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Donnerstag, 2. April 2020

Überprüfen Sie Ihren Einkauf und gehen Sie zur Kasse

Ein nervöses Zucken in meinem linken Auge. 
Vielleicht liegt es daran, dass ich seit Ewigkeiten in meinen Laptop starre. Ich habe viel in meinen Einkaufswagen gepackt, einiges wieder gelöscht und ein paar neue Sachen hinein gelegt. Eine Joggpants und ein fucking Morgenmantel sind auch dabei. Alte! Vielleicht liegt es aber am Wetter - also das nervöse Augen zucken (Umschwung? helles Licht und kalte Luft? warme dann wieder kalte Luft? zu viel Drinne und zu wenig Draußen? oder einfach zu wenig Abwechslung, oder doch zuviel? oder es ist einfach zu krass alles? ja... am Ende ist eh alles zu krass)? Oder doch Corona? Von Augen zucken stand da eigentlich nichts. Nirgendwo. Nicht mal auf den fraglichen Seiten. Aber wer weiß? Vielleicht ein unentdecktes Symtom? Oder das Symtom der Symptome? Und trauen kann ich am Ende ja eh niemanden, außer mir selbst. Und mir selbst traue ich sowieso schon lange nicht mehr. 
Meine Hände sind auch kalt. Und das schon seit Tagen. Und irgendwie werden sie auch nicht mehr warm. Weil; ist ja Kontaktsperre und wer will da schon freiwillig Hände wärmen. Seit Tagen sitze ich auf meinem blauen Sofa mit dem blauen Meer im Hintergrund und lasse mich jeden Abend pünklich um halb 8 (dann Zeitumstellung: schon halb sieben!) die Planzen ans Gesicht projektieren. Das sieht so schön aus (denke ich), dass ich einige Selfies mache (sieht gar nicht soo schön aus) und dann starre ich wieder in meinen Laptop der in einem perfekten 45 Grad Winkel auf meinen Knien trohnt.
Im Hintergrund läuft abwechselend Dire Strait "Sultans of Swing" und The Zombies "Time of the Season". Extra laut und so dass es mit Sicherheit sehr ungesund ist. Wahrscheinlich habe ich spätestens wenn die Sache vorbei ist einen Hörschaden. "Die Sache" ist wie alles was man nicht mehr beim Namen nennt mysteriös und gefährlich. Also wirklich! Vielleicht ist die Sache aber auch nie nie vorbei und ich habe trotzdem einen Hörschaden. 
Immer wenn "what your name? who's your daddy... is the rich like me?" kommt, singe ich sehr laut mit. Das selbe gilt natürlich für "And Harry doesn't mind, if he doesn't, make the scene" Mehr kann ich nicht, obwohl ich quasi nichts anderes mache. Ich weiß nicht mal um was es in den Songs geht. Und ich werde es auch garantiert nicht nach gucken. 
Und die Sonne geht unter. Und klar, ich habe es schon mit anderen Songs versucht. Aber es geht nicht. Es scheint so, als hätte mein Gehirn noch Platz für diese beiden Stücke vollendeter Musikgeschichte. In den letzten Wochen habe ich so viel Zeit und wenig Erkenntnisse gehabt. Es ist so als würde mein Gehirn auf Stormsparmodus laufen. Auch mit den Wörtern klappt es nur noch so 50/50 und es passiert häufiger, dass ich die falschen Artikel benutze, wenn ich mit meinen Planzen oder mit mir selbst rede. "Ok ihr Lieben, es wird mal wieder Zeit den Planzen zu duschen" und solche Sachen kommen dabei raus. 
Dafür träume ich wild, sehr realistisch und wache jeden Morgen äußert gestresst auf. Es ist so, als hätten sich Tag und Nacht verschoben. In meinen Träumen fahre ich in schwarz lackierten SUVs durch die Straßen, wundere mich mal wieder, dass niemand checkt, dass ich keinen Führerschein habe und treffe mich mit all meinen Freunden und Nicht-Freunden. Ich verreise und verpasse andauernd Züge. Dann wache ich auf und schlafe quasi den ganzen Tag. Außer dass ich eben wach bin. Und andauernd drifte ich ab und befinde mich dann Jahre wo anderes. Zum Beispiel auf Klassenfahrt oder im Club oder am Strand. Und dann bin ich wieder hier und plötzlich ist es schon dunkel und ich habe noch nichts gegessen und bin ganz durstig. 
Manchmal verwechsele ich schon völlig die Uhrzeiten und mache mir Porridge als Abendbrot (WTF?), manchmal haue ich mir auch einen Gin-Tonic zum Frühstück rein (WTF? aber stört ja keinen) und klicke mich dann wieder durch meine ganzen Einkaufswagen.
Gerade liegen darin: eine Gesichtscreme mit Lichtschutzfaktor 50 und eine Menstruationstasse. WTF!! Als ob ich jemals das Haus verlassen werde und mein Körper ist sowieso viel zu gestresst um bluten zu können. Deshalb klicke ich nicht auf "zur Kasse gehen" sondern lösche die Artikel lieber wieder und lege stattdessen einen super soften BH und anthroposophische Augentropfen hinein. You never know. Auf Instagramm empfehlen sie alle Everyday Workouts und lesen jeden Tag fünf Bücher (was sagt das über unsere Gesellschaft aus?). Auf Netflix schauen sie alle Tiger-Dokus, Freud Verschnitt-Serien und "Unorthodox". Ich dagegen habe mit "Breaking Bad" begonnen. Was die Sache nicht besser macht (Natürlich nicht. Natürlich macht gar nichts die Sache besser.)
Mein Handy blinkt und mein Vater gibt mir Youtube Tipps. Außerdem werde ich daran erinnert mehr Wasser zutrinken und endlich das Live-Workout (was jetzt nicht mehr live ist) mit zu machen. Und meine Arbeitskolleginnen rufen an und erinneren mich dass ja morgen Telefonkonferenz ist. 
Stimmt, eigentlich bin ich ja im Home-Office. Aber ist nicht morgen eh Ostern? 
Mein Lieblingsfeiertag, wie traurig.
Der Himmel hat sich jetzt hellrot verfärbt und ich sitze im stockdunklen. Mein Handyakku geht leer und deshalb hört auch "Sultans of Swings" abruppt auf. Ich höre ein leises Fluchen im Nebenzimmer, den Staubsauger eine Etage tiefer und die Nähmaschine nebenan rattern und erinnere mich, während mein Auge nervös und leidenschaflich weiter vor sich hin zuckt; ich bin nicht alleine.


Wahrheit und Fiktion liegen ja bekanntlich nahe beieinander.
Everybody: Freak, but stay strong!

