs- und Disziplinargesellschaft hinterher rennen solle. Meine Konsequenz ist, auf meinem fünf Minuten Heimweg schon wieder darüber nachzudenken nie wieder diese Turnhallen-Spielhölle zu betreten. Mein Trotz und meine Freiheit, die sogar ausgeprägt  existieren, sehen sich genau durch diese Gruppen inszenierte Doppelmoral beschränkt. Der Mann in Turnhose und Yachtclub-Hemd, der Freiheit predigt und Anwesenheitslisten auslegt, der einem einen vorgefertigten Stundenplan in die Hand drückt und jede Stunde im belehrenden, erhobenen Lehrer-Zeigefinger-Modus die Postmoderne verflucht ohne diese Begrifflichkeit jemals diskutieren zu lassen. 

Ich rege mich zuviel auf? Vielleicht. Einerseits sehe ich ein, dass eine Abwehrhaltung nicht unbedingt dazu führt, dass Menschen zufriedener sind, gleichzeitig denke ich, genau das braucht es auch. Zeit für Aufregung und Texte zum wieder Abregen. Sogar genug Zeit um besonders schlau klingende Wörter zu googlen. Nicht immer nur im Bahnen drehen im Süßwasser-Aquarium, sondern auch mal kein Bock mehr haben, gequält gucken und sich komplett verweigern. Zum Trotz und für die Freiheit in dieser ach so illustren, postmodernen Lebenswelt. 



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Dazu werden gereicht: frisches Obst und gesundes Gemüse und Cat Stevens, ebenfalls besorgt wegen der bösen, wilden Welt. 

Sonntag, 22. März 2015

Erfahrungen am eigenen Leib


Ich erlebe den Dienstagmorgen wie er mit großer Anstrengung beginnt. Er beginnt damit, dass ich mich mühsam, wie eine schwerfällige alte Dame aus dem Bett kriechen muss. Gebrechlich, träumend, verwirrt. Ich schleiche ins Bad, zurück in mein Zimmer und muss mich aus- und wieder anziehen. Allein diese Aktivitäten halte ich vor acht Uhr morgens für relativ zumutbar. Aber dann geht es aber erst richtig los. Brot, Butter, irgendwas, kauen, schneller kauen, Wimpern tuschen, wenn es gut läuft noch ein bisschen rouge’ieren. Meistens läuft es nicht gut und ich bin froh wenn ich Schuhe und eine Hose trage. Wenn ich dann um kurz nach acht in der kleinen Turnhalle stehe möchte ich mir am liebsten erst einmal ein Bundesverdienstkreuz verleihen. Also mindestens. Stattdessen bekomme ich jetzt die Aufgabe meinen Körper noch ein bisschen mehr wahrzunehmen, ein bisschen mehr zu spüren, sehr achtsam zu sein, aber meine körperlichen Bedürfnisse so weit zurück zuschrauben, dass ich am Ende völlig wach und präsent bin. Ehrlich, spontan, kritisch, selbstkritisch, mit mir, mit den anderen, spiegelnd, den Spiegel wahrnehmend, auf mich konzentriert, meinen Bedürfnissen entsprechend. Ganz authentisch eben, nur nicht schlafend. Wir tanzen umher wie ein Haufen desolater Tiere. Tiere denen ein Bein fehlt, die deshalb hinken und seltsam im Kreis springen. Nachdem ich oder die Turnhalle nach Schweiß stinkt, habe ich nach ein paar animalischen Bewegungen die eher einer schlafenden Katze ähneln, bereits meine körperliche Höchstgrenze erreicht. Ich halte es für eine Höchstleitung was wir hier machen, ich halte es für unerklärlich, dass wir hier trotzdem immer wieder auftauchen, im Kreis sitzen und nicht heimlich den Raum verlassen. Das Konzept scheint also zu funktionieren. Ich zerbreche weder, noch schlafe ich ein, halte mich wacker, öffne und verschließe mich wieder. Erst herrscht lange Stille, dann fängt es langsam an zu jucken und am Ende wird überall aufgekratzt. Manchmal blutet es dann, tropft wie ein trauriges Rinnsal durch den Kreis und jeder der will oder kann leckt mal ein bisschen daran. Dann geht es wieder zurück. Aus der Turnhalle, in die reale Welt, zurück in mein Bett. Dort bin nur ich, mit meinen trägen Beinen, meinen schweren Muskeln und kreisenden Gedanken. Nach ein paar Mal tiefem Ausatmen schlafe ich bereits tief und fest. Am Ende - und damit meine ich die überstandenen Selbst-Erfahrungen, die von verkrümmten Bewegungen, über offne Ohren, verständnisvolle und missverständliche Blicke und Worte reichten - ist es 12 Uhr mittags und mein Körper siegt über den verwirrten Geist.   