Montag, 13. Januar 2020

Beeing 30

Auch wenn ich dieses - also nein letztes - Jahr kaum Zeit hatte nur zwei Post zu verfassen (Ausrede!), nehme ich mir jetzt die Zeit für einen ordentlichen Jahres-Ab-Riss. Für wen (ich nehme an, außer meinen treusten Leser*innen - meinen Eltern - liest das hier niemand)? Natürlich hauptsächlich für mich und das Universium. Den hier bleibt alles und nichts geht verloren. Oder alles geht verloren und nichts bleibt? Ansichts-Sache. 
Immerhin sind es gerade (als ich den Post schreibe und dann vergesse zu posten...) die "Rauhnächte" (ja, schon wieder so ein Eso-Scheiß, bzw. Neo-Eso-Gehype!) und mir wurde nahegelegt, dass ich mich nun noch mehr mit Selbstreflektion als sowieso schon beschäftigen soll. Rauhnächte = Besinnung = Ego- statt Altruismus. Und dennoch ein schöner Ismus. Denn wo kämen wir ohne die hin?
2019 geht jedenfalls in meine Geschichte ein, als das erste Jahr in dem ich einen "richtigen Job" ausgeübt habe, tatsächlich kaum krank war und ich dreißig wurde. Whaaat?
Jep, nun bin ich also in einem neuen Zeitalter angekommen. In diesem konsumiert man jetzt nur noch Nerven- und Verbentee, plant den Erhalt der Menschheit und sucht im Netz nach dem perfekten Spot zum Niederlassen - oder Knien. Naja schaun wir mal!
Um es vorweg zu nehmen, ich und mein stählender Körper leben nicht in einem Tiny-Haus und backen - polnisch lernend - jeden Tag kuchen! Aber Hey; immerhin habe ich jetzt E-Antrieb (an meinem Klapp-Rad).

Viel zu strampeln (wenn auch mit E-Antrieb)!

Neben viel (neuer und intensiver) Arbeit voller Erfolgs- und Ohnmachtsmomenten, war 2019 auch ein Jahr der Wochenend-Ausflüge und 10000000 Stunden (ein Schätzwert) Zugfahren. Und wirklich voller Scheiß-Schreckensmomente. Und voller Ideen. Ich glaube ich war selten so manisch. Und depri. Also ziemlich bi-polar. Aber das wäre auch wieder völlig manisch. Also eher: normal neurotisch.
(Wobei normal ja auch ein schrecklich Wort ist.)
Kurzum: in diesem Jahr habe ich mich in einem permanenten Struggle zwischen Überforderung und innerem Wachstum gefühlt. Ich habe so viel gelernt und hatte so viele kleine Nervenzusammenbrüche. Auf Dauer also ziemlich anstrengend. Insbesondere weil mir ein Ausgleich dieses Spannungsverhältnis gefehlt hat. Das waren auch die Auswirkungen von 2019: fast alle meiner engen Freunde sind aus der Stadt verschwunden. Und im Grunde sind keine neuen dazu gekommen. Was ich also sonst mit langen Waldspaziergängen oder intensivem Kaffee-trinken mit Deep-Talk und einer guten Freundin ausgleiche, viel plötzlich (fast) weg. Was für mich auch ziemlich schockierend war; selbst kaum Zeit und Energie für Alltagsbegenungen zu haben. Umso schöner, dass ich die Zeit und das Geld (!) hatte, auf diversen Wochend-Ausflügen meine Lieblingsmenschen - in ganz Deutschand verteilt - zu besuchen.

 

10000 Ideen, ohne eine Konsequenz

Mein Kopf hat selten so viel und so schnell arbeiten müssen wie 2019 habe ich das Gefühl, aber vielleicht liegt es auch einfach an dem Fact, dass es langsam anfängt langsamer und angestrengter arbeitet. So viele großartige Ideen ich dieses Jahr hatte, so wenig habe ich davon tatsächlich umgesetzt. Klar, meine Spinnerein sind nicht immer sofort und oder überhaupt umsetzbar und dennoch macht es wenig Spaß, wenn alles immer (generalisiert, natürlich) nur Zukunftsmusik bleibt. Hier wird aber auch meine große Schwäche sichtbar; Ungeduld und meine ständige "I want it all and i want it now" Mentalität, die wirklich krass anstrengend sein kann.

bitte mehr: Flow!

Ganz dem Zeitgeist entsprechend wünsche ich mir für das kommende Jahr nicht nur, dass die Welt noch die Kurve kriegt und einige zur Besinnung kommen, sondern natürlich auch mehr achtsames und gewaltfreies dahin flow'en. 2019 gab es ein paar Momente des Flows, aber grundsätzlich waren diese eher rar. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mehr bei mir ankomme, anstatt irgendwas seien zu zu wollen, was ich nicht bin und mich weniger (aber natürlich immer noch) schere was die anderen denken. Ich wünsche mir deshalb dafür  Mut und Verständnis vom Universum und meinen Mitmenschen (haha, sind wir hier bei Wünsch dir was?). Damit meine ich auch: einfach mal Volle Kanne machen und gucken was passiert. Mehr "do things you love", denn "Selbstmanagement" als Ausgleichz zu Welt- und Wachstumsschmerz. Damit impliziere ich aber auch: es wird weiterhin herausfordernd (aber das war ja zu erwarten).

Am Ende bin ich so dankbar, dass ich so viel Zeit/Raum/Ressourcen für Selbstreflektion und Gelaber/ Geschreibe, für rumreisen und rumeiern, streunern und gärtnern, kochen und viel essen, disktutieren, lesen und lamentieren, für Yoga und Siebdruck und all den ganzen Scheiß habe. Dafür lohnt es sich der ganze Aufwand (das Leben) allemal. (amen.)



Dienstag, 19. Februar 2019

crazy little thing called Feierabend.


Ich warte auf etwas, auf was ich niemals warten wollte. Mein Nacken ist verspannt und eine Handbreite unter meiner linken Schulter wird der Daumengroße Knubbel langsam hart wie Stein.  Meine Finger tippen müde auf dem Stück Plastik vor mir herum. Machen klick, klack, klack. Ich summe dazu ein bisschen, popele in der Nase, gähne. Die einzige Pflanze in diesem Raum ist inzwischen ganz blass geworden. Sie ist nicht mal mehr grün, sondern eher fad. So eine Pflanze, die langsam ihre Farbe verliert, habe ich noch nie gesehen. Ich frage mich, ob sie irgendwann weiß wird, oder ob sie vorher stirbt. Sie ist meine Metapher-Pflanze, ich nenne sie 'Über-Ich'. 

Durch die Tür kommt eine Person. Frida. Sie sagt 'naaa bald so weit?'. Ich sage 'ja bald', lächele sie an, eher fad und stelle mir indes vor, ich würde meine Tagesgespräche codieren. Ich überlege mir kurz einige Kategorien: Abkürzungen, Codes, Zeit, Gemüt. Dann schließe ich die Excel-Tabelle und überlege was als nächstes zu tun ist. Meine To-Do-Liste ist genauso lang wie meine imaginäre Ikea-Einkaufsliste. Und ebenso urgent. Frida kommt wieder. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen und schreibe deshalb nur Blödsinn auf meinen Notizzettel. Z.B. Gedanken-reißen. Das passiert mir häufiger. Ich versuche mich auf ein kurzes Gespräch mit diversen Abkürzungen und Codes zum Thema Zeit und Gemüt zu konzentrieren.
'Alles ok?' Ich verziehe den Mund zu einem langen Schlitz und lächele mild. Da ich nicht lügen kann, mache ich stattdessen interpretierbare Grimassen. 'ohje'- Schiefer Blick. 'hast du schon das neue Formular ausgefüllt?' 'welches?' 'na das zur Verhinderung von Spaß am Arbeitsplatz!' Frida lacht laut und ich starre in den PC. Ich rolle ironisch mit den Augen und sage 'ha ha'. Über-ich schaut mich traurig an, Frida geht.

All dieses Potenial das hier rumliegt. In Scheiben und ordentlich sortiert. Ich schreibe auf meinen Merkzettel: positive Einstellungen infiltrieren. Sonst bekomme ich noch den Preis für die grummeligste Person, die hier jemals gearbeitet hat, die ständig flucht und blass wird, wenn sie einen elektrischen Schlag von der Türklinke bekommt. Ich arbeite weiter und hart an mir. Ich sehe, dass der Himmel wieder blau wird. Fülle Formulare aus und schreibe Protokolle und Pressemitteilungen. Ich schreibe bis meine Finger wund werden und mein Po dazu. Dann stehe ich auf, lasse mir einen letzten Schlag geben, schaue bei Frida rein, sage ihr Tschüss, wünsche einen schönen Tag, hebe die Hand für einen letzten Gruß und verlasse mit gesenktem Blick das gläserne Gebäude. Die Frau am Empfang schaut kurz hoch, als ich an ihr vorbei gehe und sagt mit einem strahlenden Lächeln, das ebenso schief in ihrem pausbäckigen Gesicht hängt: 'schönen Feierabend'. Ihre Bluse ist wie der Subtext Alarm-rot.

Samstag, 29. Dezember 2018

2018: let's sum it up!

Lights will guide you! Aber wohin bloß?
Ja, ich wollte schon immer mal einen Jahresrückblick schreiben! Also: here you go, Generalisierungen und Romantisierungen sind natürlich vorprogrammiert. (Die Untermalung mit Jahresendzeitstimmungsbildern ist natürlich relevant!)

Fangen wir an mit '2018 in einem Wort': voll. Voll gepackt mit Anstrengungen, Glücksmomenten, voller Zweifeln und voller Erfolg. Voll mit Krankheiten, voll mit Gesundheiten (Hatschiii). Wahnsinnig schönem Wetter und einem nicht enden wollendem Sommer. Einigen großartigen Reisen und ein paar Meilensteinen: einem Master und einem ("wirklich richtigen!") Job. Mein Vater freute sich jedenfalls "hast du es kurz vor 30 doch noch geschafft!". Ja, was soll ich sagen? Auf den letzten Metern Abgrund noch mal Vollgas gegeben (so wie man im Master Kulturwissenschaften eben 'Vollgas' geben kann). Dieser geistige, körperliche und psychische Rundum-Einsatz hatte zur Folge, dass 2018 im Gegensatz zu 2017 wirklich kein bisschen langweilig. Also immerhin!

'Meine Lieblingsorte 2018':
Die ersten Monate des neuen Jahres verbrachte ich hauptsächlich an einem Ort: der niegelnagel neuen Uni-Bib. Noch vor allen anderen vielen anderen Menschen konnte ich den schiffsartigen Koloss mit Modern-Art-Galerie Charakter stundenlang 'erforschen'. Ich fuhr nicht nur Bücher durch alle öffentlichen und geheimen Stockwerke und gab ihnen ein neues Zuhause, nein, ich wurde am Ende zum Bib-Vorzeige-Gesicht durch einen spontanen Dreh vom Hessischen Rundfunk. Mit einem Satz und ein paar seltsamen Moves wurde ich quasi über Nacht berühmt (haha). Naja, jedenfalls 5 Sekunden Fame oder so. 
Die andere Hälfte meiner Zeit saß ich an einem Platz im ersten Stock rechts vor dem Baum und schrieb. Über Menstruation. Meine Masterarbeit.
Meine anderen Lieblingsorte waren im nicht endenden Sommer der Lahnsteg und das Lahnwehr im Südviertels Marburgs, wo ich stundenlang rum lag und mir Gedanken über meine Zukunft machte, hin und wieder ins Wasser sprang und sogar einen leichten Teint bekam.
Den ganzen Sommer war ich ansonsten auch ein großer Fan unserer Wohnung. Flutlicht olé! Da uns dieses Fluchtlicht im Winter aber als Wärmequelle ausreichte, zogen wir etwas überstürzt aus dem Bunker in den AKW. Dort gibt es endlich Wärme im Winter (aber keinen Atomstorm!) und bald auch viel Platz. Erstmal haben wir uns aber im Downsizing erprobt und es uns auf 15 Quatratzimmer bequem gemacht. C und ich waren ausserdem zum ersten Mal beide gleichzeitig krank, die Virenanzahl verteilt auf die Quadratmeterzahl war also gigantisch. Ansonsten haben wir wieder ein bisschen wildromantisches WG-Feeling abbekommen und geniessen dazu die Stille mit Alpenfeeling. Alles traumhaft sollte man meinen.

Ebenfalls ein Hightlight 2018: die Sperrung der Erlenringbrücke in Marburg!
Albträume und Träume 2018: dieses Jahr hatte ich sowohl intensivere Alb- als auch normal-gute Träume, wenn ich das mal so im Kopf überschlage. Die meisten Ängste rührten und rühren vermutlich aus dem Feld der Arbeits- und Versagens-Angst, welche dieses Jahr vermutlich besonders stark ausgeprägt war. Nicht groß verwunderlich, weil es (gefühlt) so viel zu Versagen und Arbeiten gab. Vergleiche mit anderen Menschen haben die Sache noch nie verbessert, wurden aber immer wieder gerne von mir als Mittel der Qual genutzt. Besonders gut funktioniert das übrings wenn man irgendwelche alten Bekannten oder Klassenkameraden stalkt und sich dann eine perfekte Welt ausmalt. Nur so als kleiner Tipp. Auch schön scheisse fühlt man sich, wenn man Menschen trifft, die viel jünger, viel schöner und viel weiter gekommen sind als man selbst. Und davon gibt es bekanntlich zahlreiche, wenn man erstmal mit dem Suchen anfängt. Trotz meiner ausgeprägten Selbstzweifel habe ich ziemlich schnell einen Job gefunden, was nicht heisst das sich die Zweifel damit erledigt hätten. Im Gegenteil: manchmal fühle ich mich so hilflos und klein wie nie zu vor. Und das mit fast 30. Komisch, wenn ich dann an mein jugendliches Ich denke, das dachte 'mit 30 hast du deinen Shit auf jeden Fall zusammen, trägst jeden Tag Highheels und bist auf jeden Fall reich' (oh man!). Ein vielzitiertes Zitat das ich dieses Jahr wieder ausgepackt habe und an dieser Stelle gut passt "nobody said it would be easy, no one ever said it would be this hard" (opa coldplay).
Einen Traum den ich mir (ungeachtet das es ein Traum sein könnte) erfüllt habe, war meine Wanderschaft zwischen Master und Job, meine selbstkreeiertes Übergangsritual. 260 km durch Portugal und Spanien, zu Fuß. Definitiv ein Highlight, auch weil ich noch nie so wenig über den Sinn des oder meines Lebens nachgedacht habe: erfrischend.
Dass ich meine Masterarbeit über Menstruation geforscht und geschrieben habe, war ebenfalls kein Traum von mir, hat aber am Ende ganz gut funktioniert. Der Körper und Gender Themen-Komplex hat mich also noch nicht losgelassen und fängt immer wieder ein bisschen Feuer.
triste Komposition mit Hoffnungsschimmer
Mein neuer Job hat (interesanterweise?) mit alldem wenig zu tun. Er strengt mich an und fordert mich auf ungeahnte weise. Bürokratie trifft Netzwerk und zeugt zusammen ein Projekt. Das mit einigen Ambivalenzen und schwierigen Bedingungen inflitriert ist. Aber ich versuche mich im Glauben, dass alles irgendwie seinen Platz findet und übe mich auf dem Weg darin, weniger Vollgas zu geben und kleine Etappensiege zu feiern. 