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Rückblickende Verarbeitung von frühmorgendlichen Uni-Experimenten. 

Sonntag, 7. Dezember 2014

(m)ein Körper als ein Versuch die Menschheit zu verstehen


"Einmal, da habe ich mir quasi eine Rippe aus dem Knöchel geschnitten (oder mich mit einem bissigen Hai anlegt!). Ein anderes Mal fühlte ich meine Hand nicht mehr und seit vorgestern scheint sich auch noch das Gefühl in meinem Schienenbein verabschiedet zu haben..."

Dass ich ausgerechnet Körperpsychotherapie studiere, erscheint da erst einmal recht widersprüchlich. Immerhin scheine ich ein - sagen wir - ambivalentes Körper- (und Leib-) Verhältnis zu haben. Aber immerhin, ich scheine das inzwischen begriffen zu haben! Ich denke, inzwischen kenne ich mich so gut, dass ich weiß, dass auch der Körper mein ist. Ich wüsste, wenn ich friere, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn mein Magen knurrt oder mir latent schlecht ist, was zu tun ist. Ich wüsste, wenn ein Körperteil kribbelt, was zu tun ist. Wenn es juckt, was zu tun ist. Ich wüsste es, tue es aber selten. Ich überlege mir theoretische Konstrukte - die meine kognitiven Fähigkeiten bei weitem überschreiten - zur Heilung meiner Kopfschmerzen. Ich schreibe Schmerzprotokolle und recherchiere nach den bestmöglichen Optionen, ich mache To-Do Listen, ich bastele eine symbolische Collage, ich schreibe einen Text darüber, entwickle ein komplettes Therapie-Konzept für Wochenend-Migräne, Cluster- und Spannungskopfschmerz. Für Prä- und Postmenstruelle Kopfschmerzen. Ich lege mich nicht aufs Bett, schließe nicht die Augen und ziehe auch nicht den Stecker. Ich möchte den Schmerz verstehen, statt ihn zum Gehen aufzufordern. Ich möchte, dass er für etwas gut ist. So wie ich am liebsten jedes Störungsbild mal probeweise für einen Abend austesten würde, nur damit ich mich besonders gut in jeden Menschen hinein versetzen könnte. Und dabei halte ich mich jetzt schon für eine Expertin für jegliche Störungsbilder. Ich denke wirklich, dass ich mich nur tief genug mit Krankheiten beschäftigen müsste, damit die Welt ein bisschen erklärbarer wird. So wie andere Menschen ihre Angst vor dem Unbekannten in Rassismus oder einer Zwangsstörung äußern, möchte ich alle verstehen lernen. Dazu zählt nicht nur was PTBS oder MD heißt, sondern auch zu wissen, wie sich Kopfschmerz und ein taubes Bein anfühlt. Es ist dabei nicht so, dass ich mir unbedingt wünschte, ein taubes Bein zu haben oder es vielleicht sogar absichtlich betäuben würde. Aber wenn es einmal da ist, springt in mir - nach einem kurzen Schreck - schnell ein Schalter um. Schon befinde ich mich im - sagen wir im kreativen - Forscher-Modus. Wie lange braucht eine klaffende Wunde zum Heilen? Wie viele Adjektive können Müdigkeit beschreiben? Wie fühlt es sich an, ein taubes Bein zu rasieren? Wie lange muss man kratzen bis es blutet? Wie visualisiert man Migräne? Wie beschreibt man Depressionen? Ich habe darauf jede Menge Antworten - die alle kaum etwas mit biologisch, chemischen oder physikalischen Faktoren zu tun haben. Denn alles, was mit den "tatsächlichen" Prozessen im Körper zu tun hat, finde ich abstoßend bis ekelhaft. Was