Reisen 2018: holländisches Silvester, mallorquinischer Frühling, Krakow im Juni und Schweden im August, den Abschluss machte der portugisischer Jakobsweg im September/ Oktober und ein paar Tage Auszeit im Renterort zwischen den Jahren. Das Jahr war voller schöner, intensiver und überraschender Reisen. Ich hätte zum Beispiel nicht gedacht, dass ich irgendwann mal wieder mit meinen Eltern verreise. Und das es erstaunlich entspannt werden sollte. Und so kalt! Krakow hat mir wieder Lust auf Reisen und sich treiben lassen gemacht und Schweden gezeigt, dass ich doch die südlichen Gefilde und Meer bevorzuge. Aber das ist ja auch okay.

(Non-) Entdeckungen und Erkenntnisse 2018: Ich habe Jonglieren gelernt! Diesen Erfolg hätte ich fast vergessen zu erwähnen. Einen schönen Köpper habe ich leider nicht geschafft. Mit Haarseife bin ich auch nicht warm geworden. Dafür hatte ich ein paar andere Erkenntnisse, zum Beispiel, dass die Welt nicht von meiner Arbeit abhängt oder untergeht (die Bib allerdings schon. Ich sage nur Jahrhundertflut!). Auch, dass Pendeln eine Herrausforderung darstellt, besonders wenn man auf öffentliche Verkehrsmittel und Fahrräder angewiesen ist. Dazu die Schlagwörter: Virenschleuder, Hustkonzert und Oberleitungsstörung (natürlich!). Mit einem E-Bike unter dem Arsch sähe die Sache vielleicht etwas bequemer, allerdings nicht viel weniger nervig aus.

Weniger Müll wäre schön!
2018 begann mit Regenwetter in Holland und einem gerade erholten Grippekörper und endet mit einem (hoffentlich bis dahin) erholten Grippekörper bei Regenwetter (recht wahrscheinlich!) in der Eifel. Also irgendwie doch rund.

Meine Pläne für kommendes Jahr: endlich doch noch einen gestählten Körper mit einprogrammierter Viren-Abwehr bekommen, äh kaufen? Keine Ahnung, jedenfalls stählern! Vielleicht doch mal mehr schreiben? Vielleicht doch entspannter werden? Die typisch idiotischen Vorsätze also. Ansonsten habe ich noch andere absurde Wünsche zum Beispiel polnisch lernen oder endlich mal einen leckeren Kuchen backen. Oder natürlich besagtes E-Bike, als Möglichkeit mal mit so richtig PS Gaß zu geben (haha). Und wenn es nur für den AKW-Hügel gut sein wird! Als Altervorsorge und PlanXY steht auch immer noch ein Traum-Tiny-House auf meiner Wunschliste. Natürlich mit integrierter Regendusche und rießen Badewanne!
Natürlich wünsche ich mir immer noch eine bessere Welt, weniger Krieg und mehr Verständnis für alle! Aber ich bin auch dankbar, für das, was ich habe und das, was ich seien kann. Jedenfalls versuche ich das (auch wenn es mir nicht immer geklingt). Danke an alle Menschen, die täglich dazu beitragen, dass die Welt in der ich lebe so herzlich und bunt ist! 

Dienstag, 25. September 2018

How to create yourself a Übergangsritual?

Sinnbild, passend zum Thema (ebenfalls Portugal).

Um von einer Phase in eine andere zu gelangen braucht muss man meist nur weiter zu laufen. So lange bis man automatisch da angekommen ist, wo das nächste Abenteuer beginnt. Meist erwartet einen dann auch kein Startschild, kein Warnsignal oder keine besonders rührige Rede, sondern ein Wald voller neuer, wirrer Wege und Herrausforderungen. Manchmal ändert sich nichts, außer die Morgenroutine (gezwungenermaßen) oder ein neuer Titel, mit dem man glänzen kann (Master of Desaster?). Manchmal ändert sich nichts und trotzdem die Gewohnheiten, die Orte an denen man sich ab sofort aufhält, die Dinge, die man ab sofort anfängt. Manchmal ändert sich alles ohne dass ein Übergang überhaupt stattgefunden hat.  
Konkreter beschrieben: gefühlt ändert sich einiges (ein Job mit neuen Strukturen, Aufgaben und Inhalten), während ich bleibe wer ich bin (vielleicht). Natürlich blinken da Warnsignale innerlich und ab und zu auf (schaffe ich das? kann ich das? will ich das? bin ich das?). Panik und Vorfreude überwiegen gleichermaßen. Aus diesem fluiden Zustand heraus bietet es sich an etwas zu machen und einen methaphorischen Übergang praktisch zu durchlaufen (dachte ich mir). Vor allem wenn man (also ich) noch zweieinhalb freie Woche vor dem neuen Arbeitsleben hat! Als metaphorisch-aufgeladenen Weg habe ich mir den portugiesischen Jakobsweg (von Porto bis Santiago) ausgesucht, denn was eignet sich besser für einen Übergangsritual, als ein sowieso schon spirituell-kapitalistisch ausgebeuteter Weg? Eben! 

Ebenso gespannt wie auf die Kilometer, Herbergen, Landschaften und Erkenntnisse, bin ich natürlich auf die Korrektur (oder Bestätigung?) all meiner schönen Vorurteile und Ängste, der Weg könne zu voll (keine Betten oder nur Schnarcher-Herbergen), zu laut (nie habe ich meine Ruhe), zu dogmatisch (alle ohne Kreuz am Hals und genügend Stempel im Stempelheft werden verachtet) und viel zu lang (ich gebe nach 10km auf und miete mich in einer Strandbar ein) sein (mal kurz zusammengefasst). 
Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dieses Abenteuer könnte genau das sein, was ich jetzt brauche: Bewegung, Zeit für mich, viel Meer und ja auch ein gut organisiertes Wandernetzwerk (bezahlbare Unterkünfte, gutes Essen und ausgeschilderte Wege). 
Eigentlich wollte ich bereits vor einigen Jahren den Küstenwanderweg in Spanien beschreiten, hatte mir schon ein ganzes Equipement an Wanderausrüstung angeschafft und bin am Ende dann doch zuhause geblieben (weil ich zu wenig Zeit, einen Umzug zu organisieren und wahrscheinlich doch etwas Schiss hatte). Laut meiner Recherche hat der portugiesischen Jakobsweg dem Küstenwanderweg gegenüber den Vorteil, dass er etwas einfacher (wenig bis keine Steigung), noch besser ausgebaut und zudem innerhalb von zwei Wochen laufbar ist. Deshalb habe ich mich spontan für diese Variante entschieden und zwei Flüge (nach Porto und von Santiago de Compostela zurück) gebucht. 

Und nun ist es schon so weit: mein Rucksack wiegt genau 7,5kg, ich habe den Personalguide zumindest überflogen (die Packliste etwas genauer angeschaut) und mir sogar zwei Muscheln als Wegbegleiter präpariert (eine für den Rucksack, eine für das Wanderdekollté, herje!). Meine Wanderoutfits sind alle Atmungaktiv, leicht trocknend und farbenfroh und Stift und Kladde für die Dokumentation von sämtlichen Geisterbegegnungen habe ich natürlich auch dabei. Kann nichts mehr schiefgehen. Also: let's fucking walk!
 
So - oder so ähnlich romantisch - soll das dann aussehen!



Samstag, 22. September 2018

lange Nächte im Schiffstrakt

Es ist dreiundzwanzig Uhr und vierundzwanzig Minuten, das Licht ist grell und kriselt. Im Schiffstrakt Eins-Ost ist es ruhig, ab und zu hustet wer (wegen der viel zu kalten Klimaanlage) und im Hintergrund tippen auch ein paar Menschen geräuschvoll Wörter in den hell flimmernden Computer (so wie ich). Seit fünf Stunden sitze ich hier und beschäftige mich hauptsächlich mit intensivem vor mich hin Starren und fröhlichem Zukunftsplanen. Also nicht so reelles Planen, mehr so Kopfkino. Hin und wieder fragt war was und ich höre zu, nicke, lächele und  antworte dann jedes Mal "es tut mir Leid, ich habe keine Ahnung". Viel lieber würde ich sagen "ich bin bloß eine Attrappe" oder "ich existiere hier nur zum Schein". Aber damit würde ich der Service-orientierten Haltung nicht mehr gerecht, die man uns hier versucht aufzuschwatzen. Nach dieser freundlich - aber bestimmten - Antworten werde ich feindselig angestarrt oder bekomme verbale Pflaumen an den Kopf geworden. Manchmal ist es auch einfach ein Stinkefinger. Dann schaue ich noch ungläubiger als sowieso schon, schüttele meinen trägen Kopf von der einen zur anderen Seite und möchte am liebsten schreien "I don't give a Fuck" oder zumindest mal "What the Fuck?" aber hier darf man ja nicht schreien. Nicht mal sprechen. Und ein geflüstertes Fluchen ist irgendwie auch nichts. Also bleibt es beim stoischen Kopfschütteln. 

Im Grunde ist es mir völlig egal, ob sich hier an die Regeln gehalten wird und eigentlich fände ich großen Gefallen daran, diese zu brechen oder anderen beim Brechen dieser Allgemeingültigkeiten zu zusehen. Aber alle verhalten sich meist so konform, dass ich mich kaum traue in die Tasten zu hauen, dass ich mich beim Trinken wirklich nur aufs Trinken konzentriere und auch das abrupte Aufstehen vermeide. Ich könnte etwas um rempeln, um schmeißen, Lärm oder Chaos verursachen und am Ende könnte ich Menschen davon abhalten wenige Sekunden starr und hochkonzentriert in die Bildschirme zu starren. Und das wäre wirklich viel zu crazy. Denn die Leute die hier um inzwischen viertel vor elf sitzen meinen es wirklich ernst und verstehen meistens auch nicht allzu viel Spaß. Wahrscheinlich haben sie Schlafstörungen. Sie sollten sich also lieber auf die neu eingerichtete Loungeecke schmeißen und die letzten Minuten vor sich hin dösen, statt hier einen auf Marathon zu machen. Wenn ich Krach machen dürfte, würde ich ihnen diesen Tipp gratis zu rufen... aber was red' ich: alle wie sie mögen. 
Ich mag allerdings nicht mehr und mein Kopf fällt alle paar Meter träge in Richtung rot lackierten Linoleumboden. Es wird Zeit, dass es einmal, dann zwei mal gongt und alle sich langsam hinaus begeben. Dass auch die letzten ihre Taschen packen, ihre Dokumente abspeichern und für einen kurzen Moment Frieden herrscht. 
Nachts im Schifftrakt. 

Samstag, 10. März 2018

Vollpfosten




Ich-sein ist anstrengend. Genauso anstrengend wie es vermutlich für alle anderen auch ist sie selbst zu sein. Genau so, nur anders eben. Und mit vertauschten Köpfen wäre die Sache auch nicht getan, denke ich und laufe mit meinem eigenen Kopf fast gegen eine Laternenstange. In der einen Hand meine getrockneten, ungeschwefelten Mangos in der anderen Hand einen spitzen und rauen Stein der in meiner Tasche liegt. Wenn ich nervös bin kralle ich mich gerne daran fest, so lange bis meine Hand ein wenig taub wird. Dann wird es unangenehm und ich ziehe meine Hand wieder aus der Jackentasche und schüttele sie ein bisschen, so als wäre da irgendwas Ekliges dran, was sich so abschütteln ließe. Ihr wisst was ich meine. Während ich also fast gegen die Laternenstange laufe, 100g beste Fairtrade-Ware in mich stopfe als gäbe es kein Morgen und mich gleichzeitig versuche mit einem lächerlichen Stein zu beruhigen, spüre ich diese Anstrengung und denke, 'ja in meinem Kopf ist es echt anstrengend'. Ja, so anstrengend, dass ich vielleicht hin und wieder absichtlich gegen Laternenstangen laufen sollte. Da mir direkt der tröstliche Gedanke kommt, dass es wahrscheinlich allen Menschen so geht, löst sich plötzlich der Vorgang und ich sehe einen Film wo alle Menschen ständig gegen Laternenstangen laufen und dabei denken 'bestimmt geht es allen so'. Da ich heute noch mit keinem Mensch gesprochen habe spüre ich den Impuls jemanden anzurempeln und mich zu informieren ob mein Kopfkino der Realität entsprechen könnte. 'Entschuldigung, möchten sie gerade auch gegen eine Laterne laufen?' 'ja?' 'dann tun wir es doch zusammen, sie von rechts, ich von links' und zack lägen wir beide mit voller Dröhnung auf dem Gehweg und niemand würde sich daran stören, weil es ja alle verstehen würden. Stattdessen passiert, was passieren musste und meine Hand wird taub und eklig. Eine Hintergrundmusik erklingt. 'shake it like a polaroid picuture'.