aber auch einen gewissen Reiz hat. Als Kind blätterte ich immerhin ziemlich regelmäßig durch das zerfledderte Anatomie-Buch, dass ich nun wieder heraus gekramt habe. Oder sezierte meine Haare im Mikroskop. Auch heute schauert es mich etwas bei der Vorstellung der seltsam ekelhaften Strukturen, die angeblich meine Haaren gewesen sein sollen. Meine Angst ist dabei vermutlich auch, dass diese Vorgänge kaum mehr kontrollierbar scheinen. Ich habe Angst, dass ich meinen Einfluss nicht an Mitochondrien testen könnte, dass sie nicht auf mich reagieren und mich im Regen stehen lassen, wenn ich sie bitte irgendwas für mich zu tun. Da fängt aber auch schon das wirkliche Problem an, denn ich habe keine Ahnung was sie für mich tun könnten. Ich habe keine Ahnung ob sie bei Prozessen wie Migräne und Neurodermitis beteiligt sind. Natürlich, ich kann sie googlen, kann lernen, dass sie "die Kraftwerke“ der Zellen bezeichnet werden und dass ohne sie so ziemlich nichts passiert. Aber ich verstehe das nicht. Sie sind mir viel zu unsichtbar. Ich weiß sehr wohl um den Zusammenhang zwischen anatomischen und psychischem Körper, aber ich kann ihn nicht spüren. Ich spüre meine kalten Hände, meinen bewölkten Kopf und meine Füße fest auf dem Boden, aber ich will nicht wissen welches Mitochondrium dafür verantwortlich ist. Ich finde es viel interessanter wo her der Körper kommt und was er erlebt hat, den jeder Körper kann Geschichten erzählen. Von klaffenden Wunden bis Perlenohrringen, alles scheint irgendwie wichtiger als der Aufbau einer Zelle. Ich weiß, dass ich damit unrecht habe, aber ich spüre, dass es mir egal ist. Und es ist nicht so als würde ich nichts spüren! Im Gegenteil, ich bin äußerst sensibel wenn es um mich - meinen Körper - geht. Ich leide viel, ich rede und schreibe viel darüber (merkt man kaum!). Ich merke wenn man mir - meinem Körper- auf die Pelle rückt, merke, wenn ich mich - meinen Körper - nicht leiden kann, wenn ich in den Spiegel gucke und mich - meinen Körper - am liebsten gegen ein nicht jammerndes Kamel tauschen würde. Ich merke, dass es gut tut, mehr in den Füßen zu spüren, als in bewölkten Kopfregionen zu wandern, spüre, dass es heilsam ist zu essen und zu schlafen wenn ich es brauche. Dass es heilsam ist, meinen Körper auch mal loszulassen, ihn weniger als Forschungsinstrument zu nutzen, ihn mehr zu schätzen und lieben zu lernen. Das "verstehen" nicht "erlebt haben" heißt, weiß ich. Auch, dass ich nicht alles - dass ich nicht jeden - verstehen kann. Trotzdem bin ich immer wieder überrascht, wenn genau das passiert. Wenn ich plötzlich und völlig unvorbereitet am Ende meines nicht vorhandenen Lateins bin und mir keinen Reim darauf machen kann, wie sich eine Person fühlt. Was sie spürt, wie es sich anfühlt. Dass ich nichts dazu sagen und nichts dagegen tun kann. Keinen Rat geben, keine Sorgen teilen kann. Nicht mal mehr eine extrastarke Ibu reichen kann. Und weil dieses Gefühl für mich so schrecklich unerträglich ist, fange ich überdramatisch an, von meinen vermutlich ziemlich harmlosen Körperstörungen zu erzählen. 

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Text als therapeutische Maßnahme dieser Woche.