Zuhause lasse ich mein Leben Revue passieren, zumindest ein Teil davon. Deshalb kann ich auch sonst nichts machen und liege wie erstarrt auf dem Bett. Für andere könnte es so wirken als würde ich mich offenen Augen schlafen, tatsächlich arbeite ich härter als jemals zuvor. Das ist eher als Halbwahrheit zu verstehen, auch wenn alle wissen, dass ich das Wort Wahrheit entsprechend realitätsfremd einordnen würde. Aber wo war ich? Genau liegend auf dem Bett, da ist so als würden hundert Filme gleichzeitig abgespielt und so, als würde man andauernd von a nach b zappen und den Channel wechseln. Hin und her, vorwärts, rückwärts und wieder von vorne. Unfassbar wie lebendig alles sein kann, wenn der Körper gar nichts tut. Während mein Geist rennt, schlafen meine Körperteile. Das ist ein komisches Gefühl, aber es ist auch so als würde man sich wahrlos durchs Netz klicken, man kann einfach nicht aufhören. Am liebsten würde ich die wichtigsten Momente aufmalen oder abzeichnen um ihnen Fassung zu geben, aber was sind schon die wichtigsten? Und schon ploppt neben den hunderttausend Filmen ein kleines Ranking auf das im Sekundentakt wild vor sich hinblickt. Die Filme versuchen sich anzupassen aber scheinen sich auch nicht so richtig unterordnen zu wollen. Also tauchen hin und wieder Warnsignale in Form von konsistenten Bildern auf. Sie klingeln in meinem Kopf wie Rauchmelder.



Dann versuche ich es erneut, stelle mich auf die Matte und versuche wieder eins zu werden. Das ist kein leichtes Unterfangen wenn ich das Gefühl habe ich bestehe aus tausend verschiedenen Puzzle-Teilen die zum Teil von einem falschen Puzzlespiel kommen und nur aus versehen in dieser Körper-Box gelandet sind. Das Video trägt den Namen 'Self-Love' und noch bevor ich im herabschauenden Hund weiter vor mich hin existiere, sehe ich wie 10 Millionen Viewer gleichzeitig 'Self-Love' praktizieren und damit eine riesige Welle auslösen. Weil sie nicht zu Arbeit gehen steht alles still, weil alle im herabschauenden Hund sind und nur nach ihren Füßen gucken und sonst nichts. Kein Krieg, kein Gebrüll, selbst Babys und Kleinkinder, alle machen mit oder schauen zumindest irritierend aber zufrieden zu. Auf den Straßen kein Auto, keine Verschmutzung, weil alle gerade mit Selbstliebe beschäftigt sind. Kurzer Weltfrieden. Doch dann bricht der Hauptserver zusammen, die Liveübertragungen hängen und alle kollabieren langsam im Hund. 'Wie lange noch?' höre ich es schon von nebenan brüllen und irgendwo kommt auch ein verzweifeltes 'ich kann nicht mehr'. Irgendwann schon bald gibt der/die Erste auf und andere ziehen mit. Jeder einzelne Kopf ist voller Blut, jede Gesichtsfarbe irgendwie ungesund. Auch ich habe keinen Bock mehr, rolle mich erst ein, dann wieder auf, stehe kurz und lege mich dann wieder aufs Bett, drücke Play. Diesmal ein echter Film. Weil es auf Dauer auch gar nicht anders zu ertragen ist. 

Mensch-sein ist anstrengend. Das haben wir alle gemein. Doch die Ventile für Übermüdungs- und Abnutzungserscheinungen variieren, so dass am Ende doch niemand Niemand versteht. Oder wie Sophie Hunger fragen würde 'Niemand, was, was willst Du?'. Mein Ventil für zirkuläres Kopfkreisen und Körperauflösung begründet sich hier drin, im Aufschreiben, im Beschreiben von phantasierten Welten und realen Umständen, die sich zusammen mischen wie Kaffee mit Milch. Ein unterstätztes Spektakel (der Kaffee-Milch-Prozess).

Donnerstag, 15. Juni 2017

Zur allgemeinen (Wohnungs-)Lage:

Nein, ich korrigiere: Plage. 
Die allgemein hingenommen und gleichzeitig allgemein verabscheut wird. Und meine persönliche (höchst dramatische!) Story dazu. 

Ich stehe in einem Kellerloch, das nach Kellerloch riecht und frage, wie es denn so mit Schimmel sei. Kein Problem, bekomme ich als Antwort. So lange man nur alle Möbel einen halben Meter von der Wand abrücken würde. Ich betrachte argwöhnisch den Raum und stelle fest: alle Möbel befinden sich eigentlich in der Mitte des Zimmers. So lange man nur genug heizen und genug lüften würde. Man gewöhnt sich ja immer schnell an Alles, sage ich nüchtern und betrachte den Schlauch an Wohnung. Immerhin gibt es eine Küche, immerhin passt ins Schlafzimmer ein Bett. Immerhin. Alles keine Selbstverständlichkeit, alles schon gesehen. Ich erzähle dem im Grunde recht netten Typ von der Wohnung mit Schlafzimmer, in der kein Bett der Welt gepasst hat. Wir schimpfen eine Weile über die allgemeine Wohnungsplage. Dann verabschiede ich mich und trete – durch eine doppelte Pressspantür - aus dem Kellerloch in den tatsächlichen Fahrradkeller. Ich stolpere die Treppe hoch und atme erst einmal durch.

Nach fünf Wohnungsbesichtigungen fühle ich mich als bräuchte ich erst einmal eine Woche Spa-Urlaub und Asthmaspray. Bisher hatte ich wohl einfach immer ziemliches Glück gehabt und schnell ein WG-Zimmer gefunden. Klar, ich bezahle gerade auch nicht gerade wenig für meine schicken zwei Zimmer in meiner 150qm Altbau-WG. Klar, ich bin verwöhnt, in jeder Hinsicht. Und dennoch sehe ich nicht ein, in eine Zweizimmer-Schimmelbude zu ziehen! Und das für 700€ Warm.

Wohnungsbesichtigung Nummer neun, ich bin fünf Minuten zu früh, die Wohnung ist wieder Paterre. Ein ganz schlechtes Omen. Das „zweite Zimmer“ welches ich soeben betreten habe, ist in Wirklichkeit eine kleine dunkle Küche. Kann man ja so oder so verstehen, gibt der Vermieter mir ein wenig kleinlaut zu verstehen. Im anderen Zimmer gibt es nicht mal ein Fenster. Kein Keller, kein Balkon, kein Garten, kein Bad mit Fenster. Ich sage freundlich, dass ich mich besprechen und dann wieder melden werde. Ich schätze jedoch mein leicht säuerliches Gesicht hat bereits allen Beteiligten klar gemacht, dass ich lieber zu meinen Eltern in den Garten ziehe, als in diese fensterlose Miniaturbude. Dennoch lasse ich mich breit schlagen, mir auch noch nen Ort für die Waschmaschinen zu zeigen. Eigentlich das Beste an der ganzen Wohnung! Denn so sehe ich wenigstens noch nen wahrscheinlich mehrere Jahrhundert alten Gewölbekeller. Interessant ist es schon, murmele ich, während der Vermieter mich leicht ungläubig an sieht.

Nach zehn Wohnungsbesichtungen bin ich nur noch frustriert. Bisher haben wir nur zwei Wohnungen überhaupt zugesagt und warten seit dem im Hold-Modus auf Resonanz der Vermieter. Insgeheim haben wir beide Wohnungen schon komplett eingerichtet, wieder ausgeräumt und umgestaltet. Theoretisch habe ich bereits den jeweils passenden Tisch bei Ebay Kleinanzeigen gekauft, praktisch habe ich jede Nacht von der Plage geträumt. Inzwischen halte ich alles für verhextes Schicksal und entweder für ein großes, sehr ungerechtes Unglück, für eine Bestrafung oder für schlechtes Karma. Natürlich ist das völlig überzogen und angesichts der Weltlage völlig unangebracht, aber so ist es nun mal. Ich verzweifle aus folgenden Gründen: der Tatsache, dass ich andauernd mit meiner Zukunft und den dazugehörigen sehr realen Ängsten konfrontiert bin. Dass ich andauernd beweisen muss, warum ich die Richtige für diese bescheuerte Wohnung sein soll. Was die „richtige“ Wohnung für mich ist. Wie ich mich präsentieren muss, um die „richtige“ Wohnung zu bekommen. Wann ich was wie weglassen und was ich wie wann erwähnen sollte. Was für Rechte und welche Pflichten ich habe wenn ich einziehen darf. Die ganze Abhängigkeitsscheisse eben. Wie viele Kompromisse ertragbar und wie viel Raum nötig ist. Wie viel Platz ausreicht. Dazu kommt, dass nicht nur ich entscheide, sondern wir. Wir sind ganz neu in diesem Metier. Aber, wir sind ja stark. Donnerstag um halb neun flattert dann ein Mietvertrag rein.  Einfach so, zack, hängt er als Attachment in der Mail. Ganz ohne Vorwarnung, ganz ohne Schnickschnack. Im Kopf waren wir längst wieder raus, wo anders, in Gedanken, bei Alternativen und im ständigen Such-Rausch.Nach zerissenen Gefühlen, ambivalenzen Tendenzen, einer Pro- und Kontra-Liste (ich hätte Niemals gedacht wie spießig ich geworden bin) und ein paar Pseudobesichtigungen haben wir zugesagt. Ohne das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben, aber mit dem Gefühl, keine Energie mehr für die Suche nach dem "Richtigen“ aufbringen zu können. Uns dem Wohnungsmarkt zu opfern, wie alle anderen auch. Im Rahmen der Möglichkeiten und so, dass unsere Ansprüche einer zentralen Wohnung erfüllt sind. Wenn also alles gut geht, haben wir also bald eine kleine gemeinsame Wohnung. Zwei Zimmer, Küche, Bad und ein kleiner Balkon. Genauso wie AnnenMayKantereit und ich es mir gewünscht hatten. Nur eben kein Altbau, nur eben Plattenbau. Grau und hässlich- jedenfalls von Außen betrachtet. Wir werden es liebevoll ‚die graue Platte’ nennen. Und wie gesagt, man gewöhnt sich ja an alles sehr schnell.
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Happy End der Story und (fast so) grün: unser 5qm2 Balkonien!
Eigentlich wollte ich den Eintrag längst posten, hab es aber vergessen, verdrängt oder mich vielleicht nicht getraut. Drei Monate später kann ich sagen: Die graue Platte (die ich nie mehr als solche - sondern höchstens als Bettonklotz oder Bunker - bezeichne) und ich sind gute Freunde geworden. Um uns herum ist inzwischen ein tropischer Regenwald gewachsen, auf dem Balkon luken die Tomaten inzwischen über die Ballustrade und Fangen (im Kreis!) kann man auch ganz wunderbar spielen.

Montag, 3. Oktober 2016

(wake me up) when semptember ends...




Wenn vom Urlaub nur noch Stirnpickel und braune Füße übrig geblieben-, alle Hausarbeiten längst eingetütet sind und sich um kurz nach sieben der Himmel bläulich-rot verfärbt. Wenn sich leise Zweifel wie ein vorübergehender Schleier über die Stirn legen und erste Blätter am Schuh hängen bleiben. Wenn Serien weitergehen und man sehnsüchtig auf die ersten Pilze wartet, während man mittags manchmal draußen sitzt und die Haut immernoch salzig schmeckt, obwohl es doch schon bald wieder Weihnachten ist. Wenn man endlich Zeit für alle Dinge, die man so lange aufgeschoben, hat und immernoch keine Lust verspürt sie auszuführen.

Ein Klingeln im Kopf unterspricht meinen Gedankenschwall. Aus dem Klingeln wird ein existentielles Schmerzgefühl, dass sich so anfühlt, als würde man mein Gehirn mit einem Baseballschläger maltretieren und anschließend in einen Mixer stecken. Ich kotze nicht, aber bin kurz davor aus dem Fenster zu springen. Dort wo gerade noch der romantisch rote Himmel war ist jetzt schwarze Nacht. Ein paar Sterne blitzen provozierend auf. Aber ich halte auch gerade alles für reine Provokation. Auf meiner Stirn türmen sich Eisberge, auf meinen Augen liegt ein milchiger Film. Es schmeckt nach Gefrierfach und Sonnencreme. 

Das Klingeln wird zum Jucken wird wieder zum Milchfilm. September Transformationen die sich mit dem Prä-November-Blues vermischen und eine krisselige Mischung geben, vielleicht vergleichbar mit abgelaufenen Brausepulver. Nichts Neues, aber jedes Mal überraschend. 


(Achtung: evtl. neue Kategorie im Anmarsch) Erkenntnisse des Sommers 2016 (in alphabetischer -und mit falschen Doppelpunkten- bespickte Reihenfolge):

x Allgäu: gerne wieder (dann aber mit dichtem Zelt oder Luxus-Van?!)
x Bafög (-Ende): es wird Zeit sich (noch) einen Job zu suchen/ sich einen besseren Job zu suchen/ sich von Spaghetti zu ernähren/ sich umzuorientieren/ sich zu arrangieren / sich zu prostitutieren 
x Chaos: im Kopf
x Dreißig: wurden viele Menschen diesen Sommer
x Einführung in die Ethnologie: besser spät belesen, als gar nicht.
x Forest: und sein Sound in Südhessen
x Grüner Daumen: stolz auf drei überlebende und bis heute tragende Tomatenplanzen
x Hörbücher: sind besser als ihr Ruf (oder viel mehr den Ruf, den ich ihnen unterstellte!)
x Innere Aufregung: vor den Hochzeit die ich fotografiert habe
x Juli Zeh: "Unterleuten" !!
x Kein schönes Unterfangen: Autos mieten in Portugal
x Lesen: am Strand am Schönsten!
x Mantra: Don't Panic (wenn möglich).
x Nein Danke: Lebensmittelmotten
x Ohne Ende: nette Worte und Glückmomente in kleinen Häppchen   
x Pläne: Reisen, Haus renovieren, Garten beplanzen, Wände einreißen, Kuchen backen lernen, Aufgaben finden, im Zweifelsfall immer: ein Buch schreiben. 
x Quit: Panik/Zweifel/Zigaretten
x Reizlose Tätigkeit: Hausarbeiten schreiben in der semesterfreien Zeit
x Salzgehalt: von in Salz eingelegtem Bacelhau
x "Toni Erdman": sehenswerter Film! 
x Versuche: dich nicht immer zu unterschätzen.  
x Wunderschön: Portugal im September
x X-Mal: den Rücken einknacken lassen und trotzdem verspannt sein 
x Yeah, Yin Yoga! 
x Zeit: fliegt, stagniert, betrügt. 

alles in allem: ein schöner Sommer. x Und jetzt: Aufwachen und weiter machen!  

Mittwoch, 18. Mai 2016

Von Wurfzelten und Brennöfen


Ein Plädoyer fürs Ausprobieren (oder mal wieder ein narzistischer Text über den Lebensinn):

„Ich bin kein verdammtes Töpfergut.“ Mit diesem Gedanken und tiefen, hässlichen Sorgenfurchen laufe ich umher und hasse die Welt. Oder viel eher mich. Oder alle Anderen. Ich habe mich noch nicht entschieden. Wie immer. Der Höhepunkt meiner schlechten Laune war vor gut dreißig Minuten als meine Kollegin mal wieder von mir wissen wollte, was ich denn meinem Leben anfangen wolle. Was ich werden wolle. Was ich arbeiten wolle. Wie ich leben wolle. Mit sechsundzwanzig. Sie schreibt gerade ihre Doktorarbeit und hat ein geregeltes Leben mit geregelter Arbeit. Viele haben ein geregeltes Leben mit sechsundzwanzig, das ist nicht verwerflich. Sie wusste als sie diesen Job anfing, dass sie jetzt ihre Doktorarbeit schreiben würde. Sie wusste, dass gehört dazu wie alles andere. „so wie wenn du einen Töpferkurs belegst und dann deine Sachen in den Brennofen tust.“ So selbstverständlich war es für sie. Ich habe gerade mein zweites Studium abgebrochen und mein insgesamt viertes Studium begonnen. Ich versuche mit verschiedenen Jobs über Wasser zuhalten, damit ich irgendwann einen Abschluss habe von dem ich nicht weiß ob er mir andere Optionen ermöglicht als eben genau diese Nebenjobs. Unser Gespräch kann nicht funktionieren. Wir verstehen uns heute nicht. Völlig in Rage erzähle ich meiner Mitbewohnerin davon. Aber auch sie versteht mich heute nicht. Sie wusste nach dem Abi dass sie Lehrerin werden will. Sie macht Nebenjobs um dann Lehrerin zu sein. So wie sie es wollte. Ich wusste, dass ich nach dem Abi studieren will, also studierte ich. Sechs Jahre ist das her. Um mein Leben (mit zu) finanzieren arbeitete ich zwischendrin in Klamotten- und Schuhläden, als Kinderbetreuerin, Schauspielpatientin, studentische Hilfskraft, Hochzeitsfotografin und wenn man es genau nimmt war auch Beuteldesignerin dabei. Ich wollte Künstlerin, Journalistin, Psychotherapeutin, Erziehungswissenschaftlerin und Motologin werden. Tatsächlich habe ich einen Abschluss in Soziologie gemacht. Tatsächlich fand ich es immer gut wenn ich mich nicht entscheiden musste. Wenn es einfach so passierte. Tatsächlich habe ich Vieles ausprobiert. Ich bereue nichts davon, denn ich bin kein verdammtes Töpfergut. Ich bin unfertig, launisch und immer auf der Suche. Ich probiere gerne Dinge aus und höre immer genau dann damit auf, wenn ich es wirklich nicht mehr machen will. Das dauert manchmal mehrere Jahre, manchmal einen Tag. Letzte Woche wollte ich mir ein Wurfzelt kaufen und damit die Welt bereisen, was ich letztendlich nicht getan habe. Kann sein dass ich damit nicht besonders gesellschaftskompatibel bin und kann sein, dass ich deshalb manchmal so wütend werde. Weil ich weiß, dass ich einiges, vielleicht zuviel von meinem Leben erwarte. Dass ich manchmal wünschte alles wäre soviel einfacher, wenn ich nur wüsste was ich genau will. Was ich antworten könnte, wenn man mich fragt „Jetzt sag doch mal, was willst du denn machen?“ und mich dabei eindringlich ansieht. Ich könnte mir so Vieles vorstellen und so Vieles nicht. Von Anpassungsschwierigkeiten über Aufmüpfigkeit wurde mir schon Vieles an den Kopf geworden. Meistens von mir Selbst. „hab dich nicht so“, „stell dich nicht so an“, „alle machen das so“ und „zieh halt mal was durch“ sind trotzdem Sätze die nicht gerade zu meinen Favoriten gehören. Ich habe das Bedürfnis mich zu rechtfertigen und mich zu erklären. Den ganzen Druck abzuschütteln. Mich selbst von mir zu überzeugen und von der Flucht mit dem Wurfzelt abzubringen. Denn „wenn du von dir selbst flüchten willst, kannst du auch gleich hier bleiben“. Zitat von meiner Mutter, die Recht hat, hinter mir steht und irgendwie auch mitbeteiligt ist, am ganzen Dilemma. Sie hat mich gelernt, dass es nicht immer gut ist mitzuschwimmen und manchmal sogar angebracht auszusteigen. Dafür bin ich dankbar und dennoch verwirrt. Woher kann ich wissen, was das Richtige ist? Woher soll ich wissen, dass alles gut wird, wenn ich weiterhin so orientierungslos durch die Gegend laufe und bereits die ersten grauen Haare auftauchen? Wenn viele verständnislos gucken und ich am Ende meine größte Kritikerin bleibe. Solche Fragen lassen sich nicht klären, und was bietet sich da besser an, als einen therapeutischen Text darüber zuschreiben. Auf der Basis von schlechter Laune und ein bisschen Welthass. „Ich versuche irgendwie lebendig zu sein und mich nicht unterkriegen zu lassen.“ Vielleicht sollte das meine Antwort sein, auf die Frage was denn genau meine Bestimmung sei. Denn gerade fühlt es sich verdammt richtig an.